Respektlose Sprache

Erschienen in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09. 02. 2017 (Bildungswelten)

 Eine Eigenart der deutschen Sprache bringt es mit sich, dass Gattungsbezeichnungen oft durch männliche grammatische Formen bezeichnet werden. Wenn von einem Lehrer die Rede ist, sind deshalb die weiblichen Lehrkräfte inbegriffen. Das Amtsdeutsch flüchtet sich, um der Gleichberechtigung der Geschlechter auch sprachlich Genüge zu tun, in unschöne Doppelbezeichnungen,  wie z.B.  Lehrer und Lehrerinnen. Ähnlich umständliche Wortverbindungen findet man auch in Stellenanzeigen. In amtlichen Stellenausschreibungen sind sie gesetzlich vorgeschrieben.  Sprachwissenschaftlerinnen, die sich dem Feminismus verpflichtet fühlen, gingen noch einen Schritt weiter. Sie führten in ihren Texten den Gendergap ein („Bürger_innen“). Eine Variante davon ist der Genderstern („Schüler*innen“). Diese beiden Formen haben inzwischen das Binnen-I verdrängt, das in der ersten Generation der „geschlechtergerechten Sprache“ noch üblich war („SchauspielerInnen“).

Nun gibt es Wörter im Deutschen, bei denen keine dieser  drei Gender-Markierungen weiterhilft. Und zwar beim Wort  „Flüchtling“. Das männliche Personalpronomen „der“ weist es als Gattungsbegriff aus, der gleichfalls männlichen Geschlechts ist.  Feministische Sprachwächterinnen, die  die deutsche Sprache durchforsten, um Wörter aufzuspüren und zu brandmarken, die männlich infiziert sind, haben deshalb  ein  neues Wort kreiert, das geschlechtsneutral sein soll: Geflüchtete.  Es hat  inzwischen  Teile der Zivilgesellschaft, vor allem das Milieu der Helferszene,  aber auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erobert.

Mit der deutschen Sprache ist es  allerdings so eine Sache. Sie ist eindeutig, präzise  und sie verzeiht keine Fehler.

Das Wort „Geflüchtete“ hat  eine andere Bedeutung als das Wort „Flüchtling“.  Das Partizip Perfekt „geflüchtet“ verwendet man im Deutschen, um eine situativ bedingte, temporäre Ortsveränderung zu bezeichnen. Ein junges  Mädchen kann also seiner Mutter erzählen: „In der  Disco war  es so heiß, dass ich schon nach einer Stunde ins Freie geflüchtet bin.“ Damit ist sie eine Geflüchtete, aber kein Flüchtling. Ein  Junge kann seinem Klassenlehrer berichten: „Tut mir leid, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe. Aber ich habe zur Zeit Liebeskummer und bin deshalb das ganze Wochenende in eine Traumwelt geflüchtet.“ Auch in eine virtuelle Welt kann man flüchten und wird auch hier zum Geflüchteten – nicht aber zum Flüchtling.

Ein Flüchtling ist ein Mensch – Mann, Frau oder Kind – , der durch Krieg, Verfolgung, Hunger, Naturkatastrophen oder Epidemien gezwungen ist, seine Heimat dauerhaft zu verlassen. Der existentielle  Zwang und die oft lebenslange Vertreibung aus der Heimat fehlen bei den „Geflüchteten“ völlig.

Die feministische Sprachreinigung beim Wort Flüchtling  ist ein schönes Beispiel dafür, dass  eine gute Absicht mitunter das genaue  Gegenteil bewirkt:  Die Vokabel  „Geflüchtete“ führt zu einer Verharmlosung und Banalisierung eines Tatbestandes, der für die betroffenen Menschen so schrecklich ist, dass sich eine Verniedlichung verbietet. Kein vernünftiger und human denkender Mensch würde bei den Juden, die vor dem Holocaust aus Deutschland geflohen sind, von „Geflüchteten“ sprechen. Und wenn er es täte, würde er sich aus dem seriösen Diskurs verabschieden.

Diejenigen, denen das Schicksal der Flüchtlinge aus den Kriegs- und Hungergebieten am Herzen liegt, sollten zum treffenden Wort „Flüchtling“ zurückkehren.

 

 

 

 

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