Warum Privatschulen so erfolgreich sind

Privatschulen sind ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt, seit bekannt wurde, dass die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig (SPD) ihren Sohn ab der 5. Klasse auf eine Privatschule schickt. Als Grund gibt sie die Nähe der Schule zum Wohnort an. In der Öffentlichkeit  wurde diese Entscheidung krisiert, wird doch die SPD nicht müde zu fordern, der Schulerfolg der Kinder dürfe nicht länger vom Geldbeutel der Eltern abhängen und das längere gemeinsame Lernen (an der staatlichen Schule) sei ein Gebot der Gerechtigkeit. Der folgende Beitrag soll zeigen, dass die Wahl einer Privatschule für das eigene Kind unter Umständen die erste Wahl sein kann.

 

Vorrang  des Pädagogischen

 Eltern sind wählerisch, wenn es um die Suche nach der richtigen Schule für ihre Kinder geht. Sorgfältig prüfen  sie die „Bonität“ der in Frage kommenden Schulen – also ihre pädagogische Qualität. Sie lesen die Berichte der staatlichen Schulinspektion und sprechen mit Schulangehörigen: mit Eltern, Schülern und Lehrern. Auch Schulen in privater Trägerschaft kommen bei der Schulwahl  in Betracht, vor allem dann, wenn sich die staatliche Schule im Wohnumfeld als nicht besonders leistungsstark erweist. Wenn keine passende Schule „im Angebot“ ist, gründen Eltern auch  gerne selbst eine Privatschule. In den letzten Jahren war  ein richtiger Gründungsboom zu verzeichnen. Gründungshauptstadt ist Berlin, wo vor allem in den Bezirken mit bildungsbeflissenen Eltern (Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain) viele Privatschulen ihre Arbeit aufgenommen haben. Zwei Privatschulen im Arbeiterbezirk Wedding versuchen seit kurzem  das Novum, ihre Einrichtung  ohne Schulgeld, nur durch Spenden zu betreiben. So  wollen sie unterprivilegierten Kindern den Schulbesuch ermöglichen.

Die weltanschaulichen und pädagogischen Grundlagen der  neu entstandenen  Schulen  sind so vielfältig wie das Leben selbst: Es gibt christlich gebundene, anthroposophisch geprägte Schulen (Waldorf-Pädagogik nach Rudolf Steiner), Montessori-Schulen und  Landerziehungsheime, die der Reformpädagogik („Lernen mit Herz, Kopf und Hand“) verpflichtet sind. Sehr begehrt sind konfessionell geführte Schulen,  von denen sich die bildungsbürgerlich geprägten Eltern eine an Werten orientierte Erziehung versprechen.   In Berlin, der  „Hauptstadt des Atheismus“, sind  konfessionelle Gymnasien besonders gefragt. Sie schneiden   nämlich  im Ranking der Schulverwaltung besonders gut ab. Unter den besten Gymnasien Berlins  belegen   folgende Schulen Spitzenplätze: die „Evangelische Schule Frohnau“, das katholische „Canisius-Kolleg“, das „Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster“ und die „Katholische Schule Liebfrauen“.

Neben diesen weltanschaulich ausgerichteten  Privatschulen gibt es auch „wertneutrale“ Schulen, die sich vor allem der   modernen – auch technischen –  Entwicklung  unserer Gesellschaft  verpflichtet fühlen. Es sind Schulen mit naturwissenschaftlichem  Profil  mit einem  Schwerpunkt  auf den MINT-Fächern   oder Schulen mit Bilingualität.

All diesen Schulen in freier Trägerschaft ist ein Merkmal gemeinsam, das sie zugleich von den staatlichen Schulen unterscheidet. Sie vertreten eine spezielle Pädagogik, die das Lernen der Schüler, aber auch das Klima der ganzen Schule prägt. Dabei ist auffällig, dass das erzieherische Moment gleichberechtigt neben das (aus)bildende Element tritt. Man könnte also durchaus von einer ganzheitlichen  Lern- und Erziehungskultur sprechen.

Privatschulen sind die didaktischen Pioniere des Schulwesens, weil sie – befreit von staatlichen Zwängen und engen schulpolitischen Vorgaben –  pädagogische Neuerungen ausprobieren können.  Wenn sie sich bewähren, werden sie ohne bürokratische Hürden in den pädagogischen Alltag integriert. Viele der vermeintlich modernen Errungenschaften,  wie z. B. Projektunterricht und fächerverbindendes Lernen, wurden in der reformpädagogischen Blütezeit zu Anfang des 20. Jahrhunderts von Privatschulen „erfunden“. Privatschulen bleiben vor allem von dem ständigen Hü und Hott verschont, das die Staatschule immer nach Regierungswechseln in Mitleidenschaft zieht. Deshalb können sie ihr pädagogisches Konzept  in aller Ruhe  entwickeln und verfeinern.

Regelungswut oder Vorrang des Pädagogischen

Die Staatsschule hat in den letzten Jahren eine Entwicklung genommen, die von immer weniger Eltern goutiert wird. Das staatlich verordnete Regelwerk ist so umfangreich und komplex, dass es nicht nur Bände füllt, sondern kaum noch verstanden werden kann – auch nicht von Lehrern. Die Vorschriften über vergleichsweise harmlose  pädagogische Unternehmungen  wie einen Wandertag lesen sich wie  EU-Verordnungen aus Brüssel. Was ist von einer Schule zu halten, in der nur noch ein einziger  Experte – der Pädagogische Koordinator  – das Regelwerk der Gymnasialen Oberstufe und des  Abiturs versteht? Begründet wird die Regelungswut mit der Notwendigkeit, schulische Abläufe justiziabel zu regeln, weil immer mehr Eltern bereit seien, im Konfliktfall ihr Recht einzuklagen. Dass dabei das Pädagogische hinter dem Rechtlichen verschwindet, ficht die Schulpolitiker und ihre ausführenden Beamten nicht an. Deshalb erinnern  unsere Schulen eher  an Lernfabriken  denn an die pädagogische Anstalt, die die großen Bildungsreformer von Comenius  („Alles fließe aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern den Dingen“) über   Pestalozzi  („Hilf mir, es selbst zu tun!“)  bis zu Ellen Key („Das Jahrhundert des Kindes“) vor Augen hatten.

Privatschulen sind, wenn sie gut geführt werden, das schlichte Gegenteil der überregulierten Staatsschule. Sie beharren auf dem Vorrang des Pädagogischen und ordnen den  erzieherischen Leitzielen alle  Abläufe  und Regularien   unter.  So geht es in  den christlichen Schulen  um die Formung der  Persönlichkeit als Geschöpf Gottes, das  dazu bestimmt   ist, seine Anlagen optimal  zu entfalten. In den reformpädagogischen Schulen wird darum gerungen, geistige, seelische und manuelle Fähigkeiten der Kinder  gleichermaßen zu entwickeln.  Der Umgang mit den Schülern, die Organisation der Lernprozesse  und die Gestaltung des Schulalltags leiten sich aus diesen Prämissen ab.

Persönlichkeitsbildung als Erfolgsrezept

Dass  den Privatschulen  die Bildung der Persönlichkeit  der Schüler  ein wichtiges Anliegen ist, kann man an den vielen Projekten ablesen, mit denen sie das Lernen bereichern. Oft sind es soziale Projekte,  wie die Kooperation mit Suppenküchen, Seniorenheimen oder Asylbewerber-Unterkünften, bei denen die Schüler lernen, sich ihrer sozialen Verantwortung in der Gesellschaft bewusst zu werden. Die wertehaltige Erziehung und Bildung kann man auch daran ablesen, dass viele Schulen Kooperationen mit Naturschutzprojekten eingehen, ja, dass sie selbst solche Projekte eigenverantwortlich durchführen. All diese Unterrichtsprojekte  ermöglichen  es  den Schülern,  primäre Erfahrungen im praktischen Leben zu sammeln.  Als  Gegenpol zu den sekundären Erfahrungswelten, die  die modernen Medien in Permanenz vermitteln, ist dies nicht zu unterschätzen.  Bildungsbewusste Eltern schätzen es, wenn die Schule den  medialen  Verlockungen eine lebendige Erlebnis-Pädagogik entgegensetzt.

Es ist die Gelassenheit im täglichen Umgang miteinander, die Außenstehende immer wieder von Neuem beindruckt, wenn sie eine privat geführte Schule  von innen erleben.  Ein Grundsatz  des Reformpädagogen Hartmut von Hentig scheint in diesen Schulen lebendig zu sein:  „Wenn die Ziele groß  sind, können die Schritte klein sein.“  Wer sich diesem  Wort verpflichtet fühlt, kann das pädagogische  Handwerk offensichtlich  mit Selbstverständlichkeit und  Gelassenheit  betreiben. Diesen  Handwerkerstolz des ambitionierten  Pädagogen findet man an staatlichen Schulen nur noch selten.

Von dem  geistreichen  romantischen  Ironiker Jean Paul stammt die schöne Charakteristik der Schule als einer  Institution, die  ein erfülltes  Leben  ermöglicht: „Alles Lernen war mir Leben“.  Das Miteinander der lernwilligen Knaben in der Schule war für ihn die „Seligkeit des Miteinanderhausens“.  Wenn es  die Schulen in privater Trägerschaft   schaffen, ihren Schülern ein wenig von dieser  „Seligkeit“ zu vermitteln,  haben sie einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung unseres „stressgeplagten“   Schulwesens geleistet.

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft, Privatschulen, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

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