Gefühlte Wahrheiten statt Fakten

Es ist kein gutes Zeichen, wenn selbst Medien, die sich aufklärerischem Denken verpflichtet fühlen, die Analyse von Fakten durch suggestiv dargebotene „gefühlte Wahrheiten“ ersetzen. So geschah es in der Titelgeschichte des SPIEGEL „So gut /so  schlecht geht es den Deutschen“ (Heft 9/2017). Da liest man folgenden Satz:

„Noch immer studieren hierzulande vor allem Kinder, deren Eltern selbst Akademiker sind.“

Die Aussage des Satzes ist richtig, trotzdem erklärt er so gut  wie nichts. Er soll auch nichts erklären, sondern ein Gefühl bedienen: So ungerecht geht es zu in Deutschland. Nicht einmal das „Aufstiegsversprechen im Wirtschaftswunderland“ (SPIEGEL) werde eingelöst. Schuld sei der Neoliberalismus, der in  seinem Effektivitätsdenken die Schwachen – die Arbeiterkinder – zurücklässt. Damit stimmt der SPIEGEL in den Gerechtigkeitssound ein, den  zur Zeit Martin Schulz (SPD) landauf, landab anstimmt. Merkwürdig, dass sich selbst  Journalisten, die der kühlen Analyse verpflichtet sind, vom Erlösungsversprechen eines Politikers anstecken lassen.

Wie kommt es, dass so wenige Arbeiterkinder studieren? Es wäre ein Leichtes gewesen, die Ursachen für diesen Befund zu recherchieren. Die dabei eruierten Gründe hätten freilich nicht mehr zur  Botschaft des Artikels – es geht ungerecht zu in Deutschland  – gepasst.

In meiner  35-jährigen Unterrichtstätigkeit an unterschiedlichen Schulformen hatte ich   Gelegenheit, herauszufinden, woran es liegt, dass Arbeiterkinder in der Schule schlechter abschneiden, als es ihre Intelligenz erwarten lässt. Am Gymnasium   habe ich  viele von ihnen scheitern sehen.  Überwiegend lag es nicht an intellektuellen Defiziten. Es lag an dem, was man geringschätzig  als Sekundärtugenden bezeichnet, was beim schulischen Lernen aber Primärtugenden sind: Disziplin, Ehrgeiz, Ausdauer, Neugier und die Fähigkeit, sich durch Fehler nicht entmutigen zu lassen. Wo lernt man diese Tugenden? Natürlich im Elternhaus.

Die Benachteiligungen von Kindern beginnen, wie die Lernforschung heute weiß, schon sehr früh. Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn die Eltern ihren Kindern von Anfang an vor dem Einschlafen vorlesen, bilden die Kinder ein differenziertes Sprachvermögen und einen großen Wortschatz aus. Schon in der Grundschule werden sie verblüffend gute Texte schreiben. Die Fähigkeit, über eine elaborierte Sprache zu verfügen, wird sie ihr ganzes Leben lang begleiten. Wenn Kinder in der Familie erleben, wie ihre Eltern auf hohem Niveau diskutieren, überträgt sich diese diskursive Fähigkeit  auf die Kinder. Die Lehrkraft erlebt sie später in den Klasse als die Schüler, die um kein Argument verlegen sind und zu Klassen- und Schulsprechern gewählt werden. Wenn ein Kind von Anfang an Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es auch später im schulischen Lernen Neugier und Wissensdrang entwickeln. Wenn man sich von all diese stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie nachhaltig die Defizite sind, mit denen Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen, manchmal auch in verwahrlosten Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule wird zu erkennen sein, dass sie eher zu den lernschwachen, mutlosen und wenig ehrgeizigen Schülern gehören. Intelligenz ist eben nur eine abstrakte Größe. Sie muss im realen Lernprozess „eingelöst“ werden, was nur gelingt, wenn man sich ganz und nachhaltig auf  Lernprozesse  einlassen kann.

Wenn Kinder infolge ihrer Intelligenz den Weg aufs Gymnasium schaffen, ist  unabdingbar, dass sie sich die Lernhaltungen zu eigen machen, die allein Erfolg versprechen. Sie müssen denselben Ehrgeiz entwickeln wie die Kinder von Akademikern, denen diese Tugend in der Kindheit antrainiert wurde. Sie müssen Ausdauer, Beharrlichkeit, Disziplin lernen, weil nur mit diesen Einstellungen Lernen dauerhaft erfolgreich sein kann. Ich habe erlebt, wie schwer es Schülern fällt, sich solche Haltungen spät  –  erst  in der Schule –  anzueignen. Oft gab es Rückfälle, Schwächephasen, Resignation  – und viele gaben auf dem Weg zum Abitur auf. Die Lehrer können solchen Schülern nur begrenzt helfen. Es gilt inzwischen als verpönt, Schüler zur Disziplin anzuhalten oder eine solche gar einzuüben. Zum Selbstlernkonzept der modernen Didaktik gehört, dass ein Schüler aus eigenem Antrieb lernen soll, auch auf die Gefahr hin, dass er scheitert. Und Disziplin steht immer noch unter dem Verdacht, Bestandteil einer Drill-Pädagogik zu sein.

Die Schulpolitik geht inzwischen  den Weg, „sozial benachteiligten Kindern“ den Weg zum Abitur zu ebnen, indem die Leistungsanforderungen im Unterricht und in den Prüfungen (MSA, Abitur) abgesenkt werden. Wie sich selbst Laien vorstellen können, wird das Problem dadurch nicht  gelöst, sondern nur kaschiert. Beim Übergang ins Studium und vor allem im Studium selbst  lichten sich nämlich wieder die Reihen. Die Quote der Studienberechtigten liegt in Deutschland inzwischen  bei 49,0% eines Schülerjahrgangs. Tatsächlich ein Studium beginnen 45,2%. Zu einem Abschluss gelangen jedoch nur 29,9%, was einer Abbrecher-Quote von 33% entspricht. Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass unter den Abbrechern überwiegend diejenigen Studenten sind, denen das Mantra „Du musst durchhalten“ nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Interessant sind die  Zahlen, die die „Initiative Arbeiterkind“ (www.arbeiterkind.de) zum Studium von Arbeiterkindern veröffentlicht hat. Demnach nehmen  von 100 Akademikerkindern 83 ein Hochschulstudium auf. Von 100 Kindern nichtakademischer Herkunft studieren hingegen nur 23, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen. Die „Initiative Arbeiterkind“  hält immer noch finanzielle Gründe für ausschlaggebend, dass Arbeiterkinder auf ein Studium verzichten. Das klingt wenig glaubwürdig, wenn man bedenkt, dass es keine Studiengebühren mehr gibt und dass BAFÖG großzügig für den Unterhalt von Unterschichtkindern sorgt. Die Initiative nennt als weiteren Grund „kulturelle Vorbehalte im Familienumfeld“. Das trifft schon  eher zu. Damit landen wir  wieder bei den vielgescholtenen Sekundärtugenden, die Bildungsforscher  auch gerne „Habitus“ nennen. Der Historiker Rainer Zitelmann hat in  seinem jüngsten Buch Psychologie der Superreichen. Das verborgene Wissen der Vermögenselite (2017) dargelegt, welche Charaktereigenschaften erfolgreiche Menschen besitzen. Dazu hat er umfangreiche Befragungen durchgeführt. Zitelmann nennt als wichtige Eigenschaften die altbekannten Tugenden „Ehrgeiz“, „Disziplin“ und „Ausdauer“. Hinzu kommen  „Optimismus“ und „Offenheit für Neues“. Es gehört nicht viel Phantasie zu der Annahme, dass Kinder aus der Unterschicht diese Haltungen zu wenig oder gar nicht vermittelt bekommen, was sie dann als lebenslanges Handicap mit sich herumschleppen.

Welchen Ausweg gibt es? Es liegt auf der Hand, dass es günstig wäre, wenn man so früh wie möglich Einfluss auf die Erziehung von Kindern aus sozial schwachen Familien nehmen könnte. Dies müsste durch Erziehungsberater geschehen, die den Eltern vermitteln, wie schädlich Dauerfernsehen für Kinder ist und welchen langfristigen Nutzen sie haben, wenn sie Bücher lesen. Für den  exzessiven  Gebrauch von  Computerspielen gilt dasselbe.

Über die Kita-Pflicht für Kinder aus bildungsfernen Schichten ist  schon viel geschrieben worden. Die Politik schreckt immer noch davor zurück,  die heilige Kuh Elternrecht zu schlachten. Lieber kuriert man später die Folgeschäden der Benachteiligung. Kitas sind heute so gut ausgestattet und die Erzieherinnen so gut geschult, dass der intellektuelle und soziale Gewinn, den ein Kind durch den Besuch einer solchen Einrichtung hätte, mit Händen zu greifen  ist.

Ganztagsschulen könnten diese Erfolgsgeschichte weiterschreiben, wenn sie es sich  zur Aufgabe machten, den Schülern aus bildungsfernen Familien mit Förderprogrammen gezielt  unter die Arme zu greifen. Auch Theater, Musik und Sport  sind gut geeignet, das Selbstwertgefühl der Schüler zu stärken, was sich positiv auf das Lernen im Unterricht auswirkt.

Dringend nötig wäre es, die  moderne Didaktik des „Selbstlernens“ auf den Prüfstand zu stellen. Alarmierend  ist die Auskunft von Lehrern und Eltern, dass diese anspruchsvolle Lernform – jeder Schüler ist sein eigener Inspirator – nur für die guten Schüler geeignet sei, während sich die schwachen Schüler, die eher auf die Hilfe der Lehrkraft angewiesen sind, verlassen vorkommen. Auch der Nestor der deutschen Didaktik Hermann Giesecke geht kritisch mit den individuellen Lernformen ins Gericht: „Offener Unterricht […] hindert die Kinder mit von Hause aus geringem kulturellen Kapital daran, ihre Mängel auszugleichen.“ […] „Nahezu  alles, was die  moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.“ (2003) Es wird Zeit, dass man diese Kritik der Experten ernst nimmt.

Wenn die Lehrkraft wieder zu ihrer angestammten Rolle zurückfände, wäre es auch  möglich, die  Schüler die Kardinaltugenden zu lehren, die in der Schule allein Erfolg versprechen: Ehrgeiz, Ausdauer und Disziplin.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethode

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s