Stress in der Schule

Eine Studie, die das Institut für Psychologie und das Zentrum für angewandte Gesundheitswissenschaften (ZAG) der Leuphana Universität Lüneburg für die Deutsche Angestellten- Krankenkasse (DAK) erarbeitet haben, hat ergeben, dass in Deutschland jeder dritte Schüler unter Krankheiten leidet, die durch Schulstress hervorgerufen werden. Sie haben Schlafstörungen, leiden unter Kopf-,  Rücken- oder  Bauschschmerzen.

Die Studie erklärt leider nicht, was die Stressursachen im Einzelnen sind. Deshalb ist man auf Vermutungen angewiesen. Eine Aussage betrifft die Unterschiede hinsichtlich der Schulformen. Danach werden Schüler, die das  Gymnasium besuchen,  weniger von Stress-Symptomen heimgesucht als Schüler an den anderen Schulformen, den Sekundar- und Gesamtschulen. Da gleichzeitig gesagt wird, dass Schulstress vor allem in Klassenverbänden auftritt, die den friedlichen Umgang der Schüler untereinander vermissen lassen, kann man annehmen, dass an den Gymnasien das friedlichere Lernklima herrscht. Das ist kein Wunder, sind doch die Lerngruppen dort einigermaßen homogen, so dass die für heterogene Lerngruppen typischen Verlierer-Gefühle weniger häufig auftreten. Wer schon einmal an einer Gesamt- oder Sekundarschule unterrichtet hat, konnte erleben, dass die Schüler, die auf Grund mangelnder Begabung oder schlechter häuslicher Fürsorge ins Hintertreffen geraten, ihre Versagensgefühle durch Aggressivität und Mobbing kompensieren. Wenn es dann der Lehrkraft nicht gelingt, für ein friedliches Miteinander zu sorgen, sind die Konflikte und damit auch die Stress-Symptome bei den Schülern vorprogrammiert. Es gibt natürlich auch am Gymnasium Mobbing. Es tritt aber weniger häufig auf, weil dort  weniger Schüler als an  anderen Schulformen im Wettkampf des Lernens zu den Verlierern zählen.

Interessant ist die Aussage der Studie,  Mädchen seien häufiger von Schulstress betroffen als  Jungen. Das klingt plausibel, da die Mädchen in der Schule ehrgeiziger sind als die Jungen. Und überspannter Ehrgeiz führt, vor allem wenn er nicht durch gute Leistungen „befriedigt“ werden kann, zu Stress. Die Jungen haben es da leichter, da sie ihr Selbstwertgefühl weniger häufig als die Mädchen von den Ergebnissen bei Klassenarbeiten oder  Zeugnisnoten ableiten. Sie haben zur Profilierung vor allem den Sport und auch die Rauflust, der sie sich bis in die Pubertät hinein lustvoll hingeben. Besonderen Ehrgeiz habe ich auch bei Mädchen  mit muslimischem Hintergrund erlebt. Sie wollten in der Schule unbedingt erfolgreich sein, weil sie wussten, dass sie nur über einen hochwertigen (akademischen) Beruf dem Schicksal als junge Ehefrau und Mutter entfliehen können, das in vielen muslimischen Familien den Mädchen zugedacht ist.

Dass auch  Lehrkräfte durch ungeschicktes oder unprofessionelles Verhalten  für Schulstress verantwortlich sind, ist nicht von der Hand zu weisen.  Die  Lehrkraft muss so mit den Schülern umgehen, dass sie nicht über Gebühr unter dem Stress leiden, dem ein Einzelwesen in einer Gemeinschaft immer ausgesetzt ist, vor allem wenn die Gemeinschaft von Konkurrenz geprägt ist. Leider erlebt man immer noch Lehrkräfte, die ihrem Unvermögen, eine Klasse so zu führen, dass ein angstfreies Lernen möglich ist, mit Hilfe des Zensurenknüppels nachhelfen. Mir haben Schüler erzählt, dass der neue Mathematiklehrer schon in der ersten Stunde sagte: „Dass ihr eines wisst: Bei mir bekommt jeder, der die Hausaufgaben nicht erledigt, eine Sechs!“ – Dass eine solche Straf-“Pädagogik“ einschüchternd wirkt und  bei den Schülern Angst  zu erzeugen vermag, liegt auf der Hand.

Lehrkräfte wenden viel zu selten das Mittel an, dass im Umgang mit jungen Menschen unverzichtbar ist: Humor. Humorvollen Lehrkräften gelingt es oft spielend,  Konfliktsituationen, die sich aufgeschaukelt haben, zu entkrampfen. Wer nicht über die Gabe des Humors verfügt, hat es sichtlich schwerer, mit den alltäglichen Widrigkeiten in der Schule klar zu kommen. Ich habe einen Referendar erlebt, der einen Neuntklässler, der beim Kippeln vom Stuhl gefallen war, mit einer Strafarbeit in den „Ruheraum“ der Schule geschickt und ihm noch die Botschaft mitgegeben hat, er werde seine Eltern von dem Vorfall unterrichten. Die Klasse war empört, weil sie diese Strafe für überzogen empfand. Der Lehrer hat durch seine Ungeschicklichkeit ohne Not eine Konfliktsituation geschaffen, die in der Folge auch seinen Unterricht belastet. In der Nachbesprechung riet ich dem jungen Lehrer, es künftig in solchen Situationen  mit Humor zu probieren, etwa so: „Na, Peter, das hast du aber schon mal besser gekonnt, da musst du noch mal ein wenig üben…“. Wenn man so vorgeht, hat man zum einen die Situation entkrampft, zum anderen die Klasse für sich eingenommen. Schüler lieben nämlich solche „coolen“ Lehrer.

Verantwortungsbewusste  Lehrkräfte veranstalten mit ihren Schülern ein Antimobbing-Training, das heutzutage von professioneller Seite angeboten wird. Im Rollenspiel lernen die Schüler, sich gegen Mobbing zu wehren, aber auch Klassenkameraden, die von Mobbing betroffen sind, beizustehen. Die Erfahrungen zeigen, dass Klassen, die ein solches Training absolviert haben, im Umgang friedfertiger sind  als Klassen ohne Training.

Wenn die Lehrkraft  Hilfe für lernschwache Schüler organisiert, kann sie dazu beitragen, Stress in der Klasse abzubauen. Günstig sind  Patenmodelle nach dem Motto „Wir lassen keine(n) zurück!“ – Schülern mit fachlichen Schwächen werden lernstarke Schüler zugeteilt, die vor Klassenarbeiten und Tests mit ihnen den Stoff wiederholen. Da es keinen Schüler gibt, der nicht in irgendeinem Fach  Stärken hat, kann jeder mal in die Rolle des „Unterrichtenden“ schlüpfen, was seinem Selbstwertgefühl gut tut. Auch hier  sind die Erfahrungen sehr positiv. Es gibt Klassen, die es die ganze Sekundarstufe I hindurch  geschafft haben, das Sitzenbleiben von Schülern zu vermeiden. Es ist überflüssig zu betonen, dass dieses Patenmodell auch  dazu beigeträgt, die Klassengemeinschaft zu stärken und Stressgefühle zu vermindern.

Zusammengefasst kann man folgende Stress-Vermeidungsstrategien formulieren:

  • Eltern sollten vermeiden, ihre Kinder auf eine Schule zu schicken, für die ihre geistigen Gaben nicht ausreichen. Solche Schüler leiden mitunter jahrelang an Minderwertigkeitsgefühlen, die immer mit Stress und den entsprechenden Krankheitssymptomen einhergehen. Die Gesundheit der Kinder sollte wichtiger sein als der Ehrgeiz der Eltern.
  • Die Lehrkräfte sollten dafür sorgen, dass in ihren Klassen eine angstfreie Atmosphäre herrscht, die ein Lernen ohne Neid, Missgunst und Häme ermöglicht. Wer dies nicht schafft, sollte Fortbildungen besuchen, die den Umgang mit Schulklassen vermitteln.
  • Antimobbingtraining für die ganze Klasse und Förderunterricht für lernschwache Schüler sind probate Mittel, die Zufriedenheit in der Lerngruppe zu sichern, die angst- und stressfreies Lernen ermöglicht.
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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers

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