Leitkultur – pädagogisch

Jeden Tag machen sich von der Öffentlichkeit unbemerkt an den Schulen unserer Republik  Lehrkräfte ans Werk, um bei ihren Schülern eine Leitkultur einzuüben. Sie dient dem friedlichen Zusammenleben im Kosmos Schule, der in unseren  Großstädten von Kindern aus über 100 Nationen „bevölkert“ wird. Sie dient auch der Festigung der Werte, ohne die ein zivilisatorisches Miteinander in der Gesellschaft nicht möglich wäre. Die Lehrkräfte tun dies, ohne auch nur eine Sekunde lang an die ideologisch aufgeladene Debatte um eine „deutsche Leitkultur“ zu denken. Sie tun dies aus reiner Selbstverständlichkeit und weil eine Werteerziehung  der Persönlichkeitsbildung der Schüler dient. Im folgenden Glossar findet man die Werte, die mir in meiner Arbeit als Lehrer besonders wichtig waren. Sie reflektieren natürlich meine Unterrichtsfächer Deutsch, Geschichte und Politik. Aber auch meine Liebe zur Musik. Lehrkräfte anderer Fachrichtungen (Naturwissenschaften, Sprachen, Künste) mögen andere Vorlieben haben. Das zivilisatorische Wertefundament bleibt  jedoch stets das gleiche.

A  – Aachen:  schönstes sakrales Bauwerk in  Deutschland, atemberaubende  architektonische Vielfalt: römisch, byzantinisch, romanisch, gotisch; Ort von über 30 Kaiserkrönungen; sollte von Schulklassen und nicht nur von chinesischen Touristen  besucht werden.

B –   Bach, Johann Sebastian:  z.B.  „Matthäus-Passion“, „Goldbergvariationen“; Ur-Vater der klassischen Musik, der den unendlichen Kosmos der Musik für die Nachfolger  erschlossen hat.

C – Chorgesang:   „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ (Johann Gottfried Seume)

D – Diskussionskultur:   für die intellektuelle Selbstverständigung unverzichtbar; im Unterricht wichtige  Übung zur Selbstdisziplin.

E  – Erfindergeist:  (schwäbische) Tüftlermentalität, Ingenieurskunst; Ursache des vom Ausland kritisierten Handelsüberschusses. Es ist wie bei  hochbegabten Schülern: Sie sind unbeliebt, weil man ihnen ihre herausragenden Gaben neidet.

F – Friedensbewegung:   „Die Deutschen haben im 20. Jahrhundert genug geschossen.“ (Peter Glotz)

G –  Gleichberechtigung:  Grundgesetz, Art. 3, 2  – Sollte eigentlich selbstverständlich sein.

H – Heine, Heinrich:   Jude, Protestant, Deutscher, Franzose, Sozialist, Demokrat, kritischer Patriot: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann  bin ich um den Schlaf gebracht.“ Beispiel einer „zerrissenen“ Biografie im 19. Jahrhundert

I  –  „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin…“ (Heine);  melancholische Seelenlage, romantische Stimmung, die manchmal, wie die deutsche Geschichte lehrt,  auch in Aggressivität umschlagen kann.

J  – Jüdisches Leben: Sollte gegen alle Angriffe verteidigt werden.

K  –  Kant, Immanuel:  „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Kategorischer Imperativ, grundlegendes Gesetz der Ethik)

L – Liebesheirat:   Goethes Werther:  „Ich habe kein Gebet mehr als an sie…“; wichtige Errungenschaft der Gefühlskultur seit der Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert

M –  Mann, Thomas:  Inbegriff des deutschen Bildungsbürgers, der zugleich Weltbürger ist

N –   Nostalgie: rückwärtsgewandte Sehnsucht nach der „guten, alten Zeit“; besser wäre die Beherzigung folgender Maxime: „Es kommt nicht darauf an, in Traditionen zu leben, sondern Traditionen zu schaffen.“ (Franz Marc)

O – Opernhäuser:  Orte  musikalisch-theatralischer Verzauberung.  In Deutschland gibt es mehr als 80 feste Opernensembles, fast so viele wie im gesamten Rest der Welt.

P – Protestkultur:  seit der Studentenbewegung (1968) üblich gewordene Kultur vielfältiger Protestformen, die  Formen des zivilen Ungehorsams einbezieht

Q – Querkopf:  Kann ein produktiver Querdenker sein, aber auch ein nörgelnder Querulant und Dickschädel. Vom ersteren gehen oft kreative Ideen aus, die sich gegen ursprünglichen Widerstand  durchsetzten. In der Schule sollte man für solche Geister  Geduld aufbringen.

R – Reformpädagogik:  „Lernen mit Herz, Kopf und Hand“ – wichtige Strömung  der Pädagogik, die sich gegen die rein kognitive Wissensvermittlung richtet; sie dient der Persönlichkeitsbildung nach dem Vorbild  der Humboldtschen Pädagogik  („Griechisch für den Tischler“).

S – Säkularismus:  Trennung von Kirche und Staat; Religion als Privatsache; wichtige Errungenschaft der Aufklärung im 18. Jahrhundert, heute wieder aktuell

T – Toleranz:  „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“  (Fridericus Rex)

U –  Ulmer Münster: im gotischen Baustil errichtete Kirche  (1890). Es ist die größte evangelische Kirche Deutschlands. Sie hat mit 161,53 Metern den  höchsten Kirchturm der Welt. Ein Wunderwerk vorindustrieller Bautechnik. Der Blick bis zu den Alpen ist phänomenal.

V – Vaterland:  schon im 19. Jahrhundert schwieriger Begriff („Was ist des Deutschen Vaterland?“ – Ernst Moritz Arndt); ständig in Gefahr, von rechten Ideologen nationalistisch missbraucht und von linken Fanatikern verächtlich gemacht zu werden; bestes Gegengift: Völkerverständigung

W – Wald:  mystische Verehrung des Waldes als Erbe der deutschen Romantik: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?“  (Eichendorff / Mendelssohn-Bartholdy)

X – Xenophobie:  Fremdenfeindlichkeit, häufig sozial, ökonomisch, kulturell und religiös begründet; kann nur durch Toleranz und reale Begegnungen überwunden werden.

Y – Yin  und Yang: Gegensatzpaar in der chinesischen Philosophie, bei uns in esoterischen Kreisen sehr beliebt; es versinnbildlicht den Gegensatz von weiblich-männlich, aktiv-passiv, gebend-empfangend; steht im Gegensatz  zur modischen   Gendertheorie.

Z – Zionismus:  Im Jahre 1880 beginnende jüdische Nationalbewegung zur Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina; Antizionismus dient  häufig als Tarnung für antisemitischen Hass, auch bei der deutschen Linken.

Unsere Schulen leisten durch ihre positive Leistungsmotivation – im Streben nach Wissen sind alle Kinder  gleich – und durch ihre an demokratischen Werten orientierte Erziehung einen wichtigen Beitrag zur Integration aller Kinder, egal aus welcher Schicht oder Ethnie sie stammen.  Die Gesellschaft kann sich durchaus etwas von dieser erfolgreichen  Kultur der Integration abschauen.

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Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern

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