Wie eine Kulturtechnik verkümmert

Das Berliner Gymnasium, an dem unterrichtet habe, bekam seine Schüler aus über zehn Grundschulen „angeliefert“. Den Lehrkräften der Eingangsklassen (in Berlin ist das die 7. Klasse) war schnell klar, welche Grundschulen ihre Schüler gut auf die Oberschule vorbereitet haben und welche nicht. In Deutsch beherrschten einige Schüler schon Wortarten und  Satzglieder, während andere  diese Fachbegriffe noch nie  gehört hatten. Auch beim Lesen gingen die Leistungen weit auseinander. Ich habe erlebt, dass (männliche) Schüler mich vor der Stunde baten, sie nicht laut vorlesen zu lassen, weil „sie das nicht können“. Sie wollten sich nicht vor ihren Mitschülern blamieren. Diese Unterschiede bestanden nicht  nur – was inzwischen gesichertes Wissen ist – zwischen Schülern aus kulturell unterschiedlich geprägten Elternhäusern. Die Leistungen differierten nach der Grundschule, die die Schüler jeweils  absolviert hatten. Man kann also den Schluss wagen, dass  es Schulen gibt, die ihren Auftrag, die Kinder auf die weiterführenden Schulen vorzubereiten, ernst nehmen und dabei auch erfolgreich sind, und solche, die sich eher einer Laissez-faire-Pädagogik verschrieben haben.

Das Üben nicht länger verachten

Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse der „Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung“  2016 (Iglu) haben ergeben, dass jeder fünfte Viertklässler nur eingeschränkt lesen kann und deshalb die Voraussetzungen für den Übergang in eine weiterführende Schule nicht erfüllt. Bei der Diskussion über diesen deprimierenden Befund wurde stets betont, dass es an der wachsenden Heterogenität in den Grundschulklassen liege. Die Lehrer seien dabei überfordert, die extrem unterschiedlichen Lernvoraussetzungen durch didaktische Konzepte zu überbrücken. Das mag durchaus eine Rolle spielen. Meine Erfahrungen mit den Schülern der Berliner Grundschulen zeigen jedoch, dass bei der  Grundschuldidaktik selbst etwas im Argen liegt. Das  beharrliche Üben in  Rechtschreibung, Grammatik und im Lesen ist nicht nur aus der Mode gekommen, es wird von „fortschrittlichen“ Pädagogen  sogar als „Drill“ und „Abrichtung“ stigmatisiert. Zu den größten Missverständnissen des modernen Unterrichts gehört die Annahme, die Schüler könnten sich den Lernstoff spielerisch,  ohne ständiges Üben aneignen und nachhaltig  merken. Bei den Fremdsprachen ist augenscheinlich, dass nur die Schüler dauerhaften Erfolg haben, die die Vokabeln und grammatischen Formen beharrlich üben, alte Vokabelbestände  auch ständig wiederholen. Warum sollte das in der Muttersprache anders sein?

Es verblüfft einen immer wieder, wenn man Briefe von Menschen liest, die zu Anfang des 20ten Jahrhunderts zur Schule gegangen sind. Sie schreiben in einem nahezu fehlerfreien Deutsch. Oft haben sie nur die „Volksschule“ (so hieß damals die Grundschule) mit nur acht  Schuljahren besucht. Sie haben ein fehlerfreies Deutsch gelernt, weil  Rechtschreibung und  lautes Lesen mit einer Beharrlichkeit geübt wurden, die heute völlig undenkbar wäre. Es ist wie beim Erlernen eines Musikinstruments. Tausende Übungsstunden müssen aufgewandt werden, bis man das Instrument beherrscht. Wenn dann  als Lohn die perfekte öffentliche  Darbietung gelingt, wird kein Musiker im Nachhinein den aufgewandten Übungsfleiß als Drill bezeichnen.

Vielleicht haben die Didaktiker der alten Zeit mehr von der Beschaffenheit unseres Gehirns gewusst – oder  geahnt -,   als wir ihnen aus heutiger Sicht  zugestehen wollen. Die physiologische Gehirnforschung vertritt nämlich die Ansicht, dass das, was wir  Merkfähigkeit nennen, durch die Stimulation  der Synapsen, der Schaltstellen zwischen den Gehirnzellen,  entsteht. Unterschiedlich starke und unterschiedlich häufige Stimulationen  der Synapsen  führen, so die Erkenntnis der Forschung, zu unterschiedlich ausgeprägten Reaktionsmustern  in den Synapsen. Die Merkfähigkeit hängt also nicht nur von der Stärke des Lernimpulses ab, sondern auch von dessen Häufigkeit. In die Sprache der Didaktik übersetzt heißt das, dass man nachhaltiges Lernen durch anschauliche Lehrmethoden, vor allem durch Eigentätigkeit der Schüler, bewirken kann, aber auch durch beständiges wiederholendes Üben des schon Gelernten. Warum sollte man  das  Drill nennen, was uns das eigene Gehirn als eine  erfolgversprechende Lernmethode vorgibt? Es ist an der Zeit, dass sich die Lehrer  gegen  die unwissenschaftliche  Verächtlichmachung des Übens verwahren.

Auf die Elternhäuser kommt es an

Die Iglu-Studie 2016 hat enthüllt, dass Schüler, die in einem Haushalt mit über 100 Büchern aufwachsen, ihren Mitschülern bei der Leseleistung ein ganzes Schuljahr voraus sind. Das kulturelle Niveau der Elternhäuser ist anscheinend von ausschlaggebender Bedeutung. In allen OECD-Studien wird betont, dass  es das deutsche Schulsystem nicht schaffe, den Schulerfolg der Kinder vom sozialen Status der Eltern zu entkoppeln. Unsere Bildungspolitiker machen sich  dieses Urteil zu eigen, ohne zu bedenken, dass die Grundlagen für die  Ungleichheit im Elternhaus gelegt werden. Was sechs Jahre lang schief gelaufen ist, kann in der Schule  anscheinend nicht oder nur begrenzt  korrigiert werden. Warum ist das Elternhaus so prägend? Die Benachteiligungen von Kindern beginnen, wie man heute weiß, sehr früh. Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern  regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern  elaboriert reden und  diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen  Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im  hintersten Waggon des Geleitzuges. Wenn man dies weiß, gibt es nur einen erfolgversprechenden Weg. Die Eltern aus sozial schwachen Familien müssen mehr in die Pflicht genommen werden, damit sie lernen, ihren Kindern eine motivierende häusliche Umgebung  zu schaffen. Dabei kann man von einer Einrichtung lernen, die es in einigen Großstädten schon gibt. In  Wohnvierteln, die überwiegend  von  Migranten bewohnt werden, hat sich eine Einrichtung besonderes bewährt: die Arbeit der Stadtteilmütter. Dies sind Frauen, die selbst ein Einwanderungsschicksal haben und die sich als häusliche Beraterinnen betätigen. Sie haben eine  kompakte Ausbildung in Kindererziehung, Erwachsenenbildung und Gesprächsführung absolviert und beraten im häuslichen Gespräch vor allem Mütter aus der Migrantenschicht, die wegen mangelnder Sprachkenntnisse nie zu einer öffentlichen Familienberatung gehen würden. Die Stadtteilmütter vermitteln Informationen zur Kindererziehung, zu Gesundheit und Familienrecht, zur Sprachförderung und zum Medienkonsum. Auch Suchtprophylaxe und Hilfe bei häuslicher Gewalt stehen auf dem Programm. Untersuchungen haben den Erfolg des Einsatzes der Stadtteilmütter bestätigt. Sie schaffen es auf der Basis gegenseitigen Vertrauens, die Mütter, die oft aus einem uns sehr fremden Kulturkreis stammen, für die Entwicklungsprobleme ihrer Kinder zu sensibilisieren und das Erziehungsverhalten in die richtigen Bahnen zu lenken. Dieser Einsatz kann die Defizite, die Kinder aus der Migrantenschicht zwangsläufig haben, zumindest teilweise kompensieren.  Durch  diese Hilfestellung wird  ihnen der  Start in der Grundschule erleichtert. Es versteht sich von selbst, dass die Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern und aus der Migrantenschicht die Kita besuchen sollten, weil sie dort das anregende Umfeld erwartet, das ihre Eltern ihnen allzu oft nicht bieten können.

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

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