Ideologie oder Kindeswohl?

Wie   eine  unsoziale  Schulpolitik unseren Kindern schadet

Im beschaulichen Kleve, nahe  an der niederländischen Grenze gelegen, ist der Schulkampf ausgebrochen. Es kämpfen nicht Schüler gegen unbeliebte Lehrer, wie dies ab und zu vorkommt  – nein, Eltern gehen auf die Barrikaden, weil sie ihre Kinder durch die von oben verordnete Zuweisung zu einer weiterführenden Schule benachteiligt sehen. Am 21. Februar wollen sich die Eltern mit ihren Kindern vor dem Gebäude des Rats der Stadt zum Protest versammeln. Was war geschehen?

Der Rat der Stadt Kleve hatte die Umwandlung der Sekundarschule in eine Gesamtschule beschlossen. Um die Schule mit Schülern „aufzufüllen“, werden Schüler, die sich für die beiden Gymnasien „Freiherr vom Stein“ und „Konrad Adenauer“  und  für die „Karl-Kisters-Realschule“ angemeldet haben, „umverteilt“. Das einzig  pädagogisch sinnvolle Verfahren, dass man beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule das Grundschulgutachten zugrunde legt, also die Einschulung nach Leistung und Eignung vornimmt, wird durch ein pseudodemokratisches Losverfahren ersetzt. Es kann also passieren, dass ein Schüler nicht in der nächstliegenden Schule landet, sondern jeden Tag  weite Wege zurücklegen muss, um in eine  Schule zu kommen, in die er gar nicht gehen wollte. Schulpsychologen sind der Meinung, dass  wohnortnahe Schulen  immer vorzuziehen sind, weil die Kinder bei entfernten Schulen auf der Fahrt  viel  Zeit verlieren und dabei  unnötig Kräfte verausgaben, die sie sinnvoller in ihre  Freizeitgestaltung investieren könnten.

Das Losverfahren   kann auch bewirken, dass eine kleine Schülergruppe, die sich von der Grundschule her kennt und die sich gemeinsam an einer der drei genannten Schulen angemeldet hat, brutal auseinander gerissen wird. Jeder Pädagoge weiß, wie wichtig für Schüler die Einbindung in eine vertrauensvolle Gemeinschaft ist und wie gut man lernen kann, wenn man sich sozial aufgehoben fühlt. Die Politik sieht das offensichtlich anders. Sie will ihr übergeordnetes schulpolitisches Ziel „durchziehen“: Schwächung der Gymnasien und Stärkung der Schulform, die  sie für prädestiniert hält, egalitäres Lernen zu verwirklichen: die Gesamtschule. Wenn man eine politische Agenda hat,  kommt es auf den sonst immer beschworenen „sozialen Zusammenhalt“ nicht mehr an.

SPD und Grüne sind inzwischen überall, wo sie regieren, in der Schulpolitik vom Leistungsgedanken abgerückt. Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen treibt die Leistungsfeindlichkeit noch auf die Spitze, wenn sie die Zuweisung von Schülern nach ihrer Eignung als „Selektion“ denunziert. Der hintergründige  verbale  Verweis auf die Selektion der KZ-Opfer an der Rampe in Auschwitz ist  bewusst gewählt. Er soll die Eltern, die auf eine begabungsgerechte Einschulung pochen, ins moralische Abseits stellen.

Als Lehrer konnte ich noch nie verstehen, warum es so wenig populär ist, auch im Bildungssystem am Leistungsgedanken festzuhalten. Warum setzen die Eltern dem  Mantra vom „gemeinsamen Lernen“  keinen größeren Widerstand entgegen?  Im Show-Business und  im Sport gilt es als selbstverständlich, dass der Sieger oder die Siegerin im harten Ausscheidungswettbewerb ermittelt wird. Spitzenkönner werden wie Ikonen verehrt und in die Hall of Fame aufgenommen. Kein Mensch käme auf die Idee, in die deutsche Fußballnationalmannschaft einige Spieler aus der Kreisklasse aufzunehmen, damit der  Chancengleichheit und der sozialen Gerechtigkeit Genüge getan wird.  Warum will man in der Bildung die „Einheitskost“, indem man diejenigen, die die Masse an Geistesgaben überragen, an der optimalen Entfaltung ihrer Anlagen hindert? Anscheinend ist es kränkender, weniger intelligent zu sein als weniger sportlich. Die Vertreter der Gleichheit in der Bildung  können es nicht ertragen, dass ein Gut wie die Intelligenz nicht gerecht unter den Kindern und Jugendlichen verteilt ist, weil der eine offensichtlich mehr von diesem kostbaren „Rohstoff“ abbekommen hat als der andere. Der Kampf um die egalitäre Schule, der zum Kernbestand der Bildungspolitik von Rot-Grün gehört, ist Ausdruck einer tief sitzenden Kränkung darüber, dass es junge Menschen gibt, denen – unverdient – alles zufliegt, weil sie das Glück haben, in bildungsbewussten  Elternhäusern heranzuwachsen, während andere – unverschuldet – in Milieus hineingeboren werden, die sie von Anfang an in ihrer geistigen Entwicklung benachteiligen. Man geht nicht fehl, wenn man eine solche Schulpolitik als Politik des Neides bezeichnet.

Für zwei Parteien, die für sich reklamieren, die „soziale Gerechtigkeit“ an erste Stelle zu setzen, ist vor allem  die Schülerlotterie  ein Offenbarungseid. Man stelle sich vor, es gäbe in Landkreis Kleve zwei Krankenhäuser, die sich auf unterschiedliche Krankheiten spezialisiert haben. Statt den Bürgern die freie Wahl der Klinik zu überlassen, beschlösse  Rot-Grün, die Patienten durch Losverfahren zuzuteilen, damit die beiden Kliniken gleich gut ausgelastet sind. Ein Aufschrei des Entsetzens  in der Öffentlichkeit  wäre gewiss. In der Schulpolitik versucht man klammheimlich dasselbe unsoziale Prinzip durchzudrücken und hofft, dass die Eltern still halten und sich nicht wehren.

Die Landesregierung in Düsseldorf  könnte sich  dieses Mal verrechnet haben. Die Wut der Eltern in Kleve  ist groß und die Gründe für den Protest sind so plausibel, dass sich nur  verstockte Partei-Ideologen ihren Argumenten verschließen können.  Eine Mutter drückte ihre Fassungslosigkeit über die  obrigkeitsstaatliche Willkür gegenüber  einer  Lokalzeitung so aus: „Ich möchte, dass meine Tochter zur Realschule geht. Warum soll sie in die Oberstadt fahren, nur damit dort die Gesamtschule gefüllt wird?“ – Damit tritt die Mutter den Kern der Sache: Die Grundschulkinder von Kleve  müssen als  Manövriermasse für eine Politik herhalten, die sich nicht mehr am Kindeswohl orientiert, sondern an parteipolitischen Utopien. Und der Elternwille gilt bei Rot-Grün nur, wenn er mit der Regierungspolitik kompatibel ist.

Ich kann den  Eltern in Kleve  nur raten, beharrlich für ihre und ihrer Kinder Interessen einzutreten. Dass solcher Elternprotest erfolgreich sein kann, zeigen Beispiele aus Baden-Württemberg, wo die Gründung von Gemeinschaftschulen durch Bürgerbegehren verhindert wurde. Auch in Hamburg hat die Regierung eine Niederlage erlitten, als sie dem Gymnasium die unteren beiden Klassen wegnehmen wollte. Eine Volksabstimmung machte die Pläne zunichte.

Im Mai wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Wahlzeiten sind sensible Zeiten, in denen  die Parteien ausnahmsweise auf die Bürger hören. Die Eltern sollten  ihre Wahlkreiskandidaten zur Rede stellten und sie aufforderten, sich zur unsozialen Schülerlotterie in Kleve  zu äußern. Die Verbreitung ihres Anliegens in den sozialen digitalen Medien könnte ein Übriges tun.

Auch für  den Elternprotest in Kleve  gilt das  Motto von Erich Kästner:  Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

 

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft, Schulformdebatte

2 Antworten zu “Ideologie oder Kindeswohl?

  1. Carmen Buiting-Esser

    Mit großer Traurigkeit lese ich so ziemlich alles über das Thema, dass die Medien so einseitig darstellen. Leider erwähnen die Verfasser nicht, dass die Gesamtschule1 auch viele Schülerinnen und Schüler mit rein gymnasialer Empfehlung eingeschult hat. Diese Schülerinnen und Schüler haben ganz bewusst die Form der Schule für sich gewählt. In erster Linie gilt hier das Argument, Abitur nach G9. Sie wollen sich nicht dem Druck aussetzen, nur noch dem Schulstress nachkommen zu müssen. Sie haben teilweise aus Familien -/Freundeskreisen schon miterleben dürfen, dass das Lernen am Gymnasium früher oder länger dazu führen wird, dass man seine geliebten Sportarten in den Vereinen vernachlässigen muss. Zumal in den Schulen ja gerade diese Fächer des öfteren ausgefallen waren.
    Wer zusammen mit seinem Kind, dem Gymnasialempfehlung „attestiert“ wurde, bewusst die Gesamtschule gewählt hat, kann bestimmt auch behaupten, dass das Kind sehr gut seinen Neigungen entsprechend gefördert wird und zwar mit viel Spaß und Abwechslung ohne den Verlust eines gewissen Niveaus.
    Die einseitige, öffentliche Diskussion unter den Eltern sorgt dafür, dass die Gesamtschule mit ihrem neuzeitlichen Lernkonzept schwächer als alle übrigen angesehen wird. In Wirklichkeit ist sie aber eine gute Schule mit gutem Lernniveau. Ich wünschte, man würde es am Rande mal erwähnen, damit nicht nachher alle nur noch denken, dass die Gesamtschule eine Restauffangschule wäre.

    • An Carmen Buiting-Esser
      Schulstress entsteht doch nur, wenn sich Schüler durch den Stoff des Unterrichts oder die Lernmethoden überfordert fühlen. Ich habe 10 Jahre lang an einem G8-Gymnasium unterrichtet, das die Schüler mit Hilfe eines psychologischen Lerntests und in Aufnahmegesprächen ausgesucht hat. Bei diesen Schülern war von Überforderung keine Spur zu merken und alle haben am Nachmittag ihre Hobbys gepflegt. Weder Sport noch Musik oder Theater kamen zu kurz. Wenn es am Gymnasium kein Aufnahmeverfahren gibt, weil nur der reine Elternwillen zählt, schicken viele Eltern ihre Kinder auf diese beliebte Schulform, in der (leider oft falschen) Annahme, sie seien für diese anspruchsvolle Schulform geeignet. Viele Eltern überschätzen die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder, was dann die fatalen Folgen hat, die Sie beschreiben.
      Ich habe nichts gegen die Gesamtschule. Auch an dieser Schulform habe ich lange unterrichtet, kenne ihr Lernprinzip also recht genau. Diese Schule ist in der Tat für die Schüler am besten geeignet, die es langsamer angehen lassen wollen oder die durch das abstrakte Lernen am Gymnasium überfordert sind.
      Es könnte so einfach sein, da es für unterschiedliche Lerntypen jeweils die passende Schule gibt.
      Wogegen ich mich wehre ist, dass die Politik bestimmen will, auf welche Schule die Eltern ihre Kinder schicken sollen. Politiker (aller Parteien) haben nicht in erster Linie das Wohl von Kindern und Jugendlichen im Auge, sondern ihre ideologischen Vorstellungen von der „richtigen“ Schule. Und das in Kleve angewandte Losverfahren ist – man kann es drehen und wenden, wie man will – unpädagogisch. Wenn im Schulgesetz von NRW der Elternwille bei der Schulwahl verankert ist, sollte er auch gelten.

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