Ist die Schule daran schuld?

 Immer wieder kann man in der Zeitung  lesen, in Deutschland gehe es deshalb ungerecht zu, weil die Aufstiegserwartungen junger Menschen aus der sozialen Unterschicht nicht erfüllt würden. Selbst begabten Schülern falle es zunehmend schwer, in höhere Regionen –  Abitur oder Hochschulabschluss – aufzusteigen.  Die Schuld daran wird fast immer der Schule zugewiesen, die es nicht schaffe, die sozial benachteiligten Schüler ausreichend zu motivieren. Unterstützung bekommen diese Kritiker stets von Organisationen wie der OECD und der Bertelsmann-Stiftung, die seit Jahren  beklagen, dass bei uns der schulische Erfolg  der Kinder noch zu sehr vom Geldbeutel der Eltern abhänge.

Kein vernünftiger Mensch wird leugnen, dass der Bildungsstand entscheidend ist, wenn junge Menschen ins Leben starten. Alle Statistiken belegen, dass die  Arbeitslosigkeit extrem abhängig ist vom erreichten Bildungsstand. So haben 49 Prozent der 1,1 Millionen Arbeitslosen keine Ausbildung. Davon sind ca. 300.000 im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Während die Arbeitslosigkeit für Fachkräfte 4,2 Prozent beträgt (für Akademiker sogar nur 2,6 Prozent), sind es für Menschen ohne Berufsabschluss 20 Prozent. Deutlicher könnte man die Notwendigkeit, einen Schulabschluss oder  einen beruflichen Abschluss zu erwerben, nicht illustrieren.

Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die Schule wirklich die Schuld dafür trägt, dass junge Menschen nicht den formalen Bildungsabschluss erwerben, den sie kraft ihres Vermögens eigentlich erreichen könnten. Seit Jahren beträgt die Zahl der Schulabbrecher, also derjenigen, die die Schule nach Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht ohne Abschlusszeugnis verlassen, knapp 50.000 Schüler. Die Quote stieg in den letzten Jahren sogar  leicht an, obwohl die schulischen Anstrengungen eher besser geworden sind: 2013: 5,6 Prozent, 2014; 5,7 Prozent; 2015: 5,9 Prozent; Bemerkenswert sind dabei regionale Unterschiede. Während die Zahl der Schulabbrecher in Hessen bei 4,2 Prozent liegt, beträgt sie in Sachsen-Anhalt 9,9 Prozent. Auffällig sind auch deutliche Verschlechterungen, wie z. B.  in Hamburg  (von 4,9 Prozent auf 6 Prozent) und Rheinland-Pfalz (von 5,6 Prozent auf 6,4 Prozent).

Wer sich die Bedingungen des niedrigsten Schulabschlusses, des Hauptschulabschlusses (der Name variiert je nach Bundesland), einmal genauer angeschaut hat, reibt sich verwundert die Augen. Um diesen Abschluss zu verfehlen, muss man sich schon gehörig „anstrengen“, oder – anders gesagt – sich gehörig daneben benehmen. Landeseigene Statistiken belegen, dass Schulversagen fast immer einher geht mit extrem ausgeprägtem  Schulschwänzen. Obwohl viele Länder inzwischen Sanktionen für Schwänzen eingeführt haben, die hohe Bußgelder für die Eltern solcher Kinder vorsehen, wurde das Problem bislang nicht nachhaltig  gelöst. Wenn die Eltern Bezieher des Arbeitslosengeldes II sind,  kann das Bußgeld ohnehin nicht eingetrieben werden. Oft haben  die Eltern auch nicht die nötige Autorität bei ihren Kindern, um sie zum Schulbesuch veranlassen zu können. In manchen häuslichen Milieus hat die Schule einen so niedrigen Stellenwert, dass es den Eltern schlicht egal ist, ob ihre Kinder die Schule besuchen und dort  erfolgreich abschneiden.  Wenn die häuslichen Voraussetzungen nicht stimmen, wird  das Schwänzen  zum stillschweigend gebilligten Dauerzustand. Es gibt auch Fälle, in denen Lehrkräfte fehlende Schüler absichtlich nicht gemeldet haben, weil der Unterricht ohne diese oft sehr verhaltensauffälligen Schüler viel besser läuft. Auf diese Weise kommt ein Teufelskreis in Gang, der letztlich dazu führt, dass solche Schüler den Anschluss an die Schule gänzlich verlieren und nur noch darauf warten, dass sie amtlicherseits ausgeschult werden.

Schule hat trotz Spaßpädagogik und Medienzauber  im Klassenzimmer immer noch etwas mit Anstrengung zu tun. Um Vokabeln zu lernen, muss man sich konzentrieren und bei der Sache bleiben. Um mathematische Aufgaben zu lösen, muss man Geduld haben und Niederlagen ertragen können. Wem diese Sekundärtugenden nicht gegeben sind, weil er sie im Elternhaus nie gelernt hat, wird immer auf die Vermeidung von Frustration aus sein. Und die probate Lösung für die Frustrationsvermeidung ist das Schwänzen. In Großstädten hat die Polizei in Zusammenarbeit mit den Schulbehörden Einsatzgruppen gebildet,  die morgens um 10 Uhr, wenn die Einkaufszentren öffnen, durch die Elektronikmärkte flanieren, um Jugendliche einzusammeln, die eigentlich in der Schule sein müssten.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine spezielle Art von Pädagogik, die neuerdings als modern gilt, dazu beigetragen hat, entgegen ihrer eigentlichen Intention die Schulerfolge von Kindern aus sozial schwachen Familien zu erschweren. Ich spreche vom Lernen im stark heterogenen Klassenverband, was für rot-grüne Bildungspolitiker ein Gebot von Gerechtigkeit ist. Da in diesen Schulformen (sie heißen Gemeinschafts- und Sekundarschule) die äußere Differenzierung nach fachlichem Leistungsvermögen nicht erlaubt ist, müssen leistungsstarke Schüler und solche mit starken Lernschwierigkeiten gemeinsam unterrichtet werden. Das moderne Konzept des selbstbestimmten und selbstorganisierten Lernens überfordert aber, nach allem, was  wir wissen, gerade die Kinder aus sozial schwachen Familien,  die zu Hause nicht gelernt haben, sich auf ihre eigene Kraft zu besinnen. Alarmierend  ist die Auskunft von Lehrern und Eltern, dass diese anspruchsvolle Lernform – jeder Schüler ist sein eigener Inspirator – nur für die guten Schüler geeignet sei, während sich die schwachen Schüler, die eher auf die Hilfe der Lehrkraft angewiesen sind, verlassen vorkommen. Auch der Nestor der deutschen Didaktik Hermann Giesecke geht kritisch mit den individuellen Lernformen ins Gericht: „Offener Unterricht […] hindert die Kinder mit von Hause aus geringem kulturellen Kapital daran, ihre Mängel auszugleichen.“ […] „Nahezu  alles, was die  moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.“  Die Befürworter  der Gemeinschaftsschule dürften sich das anders vorgestellt haben. Dass die Zahl der Schulabbrecher gerade in Rheinland-Pfalz und in Hamburg gestiegen ist, lässt sich u. U. gerade darauf zurückführen, dass in diesen Ländern  die egalitären Schulformen dominieren.

Auch im Bereich der beruflichen Ausbildung gibt es  einen  beunruhigenden Trend: 25 Prozent aller Auszubildenden brechen die Lehre ab und gehen lieber jobben. Dabei ist die Rate derer ohne Schulabschluss mit 37 Prozent besonders hoch. Oft liegt der Grund nicht darin, dass die Azubis den praktischen Herausforderungen des Berufs nicht gewachsen wären. Sie scheitern in der Berufsschule, in der sich die Misserfolgserfahrungen, die sie schon in   der regulären Schule erleben mussten,  fortsetzen. Da es heute kaum noch einen Ausbildungsberuf gibt, der mit rein praktischen Fähigkeiten zu meistern ist, ist diese Entwicklung fatal. Die grundlegenden Kulturtechniken – Lesen, Rechnen, Schreiben – und digitale Grundkenntnisse  sind heute für jeden Beruf unverzichtbar. Wer diese Fähigkeiten nicht erwirbt, dem werden  im späteren Leben nur noch ungelernte Tätigkeiten einfachster Art  zur Verfügung stehen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Stimmt es, dass die Schule die Institution ist, die den Aufstieg von Kindern aus sozial schwachen Familien behindert? Wenn man der Sache wirklich auf den Grund geht, kann man diese Frage mit Fug und Recht verneinen. Eine schlichte Zahl bestätigt  dieses Urteil. Als ich in den 1960er Jahren das Gymnasium besuchte, machten nur 15 Prozent eines Schülerjahrgangs Abitur. Heute beträgt die Abiturquote 30 Prozent eines Jahrgangs. In Stadtstaaten wie Berlin (36,9), Hamburg (35,2) und Bremen (35,4) liegt sie sogar noch höher. Das Abitur wird zu 70 Prozent an normalen Gymnasien und zu 30 Prozent an beruflichen Schulen (Fachoberschulen, Oberstufenzentren) erworben. Die Durchlässigkeit von einer Schulform zur anderen, auch die von unten nach oben, ist, wie man sieht,  enorm gewachsen. Und wer das Abitur in der Jugendzeit nicht schafft, kann es dann immer noch berufsbegleitend an der Abendschule des Zweiten Bildungswegs ablegen.

Ich glaube, dass dem Lamento vom blockierten Aufstieg durch Bildung ein grundlegender Irrtum zugrunde liegt. Es ist nicht jedem Kind gegeben, das Abitur zu machen und zu studieren. Der kostbare Rohstoff, den wir Intelligenz nennen, ist nämlich in der Bevölkerung nicht gleichmäßig („gerecht“) verteilt. Wenn man die Intelligenz aller Deutschen mit Hilfe eines Tests messen würde, ergäbe sich die Gaußsche  Glockenkurve der sog. Normalverteilung: 1/4 Hochbegabte, 2/4  Normalbegabte und 1/4  minder Begabte. Letztere können das Abitur bei aller eigener Anstrengung und fremder Unterstützung nicht schaffen. Wenn sich aus dem breiten Mittelfeld einige  der  Nachlässigkeit oder Unlust ergeben, würden auch sie sich den „Aufstieg durch Bildung“ verscherzen. In einer freien Gesellschaft ist eben jeder in gewisser Weise selbst für sein Schicksal verantwortlich.

Es versteht sich von selbst, dass die Schule so organisiert sein muss, dass sie den Kindern aus allen Schichten  Chancengerechtigkeit bietet. Und die Elternhäuser verdienen jede Unterstützung – materiell und ideell. Was aber der einzelne Schüler daraus macht, liegt größten Teils an ihm. Selbstverantwortung ist Kehrseite der Freiheit.

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung

2 Antworten zu “Ist die Schule daran schuld?

  1. Holger Schultze

    Gemeint bei der Statistik gegen Ende des Artikels sind sicherlich nicht Drittel, sondern jeweils Viertel? Sonst wird der ganze im Übrigen richtige und wichtige Artikel nicht nur lächerlich, sondern bietet auch eine unnötige Angriffsfläche für alle Gleichmacher und Bügler!

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