Kulturkampf gegen PISA

 Kritik an den von der OECD organisierten PISA-Studie hat es immer schon gegeben. Anfänglich kam sie von den Bildungspolitikern, die sich nicht in die Karten schauen lassen wollten, weil die Testergebnisse für die Schulen, für die  sie zuständig waren, schlecht ausfielen. Das waren in Deutschland vor allem die von der SPD regierten Bundesländer. Ihnen war es unangenehm, durch die Testergebnisse auf Versäumnisse – vor allem auf abgesenkte Leistungsstandards – hingewiesen zu werden. Die PISA-Ergebnisse waren in dieser Hinsicht eindeutig: Die Länder mit einem gegliederten Schulsystem schnitten erheblich besser ab als die Länder, in denen egalitäre Schulformen überwiegen. Schon 1999 hatte die „Arbeitsgemeinschaft für Bildung“ in der SPD gefordert, auf einen innerdeutschen PISA-Vergleich zu verzichten: „Es ist ohne Test vorherzusagen, dass Länder mit selektiven Schulsystemen, die den Schulstrukturreformen der letzten 30 Jahre widerstanden haben, bessere Schülerleistungen in allen Schulformen haben werden.“ Das Unbehagen der SPD-Kultusminister hatte damals einen Grund: Die Vergleichstests für Mathematik und Naturwissenschaften (TIMSS) für die 7. und 8. Klassen hatten einen Leistungsabstand von anderthalb Schuljahren zwischen den Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen  ergeben. Gesamtschulen hatten dabei  deutlich schlechter als Realschulen und weit schlechter als Gymnasien abgeschnitten.

PISA misst Kompetenzen, nicht die Bildung

Irritierend ist, dass 17 Jahre nach Etablierung der PISA-Studie die Kritik immer noch nicht verstummt ist, ja, dass sie sogar von Teilen der pädagogischen Wissenschaft vorgetragen wird. Dabei fällt auf, dass etwas kritisiert wird, was die PISA-Studie gar nicht intendiert.

„Vieles von dem, was bei uns Bildung ausmacht, wird ausgeblendet, und das, was getestet wird, entspricht nicht unseren Vorstellungen von Bildung.“(Matthias Burchardt)

PISA misst nicht die Bildung der Schüler, die sich am Test beteiligen. PISA misst schon gar nicht die Bildung eines ganzen Landes („bei uns“). Deshalb geht diese Kritik ins Leere. PISA misst Kompetenzen, also Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler, mit dem erworbenen Wissen kreativ umzugehen, es auf unerwartete Problemstellungen anwenden zu können. Da es sich um einen Test handelt, an dem sich inzwischen 70 Länder aus  allen Kontinenten beteiligen, sind die Aufgabenstellungen so allgemein gewählt, dass sie für alle Kulturkreise passen. Deshalb dürfen gerade keine Wissensbestände (Bildung), schon gar keine spezifischen kulturellen Bildungsinhalte abgefragt werden.

Am der folgenden Beispielaufgabe aus der  Mathematik kann man gut verdeutlichen, wie PISA vorgeht.

                                                                  ÖLTEPPICH

Ein Öltanker ist auf See gegen einen Felsen gefahren und hat dabei ein Loch in seine

Öltanks gerissen. Der Tanker war ungefähr 65 km vom Land entfernt. Nach einigen Tagen

hatte sich das Öl ausgebreitet, wie es auf der Karte unten dargestellt ist.

(skizzierte Karte)

Nutze den Maßstab der Karte und schätze die Fläche des Ölteppichs in Quadratkilometern

(qkm).

Antwort: ………………………………………….qkm

Die Aufgabenstellung wird in die jeweilige Landessprache übersetzt. Sie ist so abstrakt-mathematisch, dass sie von allen Schülern, egal in welcher Kultur sie aufgewachsen sind und welche kulturelle Bildung sie erworben haben, gelöst werden kann. Es ist eine simple Aufgabe der Flächenberechnung. Wer diese Disziplin im Mathematikunterricht  auch nur ansatzweise vermittelt bekommen hat, ist in der Lage, die Aufgabe zu lösen.

Ähnlich sieht es beim zweiten Aufgabenfeld, der Lesekompetenz, aus. Hier eine PISA-Beispielaufgabe.

                                                               Turnschuhe

14 Jahre lang wurden am Sportmedizinischen Zentrum Lyon (Frankreich) die

Verletzungen junger Amateur-und Profisportler untersucht. Die Studie beweist, dass

Vorbeugung … und gute Schuhe … der beste Schutz sind.

(es folgt der Artikel, der die Ergebnisse der Studie zusammenfasst)

Frage 1:

Was will der Verfasser mit diesem Text zeigen?

A: Die Qualität vieler Sportschuhe ist sehr viel besser geworden.

B: Man soll am besten nicht Fußball spielen, wenn man unter zwölf Jahre alt ist.

C: Junge Menschen erleiden wegen ihrer schlechten körperlichen Verfassung immer

mehr Verletzungen.

D: Für junge Sportler ist es sehr wichtig, gute Sportschuhe zu tragen.

Frage 2:

Warum sollten laut Artikel Sportschuhe nicht zu steif sein?

……………………………………………………………………………………………………………………………………….

Frage 3:

An einer Stelle in dem Artikel heißt es: „Ein guter Sportschuh sollte vier Kriterien erfüllen.“

Welche Kriterien sind dies?

…………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………..

Auch diese Leseaufgabe nimmt nicht Bezug auf kulturelle Besonderheiten. Sie abstrahiert von der jeweiligen Landeskultur und stellt einen Gegenstand in den Mittelpunkt, den auf unserem Globus jeder Schüler kennt: den Lieblingsschuh der  Jugend. Die Aufgabestellung differenziert sogar nach Anspruchsniveaus. Der leichten Multiple-Choice-Aufgabe (1) folgen zwei freie Schreibaufgaben (2 und 3), die etwas schwerer zu bewältigen sind.

Das Leseverständnis von Schülern ist eine der elementarsten Kompetenzen überhaupt. Auf ihm baut jeder Wissenserwerb auf. Wer Texte nicht versteht, muss in jedem Unterrichtsfach scheitern. Deshalb sind die Ergebnisse bei der Lesekompetenz besonders aussagekräftig, wenn man beurteilen will, ob in einem Schulsystem die elementaren Basics vermittelt werden.

Leistungsvergleichstests helfen das Schulsystem zu verbessern

In Deutschland käme kein vernünftiger Lehrer auf die Idee, die Berechtigung von Studien wie  VERA 8,  TIMSS und  IQB-Bildungstrend in Frage zu stellen. Zu aussagekräftig sind ihre Resultate. So wurde erst vor kurzem nachgewiesen, dass die Rechtschreibleistungen der Schüler in Baden-Württemberg unterdurchschnittlich sind, was zu einer entschiedenen Kurskorrektur an den Grundschulen durch die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann geführt hat. Hätte es diese Studien nicht gegeben, wäre wohl alles beim alten – also beim schlechten – geblieben. Wenn man A sagt, muss man auch B sagen. Man kann nicht  innerdeutsche  standardisierte Tests gutheißen und gleichzeitig die PISA-Tests, die nach demselben Prinzip funktionieren, ablehnen.

OECD-Schelte an der falschen Stelle

Der Verdacht liegt nahe, dass die Kritik an PISA vor allem dem Urheber der Studie geschuldet ist: der OECD. So nennt der an und für sich sehr schätzenswerte „Arbeitskreis Schule und Bildung in Baden-Württemberg“ die OECD in ihrem letzten Rundbrief vom Januar 2017 „eine amerikanisch dominierte Privatorganisation, vermeintlich für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit.“ Die antiamerikanische und antikapitalistische Konnotation der Formulierung  ist unübersehbar. Ich habe selbst schon häufig bestimmte Paradigmen in der Bildungspolitik, die von der OECD vorgegeben wird, kritisiert, so etwa die Vorstellung, dass das Heil eines Landes in  einer möglichst hohen Zahl an Abiturienten liege. Die grundlegende Ausrichtung dieser Organisation finde ich jedoch vollkommen richtig. Eine unsoziale Schlagseite kann man ihr gerade in der Bildungspolitik nicht vorwerfen. So hat sich die OECD mit den PISA-Studien  zu einem Fürsprecher von Chancengleichheit im Bildungssystem gemacht. Stets untersucht sie, inwieweit das Bildungssystem eines Landes Chancen für Kinder aus  ärmeren, bildungsfernen  Schichten gewährleistet. Auch Deutschland hat davon profitiert, dass schon frühzeitig  auf eine soziale Unwucht in unserem  Bildungssystem hingewiesen wurde. Auch in der allgemeinen Sozialpolitik zeigt die OECD Flagge. So hat sie  in einer Studie auf eine Zunahme von Armut  in ihren Mitgliedstaaten hingewiesen und Wege aufgezeigt, wie die Einkommensschere geschlossen werden kann.

Antikapitalistischer  Kulturkampf statt  Pädagogik

Kritik an den PISA-Tests kommt auch aus anderen Ländern. So hat die Dachorganisation von  Lehrer- und Bildungsorganisationen in Nord- und Südamerika „Red SEPA“ eine Stellungnahme veröffentlicht, die harsche Kritik an PISA formuliert. Auch in dieser Kritik wird der PISA-Studie unterstellt, sie würde die genuinen  Bildungskonzepte  der einzelnen Länder untergraben, weil die Tests nicht auf eine „umfassende und ganzheitliche Entwicklung des Schülers abzielen“, sie würden auch das „kritische soziale und geschichtliche Bewusstsein“ der Schüler nicht fördern. Diese Vorwürfe sind völlig unsinnig, weil PISA sich solche bildungspolitischen Ziele nie vorgenommen hat und es auch in Zukunft nicht tun wird (s. die oben zitierten Aufgaben). Genauso unsinnig ist der Vorwurf von „Red SEPA“, PISA zerstöre „das Schulklima und die emotionale Stabilität“ der Schulen.

An der PISA-Studie 2006 haben in Deutschland 4.891  Schüler aus insgesamt 225 Schulen teilgenommen. Bei 47.000 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland ist das eine verschwindend geringe Zahl. Zudem wird PISA nur alle drei Jahre veranstaltet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schüler in seiner Schullaufbahn mit der PISA-Studie behelligt wird, gleicht bei einer Gesamtzahl  von 8,34 Millionen Schülern der Wahrscheinlichkeit eines Lotto-Gewinns. In den anderen teilnehmenden Ländern sieht es genauso aus. Und dennoch sind die Ergebnisse von PISA valide, weil sie nach denselben repräsentativen Kriterien  erhoben werden wie die Ergebnisse bei politischen Meinungsumfragen. Wenn die Schulen geschickt ausgewählt werden (aus allen Bundesländern, allen Schulformen, allen sozialen Einzugsbereichen), kommen die Ergebnisse der Realität schon recht nahe. An der Stimmigkeit der Ergebnisse hat deshalb auch noch  nie jemand gezweifel

Dass PISA das Schulklima und die emotionale Stabilität  der Schulen zerstört, wie „Red SEPA“ behauptet,  entpuppt sich, allein wenn man die Zahlenverhältnisse bedenkt,  als Propaganda. Woher der Wind weht, kann man am Text der Stellungnahme von „Red SEPA“ unschwer erkennen: Hintergrund sind antikapitalistische Affekte. Es wird kritisiert, dass „Privatunternehmen“ an der Ausarbeitung der Aufgaben beteiligt seien und  dass durch das Ranking  Druck auf die Länder ausgeübt wird, die „wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit“ zu verbessern. Dies kann nur jemand kritisieren, der den Zusammenhang von Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft  und Wohlstand für die  Bürger negiert.

Was sind die wahren Interessen von „Red SEPA“?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in den 1990er Jahren  Schulbehörden verklagt hat, weil sie es gewagt haben, die Effekte des Lernens von Wissenschaftlern untersuchen zu lassen.  „Betriebsfremde“  wollte man aus dem Klassenzimmer aussperren. Heute ist der GEW diese schülerfeindliche Haltung  peinlich. Auf demselben rückständigen Stand sind heute noch die meisten Lehrergewerkschaften in Lateinamerika. Sie begreifen sich nicht als Bildungsorganisationen, sondern als Interessenvertreter für ihre Mitglieder, wobei es ihnen egal ist,  wie gut diese ihren Beruf ausüben. Der gewerkschaftliche Schutz gilt auch für schlechte Lehrer.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hat eine Studie über die Politik lateinamerikanischer Lehrergewerkschaften vorgelegt. Darin zeichnet sie ein pessimistisches Bild von den  Möglichkeiten, dass die Bildungsbehörden mit diesen Verbänden kooperieren könnten, um die Qualität des Schulsystems zu verbessern. Die meisten Verbände blockieren selbst harmlose Versuche der Evaluation von Unterrichtsqualität.  Dass in diesen Ländern Schulreformen  bitter nötig sind, haben nicht zuletzt die jüngsten  PISA-Resultate gezeigt. An  PISA 2016 waren acht lateinamerikanische Länder beteiligt. Alle liegen weit unter dem Durchschnitt aller OECD-Länder. Von den asiatischen Siegerstaaten trennen sie Welten. Am besten schneidet Chile ab. Es liegt in Mathematik 31 Punkte unter dem OECD-Durchschnitt, bei der Lesekompetenz 55 Punkte und in den Naturwissenschaften 56 Punkte. Es ist sicher kein Zufall, dass die Länder, deren  Volkswirtschaften marktwirtschaftlich organisiert sind, auch im Bildungssystem am besten abschneiden (Chile, Mexiko, Uruguay, Costa Rica), während Länder mit einer eher sozialistischen Ausrichtung schlecht abschneiden (Brasilien, Argentinien, Peru). Katastrophenländer wie Venezuela haben sich erst  gar nicht beteiligt. Ein Land wie Chile weiß, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung von einem leistungsfähigen Schulsystem abhängt. Nur so kann das Land den Status des Schwellenlandes überwinden und zum Club der Industrieländer aufschließen. Wenn man jedoch die Marktwirtschaft zum Teufelszeug  erklärt, kann man kein Interesse an einem effektiven Schulsystem haben.

Bei PISA 2016 belegen sieben (!) Länder aus Asien die ersten Plätze: Shanghai (hat als Stadt  teilgenommen), Singapur, Hongkong, Taipeh, Korea, Macau und Japan. Hätte die PISA-Schelte von „Red SEPA“ eine Berechtigung, dann hätten sich all  diese Länder von der OECD kulturell vergewaltigen lassen. Hier wird der Unsinn der Stellungnahme der lateinamerikanischen Lehrerverbände offensichtlich.

Die asiatischen Länder schneiden bei PISA deshalb besonders gut ab, weil in ihrem Schulsystem die Leistungsanforderungen hoch sind und Sekundärtugenden wie Disziplin, Ehrgeiz und Pünktlichkeit noch nicht dem modernen Zeitgeist geopfert wurden. Auch wenn wir die Uniformität und den  Drill in chinesischen und japanischen Schulen eher befremdlich finden, weil er u.a. auch zu einer relativ hohen Selbstmordrate unter Jugendlichen führt, kann man die Augen nicht davor verschließen, dass man mit einer Leistungsorientierung in der Schule auch zu guten Ergebnissen kommen kann. Dass unsere Schulen auf diesem Felde Defizite haben, pfeifen die Spatzen von den Dächern.

Fazit

Vor einem Jahr habe ich für eine pädagogische Zeitschrift einen Kommentar zu PISA geschrieben. Er schloss mit folgenden Sätzen:

„Schlechte Ergebnisse bei schulischen Leistungstests geheim halten zu wollen, ist nicht nur ein hilfloses Unterfangen. Es ist gegenüber der Öffentlichkeit unehrlich und gegenüber Eltern und  Schülern  respektlos. Es ist zu hoffen, dass die Geheimniskrämerei um schulische Leistungen  für immer  ein Ende hat.“

Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.  

 

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kompetenzen, Leistungsbereitschaft, Unterrichtsqualität

Eine Antwort zu “Kulturkampf gegen PISA

  1. PISA hat den Unterricht in Mathematik (und nicht nur dort) komplett zerbröselt – um bei PISA gut abzuschneiden, hat man alles, was dort nicht abgefragt wird (Geometrie etwa) rausgeschmissen, um Zeit für bescheuerte Textaufgaben und stochastischen Unsinn zu bekommen. Wer PISA heute immer noch verteidigt, hat wirklich überhaupt nicht verstanden, was PISA angerichtet hat. Ich sage das nur deswegen so nett, weil ich diese Seite eigentlich ganz gern lese -).

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