Ein Schritt vorwärts – zwei Schritte zurück

Alarmierender  Rückschritt in der Schulqualität

Mitte August 2017 wurde der „Bildungsmonitor 2017“ veröffentlicht, der vom „Institut der deutschen Wirtschaft“ in Köln jedes Jahr herausgegeben wird. Diese Studie untersucht die Qualität von Bildung in Schule und Hochschule  und erstellt daraus ein Ranking der Bundesländer. Wie  zu erwarten war, belegen auch dieses Jahr  die Länder Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg  die vordersten Plätze. Die drei Länder Nordrhein-Westfalen, Bremen und Berlin rangieren am Ende  der Tabelle. Studiert man die Ergebnisse der Studie im einzelnen, fallen einige Verbesserungen ins Auge. So nahm die Qualität in den Handlungsfeldern Internationalisierung um 16,5 Punkte, bei der  Förderinfrastruktur um 10,7 Punkte und bei den  Betreuungsbedingungen um 8,8 Punkte zu. Alarmierend ist hingegen die Abnahme der Schulqualität um 7,3 Punkte. Diese Verschlechterung ist deshalb besorgniserregend, weil die Schulqualität den Kernbereich der Bildung betrifft.

Was versteht man unter Schulqualität? Es ist die Fähigkeit der Lehrkräfte einer Schule, den Schülern die Bildung zu vermitteln, mit deren Hilfe sie bestmögliche Abschlüsse erreichen können. Die Studie nennt außer der Qualität der Lehrkräfte  drei weitere Faktoren, die die Schulqualität beeinflussen. Zum einen die Autonomie der Einzelschule. Ihre Selbstständigkeit ist wichtig, um eine eigene Unterrichtskultur ausbilden zu können, die nicht ständig durch engmaschige administrative Vorgaben konterkariert wird. Wenn eine Schule ein eigenes Budget selbstständig verwalten und die Lehrkräfte eigenständig einstellen darf, wird das zwingend zu einer Leistungssteigerung der Schule führen. Das Institut spricht sich ferner für einen Qualitätswettbewerb der Schulen untereinander aus, weil dies  der Schulqualität förderlich sei. Wenn Schulen gleicher Schulform miteinander im Wettbewerb stehen, werden sie gezwungen,  ein Qualitätsmanagement zu entwickeln, das alle Schwachstellen aufspürt und sie gezielt bekämpft. Über Vergleichsarbeiten, die Qualität der Schulabschlüsse und über die Auswertung von Vergleichstests, wie z.B.  VERA, kann man die Qualität der Schulen gut  miteinander vergleichen. Die Studie hat, um die Schulqualität  zu messen, die durchschnittlichen Kompetenzen in Mathematik, Naturwissenschaften und im Textverständnis in Deutsch berechnet.  Es ist zu vermuten, dass die Abnahme der Schulqualität im Durchschnitt aller  Bundesländer  darauf zurückzuführen ist, dass die Lernergebnisse in diesen drei Fächern schlechter geworden sind.

Wie konnte dies geschehen? Die Studie hält den „Schulfrieden“ für eine entscheidende Voraussetzung, um gute Unterrichtsergebnisse zu erzielen. Dieser Schulfrieden sei in einigen Ländern durch ständige Strukturreformen beeinträchtigt worden, wozu auch das Hin und Her um  G8 und G9 zählt. Jede Veränderung der Schulstruktur bindet im Lehrkörper Kräfte, die bei der Sicherung der Unterrichtsqualität sinnvoller eingesetzt wären. Zudem sind die Reibungsverluste durch  neue Strukturen  nicht zu unterschätzen. Die Studie hält es deshalb  für notwendig,  „die in vielen Ländern geführte Strukturdebatte in eine Qualitätsdebatte umzuwandeln.“ Es gelte,  „die Schulstruktur anhand der Qualitätsziele auszurichten und nicht umgekehrt.“ (Studie)Dieses Argument klingt plausibel. In einigen Ländern ist viel Kraft darauf verwendet worden, Schulformen zu gründen, die dem Postulat der „sozialen Gerechtigkeit“ gehorchen. Dies sind egalitäre Schulformen, die auf heterogene Klassen und Binnendifferenzierung setzen. Gerade dieses didaktische Prinzip ist jedoch problematisch, weil die Lehrkräfte die extreme Spreizung in der Begabung und in der Lernmotivation innerhalb  der Lerngruppe kaum bewältigen können. Hätten diese Bildungspolitiker das Hauptziel des Bildungssystems im Auge gehabt, nämlich „möglichst alle Kinder und Jugendliche zu guten Schülerleistungen zu führen“ (Studie), hätten diese problematischen didaktischen Konzepte nie entwickelt werden dürfen. Hier kann man  sehen, wie eine gut gemeinte Sozialpolitik das Gegenteil von dem erreicht, was sie intendiert. Sie verfehlt ihr Ziel deshalb, weil sie Grundtatsachen der Pädagogik außer Acht lässt. Eine der Axiome  ist nämlich, dass der Unterricht in homogenen Lerngruppen sehr viel erfolgreicher ist  als in heterogenen. Er ist es schon deshalb, weil der Reibungsverlust durch Disziplinprobleme und Unterrichtsunterbrechungen geringer ist als in  begabungsgemischten Lerngruppen. Der Leistungsabfall in den egalitären Schulformen wird häufig durch gute Noten kompensiert, die, wenn sie inflationär gewährt werden, den Schülern lediglich eine Scheinqualität bescheinigen. Die Stunde der Wahrheit kommt dann immer bei den Vergleichstests (VERA, IQB), bei den Schulabschlüssen oder bei den PISA-Tests. So ist auffällig, dass die Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss seit 2013 steigt, obwohl man, wenn man den Reformeifer der letzten Jahre  und die materiellen Aufwendungen für Bildung in Rechnung stellt, das Gegenteil erwarten dürfte.

Exemplarisch kann man die Defizite in der Schulqualität an Berlin  studieren, das seit Jahren die Rote Laterne im Bildungsvergleich der Länder innehat. Berlin liefert in der Schulqualität, bei  der Bildungsarmut und bei der Integration durch Bildung weit unterdurchschnittliche Resultate. Dies ist umso frappierender, als in Berlin der Anteil der Ganztagsschüler im Sekundarbereich mit 61,9  Prozent gegenüber dem bundesdeutschen Durchschnitt mit 41,5  Prozent sehr  hoch ausfällt. Auch in der Kita  ist der Anteil von Kindern, die ganztags betreut werden, mit 60 Prozent besonders hoch. Die Schwäche in der Schulqualität resultiert also nicht aus Defiziten bei den Rahmenbedingungen. Ihre Ursachen liegen vermutlich im Unterricht selbst  und in den didaktischen Konzepten, die die Berliner Schulbehörde den Schulen vorschreibt. Diese Vermutung stützt sich vor allem durch schlechte Ergebnisse bei den Schulabschlüssen. So betrug 2015 die Abbrecherquote in Berlin 9,6 Prozent gegenüber dem bundesdeutschen Schnitt von 5,6 Prozent. Bei Schülern mit ausländischen Wurzeln leistet sich Berlin eine extrem hohe Zahl  an Schullabbrechern: 21,3 Prozent gegenüber  11,5  Prozent im Durchschnitt der Länder.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Letzten Endes ergibt sich Schulqualität immer  aus einer hohen Unterrichtsqualität. Und diese kann man nur erzielen, wenn man ohne ideologische Vorgaben den pädagogischen  Konzepten Raum gibt, deren Erfolg sich in der Praxis herausgestellt hat. Dazu gehört auch, dass man sich von fragwürdigen Unterrichtsmethoden, wie z.B. dem „Schreiben nach Gehör“ oder dem „individualisierten Lernen“, verabschiedet, da sie den Tauglichkeitstext in der Praxis nicht bestanden haben.

Im laufenden Wahlkampf wird von einer Partei notorisch „mehr Geld für Bildung“ gefordert. Wenn mit dem versprochenen Geld die Sanierung maroder Schulen in Angriff genommen würde, wäre  nichts dagegen einzuwenden. Man sollte sich nur davor hüten, vom materiellen Aufwand für die Schulen umstandslos eine Qualitätssteigerung zu erwarten. Für solche Illusionen hat die Studie eine ernüchternde Aussage parat: „Gleichwohl konnte in internationalen Studien ein Zusammenhang zwischen höheren Bildungsausgaben und besseren Bildungsleistungen bisher nicht nachgewiesen werden.“ Es führt also kein Weg daran vorbei, den Blick auf den Unterrichtsprozess zu lenken und hier nachzubessern.

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Innere Schulreform, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

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