Zeit für das Leistungsprinzip

Alle politischen Beobachter sind sich darüber einig, dass die  SPD-geführten Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen auch deshalb abgewählt wurden, weil ihre  Schulpolitik gravierende Mängel aufweist, die den Eltern nicht verborgen bleiben konnten. Ich spreche hier nicht von den Dauerbaustellen „G8 oder G9?“  oder „Inklusion“, die vor allem in NRW negativ zu Buche schlugen, weil sich die grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann nicht sehr professionell anstellte. Wenn ich von Defiziten spreche, meine ich die grundsätzliche Ausrichtung der Schulpolitik auf das  ewige  SPD-Ziel  „Mehr Gerechtigkeit“. Wenn man dieses Prinzip in der Schule nämlich überstrapaziert, muss es zwangsläufig mit einem anderen Prinzip kollidieren: mit der Leistungsfähigkeit der Schule, also  mit den schulischen Leistungen der Schüler und mit der Qualität der Abschlüsse, die sie erreichen.

Dass dieses Ziel in den beiden Bundesländern gelitten hat, kann man an wichtigen Indikatoren ablesen. Beim „Bildungsmonitor   2016“ des Instituts der Deutschen Wirtschaft belegt Schleswig-Holstein unter 16 Bundesländern den 13., Nordrhein-Westfalen den 14. Platz. Dahinter kommen nur noch Brandenburg (15) und der ewige Träger  der Roten Laterne: Berlin (16). Nach den neuesten Zahlen zu den Schulabschlüssen ist in beiden Bundesländern die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss höher als  im bundesdeutschen Durchschnitt (5,7 Prozent): in NRW: 6 Prozent, in SH: 7,6 Prozent (Caritas Deutschland: „Bildungschancen 2016“). Dies lässt darauf schließen, dass  in den beiden Ländern der Unterricht nicht so organisiert wird, dass er auch bei  den schwachen  Schülern Erfolge zeitigt. Vermutlich liegt dies an einem exzessiv verwirklichten Konzept von „sozialer Gerechtigkeit“ in der Schule.

Für  sozialdemokratische und grüne Bildungspolitiker ist eine Schule dann „sozial gerecht“, wenn Kinder aus der sozialen Unterschicht gemeinsam mit  Akademikerkindern unterrichtet werden. Die „gerechte“ soziale Mischung der Kinder in der Schulklasse ist für diese Denkschule so wichtig, dass sie die Frage danach, ob diese Mischung auch pädagogisch sinnvoll ist, gar nicht mehr stellt. Diejenigen, die sie stellen, werden gerne als „ewig-gestrig“, „unsozial“ oder als „Selektionsapostel“ stigmatisiert.  Stellt man die Frage nach der „sozial gerechten“ Schule pädagogisch, kommt man zu anderen Prämissen. Für mich ist die Schule „sozial gerecht“, die es allen Kindern, ungeachtet ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft und auch ungeachtet ihrer intellektuellen Begabung, ermöglicht, ihre ganz eigenen Potentiale optimal zu entfalten und auszuschöpfen. Geht man von dem Ziel eines jeden erfolgreichen   Bildungsprozesses aus, nämlich allen Schülern einen ihren Fähigkeiten gemäßen Schulabschluss zu verschaffen, kommt man schnell zu der Schlussfolgerung, dass die heterogene Schülermischung  keineswegs die optimale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen darstellt.   Ich frage mich immer, was es einem 17-Jährigen nützt, der ohne Abschluss die Schule verlassen hat, wenn er sagen kann, er  habe aber in einer sozial gerecht gemischten Lerngruppe gesessen. Wäre es für ihn nicht viel nützlicher gewesen, wenn er so unterrichtet worden wäre, dass er seine Begabungen hätte optimal entfalten können? Das hätte aber unweigerlich zu der Frage geführt, die für die meisten  Lehrkräfte längst entschieden ist: Wäre dem Jungen nicht mehr geholfen gewesen, wenn er in einer homogen zusammengesetzten, auf seinen Lernstand ausgerichteten Lerngruppe unterrichtet worden wäre?

Es kann doch kein Zufall sein, dass bei Leistungsvergleichen (Mittlerer Schulabschluss, VERA 8) die egalitären Schulformen, wie z.B. Gemeinschaftsschulen, Sekundarschulen etc.) schlechter abschneiden als die gegliederten Schulformen. Das Prinzip der Begabungsmischung in einer Lerngruppe ist offensichtlich nicht dazu angetan, die Potentiale aller Schüler optimal zu Entfaltung kommen zu lassen. Woran liegt das? Die integrierten Schulen kämpfen im Unterricht mit den Problemen, die die heterogene Schülermischung zwangsläufig verursacht. Die Spreizung der Lernvoraussetzungen, des Vorwissens und der Lernmotivation ist bei den Schülern gewaltig. Sie stellt den Lehrer vor große methodische Herausforderungen. Es ist nämlich keineswegs leicht, jeden Lernstoff so aufzubereiten, dass er allen Lernniveaus gerecht wird. Binnendifferenzierung gehört zu den schwierigsten Handwerkstechniken eines Lehrers. Und es ist ein zeitlich aufwendiges Verfahren. Viele Lehrer begnügen sich deshalb damit, Unterrichtsangebot und Schwierigkeitsgrad auf das mittlere Niveau in der Klasse abzustellen, also auf die Schüler, die die Mehrheit bilden. Die besonders leistungsstarken Schüler bekommen dann nur ungenügende Lernanreize, die leistungsschwachen erhalten nicht die Förderung, derer sie bedürfen. Dies ist leider der pädagogische Alltag an vielen Sekundarschulen.

Die Gemeinschaftsschule strebt das gemeinsame Unterrichtsgespräch schon gar nicht mehr an, wohlwissend, dass es in einer Klasse mit großer Heterogenität nicht mehr gelingen kann. Stattdessen arbeiten die Schüler über weite Strecken allein das ihnen aufgetragene Lernmaterial ab. Da nie alle Schüler eine Lernsequenz gleichzeitig abschließen, werden die Tests zur Überprüfung des Gelernten zeitlich gestaffelt geschrieben. Die guten Schüler zuerst, die schlechten zum Schluss. Ein Axiom des individualisierten Lernens ist die nur noch beratende Rolle des Lehrers. Er ist nicht mehr Spiritus Rector des Lernprozesses, nicht mehr Lehrender und Erklärender, nicht mehr Inspirator und Vorbild, sondern nur noch Lernbegleiter. Die Schüler sind weitgehend auf sich allein gestellt: Das Verstehen aus eigener Kraft hat Vorrang vor der Erläuterung durch den Lehrer. In Berlin schneidet diese Schulform bei Leistungsvergleichen  besonders schlecht ab. Offensichtlich brauchen Schüler doch die lenkende und helfende Hand der Lehrkraft.

Der Gießener  Didaktiker  Hermann Giesecke geht kritisch mit den individuellen Lernformen ins Gericht: „Offener Unterricht […] hindert die Kinder mit von Hause aus geringem kulturellen Kapital daran, ihre Mängel auszugleichen.“ […] „Nahezu  alles, was die  moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.“ (2003) Die Befürworter  der Gemeinschaftsschule dürften sich das anders vorgestellt haben.

Es könnte so einfach sein, wenn die Bildungspolitiker ihre Parteitagsmanifeste und Gesellschaftsutopien beiseiteließen und ausschließlich das Wohl der Schüler im Auge hätten. Was ist für sie das beste Lernprinzip? In welchen Lerngruppen fühlen sie sich am wohlsten? Ich habe an der Gesamtschule erlebt, wie entspannt man in den homogenen Lerngruppen unterrichten kann, die durch äußere Leistungsdifferenzierung („Selektion“!) zustande kommen. Ich habe zugleich erfahren, wie wohl sich die Schüler inmitten gleich leistungsstarker Schüler fühlen. Gerne habe ich auch in den Kursen unterrichtet, die von den besonders schwachen Schülern gebildet werden. Wenn man sich auf ihr Verständnisniveau und auf ihre Mentalität einlässt und wenn man ihnen jede mögliche Unterstützung zuteilwerden lässt, werden die Erfolge nicht ausbleiben. In diesen Lerngruppen hatte ich nie das Gefühl, gegen die „soziale Gerechtigkeit“ zu verstoßen, weil ich sie alleine („selektiv“) unterrichte. Im Gegenteil: Die Schüler waren entspannt, weil sie nicht mit den „Überfliegern“ zusammen waren, deren Gedankenblitze sie oft als Demütigung empfanden. Und sie wussten es zu schätzen, dass der Lehrer auch ihren Ehrgeiz herausforderte. Manchmal ist soziale Gerechtigkeit dort finden, wo man sie gar nicht vermutet.

 

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s