Das Bildungsroulette

Ich kann mich noch gut an den Brief einer Schülerin erinnern, die mit ihren Eltern von Berlin nach München gezogen war. Sie klagte darüber, dass sie, die ehemals gute Schülerin, in München nur im Mittelfeld landete. In zwei wichtigen Fächern (Englisch und Mathematik) war die Klasse im Stoff  über ein ganzes Schuljahr weiter als ihre Berliner Klasse. Sie beschrieb den Unterricht als straff geführt, die gestellten Aufgaben als absolut verbindlich – kurzum: Es handelte sich um die Leistungskultur, die die Berliner Schulen – auch die Gymnasien – allzu oft vermissen lassen. Die Schülerin schaffte, wie sie mir später mitteilte, mit großen Anstrengungen den Anschluss und bald darauf auch das Abitur. Sie konnte sich damit trösten, dass das bayerische Abitur unter der Hand mehr wert ist als das anderer Bundesländer. Bei Bewerbungsgesprächen gilt es als besonderes Qualitätssiegel.

Wie man an diesem Beispiel  sieht, kann der beruflich bedingte Wechsel einer Familie in ein anderes Bundesland die Bildungschancen der Kinder erheblich beeinflussen. Und da Bildungschancen, wie die Politiker nicht müde werden zu betonen, zugleich Lebenschancen sind, können  durch ein mangelhaftes Schulsystem die Lebensperspektiven eines jungen Menschen stark  beeinträchtigt werden, wenn er  im „falschen“ Bundesland lebt oder nach einem Umzug in der „falschen“  Stadt landet.

Art. 72 unseres Grundgesetzes verbürgt  die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ in allen Teilen der Republik. Um sie zu realisieren, kann der Bund sogar in Form von Bundesgesetzen in Landesrecht eingreifen. Bisher wurden unter der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse immer nur berufliche Chancen und   soziale Sicherheit der Bürger verstanden. In der alten Bundesrepublik gab es die Förderung für das Zonenrandgebiet. Firmen, die sich in einem Streifen von 40 km entlang der innerdeutschen Grenze ansiedelten, erhielten großzügige Steuernachlässe und Investitionszulagen. Nach der Wiedervereinigung war das Programm „Aufbau Ost“  dazu gedacht, in Ost und West gleiche Lebensverhältnisse herzustellen

Kein Mensch hat sich bislang Gedanken darüber gemacht, dass Menschen auch dann in ihren Lebenschancen beeinträchtigt werden, wenn sie gezwungen sind, ihre Kinder schlechten Schulen anzuvertrauen. Bildung ist seit 1949 Ländersache. Trotz des Trends zu immer größerer Vermischung der Bund-Länderkompetenzen (Stichwort: Aufhebung des  Kooperationsverbots) gilt die Befugnis für  die Bildung immer noch als die Kernkompetenz der Landesregierungen, die sie  sich auf keinen Fall aus der Hand nehmen lassen wollen. Der Grund liegt darin, dass Bildung  der Bereich ist, wo man als Politiker noch größte Gestaltungsmöglichkeiten  besitzt. Weniger euphemistisch ausgedrückt: In der Bildungspolitik kann man der Parteiideologie freien Lauf lassen.

Wie das funktioniert, konnte man 2011 studieren, als in Baden-Württemberg die grün-rote Landesregierung unter Winfried Kretschmann die Arbeit aufnahm. Mit einem  nie gesehenen Eifer wurde binnen Monaten das bewährte Schulsystem des Landes „umgepflügt“. Die Dreigliedrigkeit des Systems war fortan verpönt. Die Kommunen wurden als Schulträger gezwungen, eine neue Schulform einzurichten: die Gemeinschaftsschule. Ohne wissenschaftlichen Vorlauf und ohne die Ergebnisse von Studien zur Qualität dieser Schulform abzuwarten, wurden Hunderte davon gegründet. Inzwischen weiß man, dass die Leistungen dieser Schulform qualitativ hinter denen der herkömmlichen Schulformen zurückbleiben. Aber auch die anderen Schulen im Ländle   haben unter der grün-roten Reformhektik gelitten. Der IQB-Bildungstrend von 2016 enthüllte, dass  Neuntklässler in Baden-Württemberg in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch  über alle Schularten hinweg weit unter dem Bundesschnitt abschnitten. Auch der VERA-8-Vergleichstest offenbarte bei den Schülern  erhebliche Leistungsschwächen. In der Gemeinschaftsschule waren sie besonders schwach. In Mathematik erreichten 64 Prozent nur die Kompetenzstufe I, die unter dem Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss liegt. In Englisch waren es 48 Prozent und in deutscher Orthographie ebenfalls 48 Prozent. Die Schüler der Realschule, die durch die Gemeinschaftschule abgelöst werden sollte, schnitten deutlich besser ab. Deutlicher kann ein Qualitätsurteil über eine neue Schulform nicht ausfallen.

Inzwischen  gibt es in Baden-Württemberg  eine  grün-schwarze Landesregierung, in der die CDU das Bildungsressort übernommen hat. Die Ministerin Susanne Eisenmann will das Ruder herumwerfen und vor allem die Qualität des Unterrichts verbessern, und zwar, wie sie sagt,  auf Basis wissenschaftlicher Daten. «Mit unserem Qualitätskonzept wollen wir erreichen, dass sich die Unterrichtspraxis künftig am aktuellen Stand der Wissenschaft und auf Grundlage abgesicherter Erkenntnisse ausrichtet». Dieser Satz hat es in sich, kritisiert er doch, dass die Bildungsverwaltung unter ihrem Vorgänger Andreas Stoch (SPD) Unterrichtsmethoden geduldet oder sogar gefördert hat, die – gelinde gesagt- in ihrer Wirksamkeit umstritten sind. Damit sind  die fragwürdige Schreiblernmethode „Schreiben nach Gehör“ und das „individuelle Lernen“ mit der Lehrkraft als Lernbegleiter gemeint. Es bleibt abzuwarten, ob die Heilkur gelingt und die Schüler in Baden-Württemberg wieder zu den Spitzenleistungen aus der Vergangenheit aufschließen können.

Jedes Jahr veröffentlicht das „Institut der deutschen Wirtschaft“ in Köln seinen Bildungsmonitor. Im jüngsten Bericht des Jahres 2017 ist zu lesen, dass sechs Bundesländer, die von rot-grünen Landesregierungen geführt werden, die sechs letzten Plätze im bundesdeutschen Ländervergleich belegen. Schlusslicht ist seit Jahren Berlin. Gemessen werden die Leistungen bei Vergleichstests und die Zahl qualifizierter Schulabschlüsse. Man geht  wohl nicht fehl in der Annahme, dass das schlechte Abschneiden der Schüler in diesen Bundesländern einer falschen Weichenstellung in der Schulpolitik geschuldet ist. Seit Jahren werden SPD und Grüne  nicht müde zu fordern, in der Schule müsse es endlich „gerecht“ zugehen. Unter gerecht verstehen sie  das Prinzip des „längeren gemeinsamen Lernens“ aller Schüler – ungeachtet ihrer Begabung, ihrer Vorbildung  und ihrer Lerneinstellung. In einigen Bundesländern geht dieses Postulat so weit, dass es den Schulen untersagt ist, die Schüler in sog. Fachleistungskursen zu unterrichten. Diese Differenzierung erinnert die rot-grünen Planer zu sehr an die „Selektion“ im gegliederten Systems, die sie ja mit aller Macht überwinden wollen. Die Leidtragenden dieser  rigiden Festlegung sind die Schüler. Es gehört zu den tragischen  Resultaten sozialdemokratischer Schulpolitik, dass sie sogar die erfolgreiche Schulform, die sie einst selbst erfunden hat, – die Gesamtschule, auf dem Altar eines fragwürdigen Egalitätskonzepts zu opfern bereit ist. Das Resultat kann man dann Jahr für Jahr im Bildungsmonitor  ablesen. Wenn in der Schule Sozialpolitik die Pädagogik verdrängt, geht das immer zu Lasten der  Schülerleistungen. Die Schüler werden an der optimalen Entfaltung ihrer Begabungen gehindert und müssen mit mittelmäßigen oder gar schlechten Leistungen vorlieb nehmen.

Die Frage bleibt: Warum werden Schüler einem bildungspolitischen Experiment mit ungewissem Ausgang ausgesetzt, wo  Bildung  doch Lebenschancen gewähren soll?

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethoden

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