Von Schulschwänzern, Helikopter-Eltern, Bildungsbürgern und Geschäftemachern

Der Leser wird sich fragen, was diese vier Begriffe miteinander zu tun haben. Eigentlich wenig. Einem Kommentator im Kulturradio im RBB ist es allerdings gelungen, die vier Vokabeln zusammenzurühren. Er heißt André Bochow und ist den Radiohörern in Berlin vor allem durch seinen  Satirischen Wochenrückblick bekannt, der am Sonnabend gesendet wird. Schon in diesen satirischen drei Minuten zeigt sich des Kommentators  starke linke Schlagseite, umso mehr in seinen Einlassungen in Kommentaren in voller  Länge.

Beim Kommentar vom 04. 01. 2017 ging es um die Frage, warum Berlins Schulen den bundesweiten Rekord an Schulschwänzern aufweisen. Im letzten Schulhalbjahr 2015/2016 haben in den Klassen 7 bis 10 mehr als 2.000 Schüler über vier Wochen, manche oder sogar über acht Wochen lang,  unentschuldigt gefehlt, weitere 2.300 Schüler schwänzten den Unterricht zwei bis vier Wochen. Rechnet man die Schwänzer in der Grundschule, die in dieser Statistik nicht erfasst sind, hinzu, kommt man auf eine riesige Zahl an Schulschwänzern an Berlins Schulen. Die Folgen sind bekannt: Die Schüler verlieren den Anschluss an den vermittelten Stoff, schreiben schlechte Klassenarbeiten, verlieren die Lust an der Schule  ganz  und bekommen zum Schluss keinen Schulabschluss.

Der Kommentator  André  Bochow geht nun nicht –  was naheliegend wäre – der Frage nach, welche Ursachen das Schwänzen konkret  hat und wie die Schulen und die Schulbehörde mit diesem Phänomen umgehen. Nein, er macht einen Rundumschlag und stellt die steile These auf: Schulschwänzer gibt es nur, weil im Berliner  Schulsystem die Gleichheit fehlt. Dann kommt die alte Leier  von der selektiven Schule, von den reichen Bildungsbürgern (kann ein weniger betuchter Bürger nicht auch gebildet  sein?), die ihre Kinder lieber in Privatschulen schicken, als sie die Schulbank mit einem Kind aus der Unterschicht drücken zu lassen.

Im Grunde  stimmt  in Bochows  Kommentar nur ein einziger Satz:

                        „Alle Eltern sind für ihre eigenen Kinder selbst verantwortlich.“

Bevor ein Kind in die Schule kommt, hat es sechs Jahre lang eine Erziehung im Elternhaus genossen. Jeder Psychologe weiß, dass die ersten Jahre fürs ganze Leben  prägend sind, weil in ihnen die Voraussetzungen für das Lernen in der Schule und darüber hinaus  gelegt werden.

Die Benachteiligungen von Kindern beginnen, wie man heute weiß, sehr früh. Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern  regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern  elaboriert reden und  diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen  Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im  hintersten Waggon des Geleitzuges.

Bochow fordert die „Schule für alle“.  Im Grunde gibt es diese Schule schon: die Grundschule, die in Berlin sogar sechs Schuljahre dauert. Hier sitzen Kinder aus der deutschen Unterschicht neben  Akademikerkindern und  Kindern  aus  Migrantenfamilien. Wenn man sich einmal den Unterricht in einer Berliner Grundschule anschaut, wird man  sehr schnell feststellen können, dass es die Gleichheit in der Bildung, die Bochow  fordert, nicht gibt, ja, nicht geben kann. Sie ist  nicht zu verwirklichen, weil die Kinder, die zu Hause maximal intellektuell  gefördert worden sind, ungleich mehr lernen als diejenigen, denen diese Förderung gefehlt hat. Manche Kinder können am ersten Schultag schon lesen und schreiben, weil es ihnen die Eltern oder Geschwister  beigebracht haben. Andere Kinder hatten vor der Schulzeit noch nie eine Schere in der Hand gehabt, weil die Eltern nie mit ihnen gebastelt, sondern  sie nur vor den Fernseher gesetzt haben. Die lernschwachen Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern könnten nur dann zu den leistungsstarken Schülern aufschließen, wenn man letztere am Lernen hinderte. Da dies weder human noch möglich ist (gute Schüler lernen nämlich auch in einem schlechten Unterricht), ist es wie beim Sport: Der austrainierte Sportler  rennt dem trägen und ungeübten  davon. Oder wie in der Musik: Wer mit 5 Jahren mit dem Klavierspiel begonnen hat, kann bei gleicher Musikalität von einem  15-jährigen Starter  nicht mehr  eingeholt werden.

In Berlin gibt es übrigens auch nach der Grundschule noch eine Schulform „für alle Kinder“, die Gemeinschaftsschule. Sie macht genau das, was der Kommentator fordert, nämlich „die sozialen Milieus in der Schule zusammen zu bringen“.  Leider besagen die Erhebungen über die Schulabschlüsse an allen Berliner Schulen, dass die Schüler an dieser integrativen Schule am schlechtesten abschneiden. Das Problem aus der Grundschule – die ungleichen Lernvoraussetzungen –  setzt sich nämlich in dieser Schule  fort. Selbst in der DDR, einer höchst egalitär verfassten Gesellschaft, war das Problem der Ungleichheit in der Bildung nicht zu lösen. Deshalb wurde neben der Politechnischen Oberschule (POS) die Erweiterte Oberschule (EOS) gegründet, in der die besonders begabten Kinder beschult wurden.

Weil die lernschwachen Schüler aufgrund der häuslichen Vorprägung  immer benachteiligt sind und diese Defizite als Päckchen  immer weiter mit sich herumschleppen,  kann es in der Bildung keine Gleichheit geben, allenfalls eine Chancengerechtigkeit. Sie besteht darin, dass  man allen Kindern beim Eintritt in die Schule gleiche Startbedingungen bietet. Das ist  in Berlin wie  auch in allen anderen Bundesländern gewährleistet. Ich habe sogar festgestellt, dass es ungleich mehr Förderangebote für schwache Schüler gibt als solche für überragende Lerner, obwohl es menschlich geboten wäre, auch ihrer Intelligenz Förderung  angedeihen zu lassen. Das fällt in unserer Neidgesellschaft aber unter den Verdacht der Elitebildung.

Bochow mokiert sich über die „Helikopter-Eltern“. Nach dem, was oben ausgeführt wurde, sind den Lehrern die Eltern, die sich um ihren Nachwuchs kümmern, sehr viel lieber als diejenigen, die ihn vernachlässigen. Deshalb ist die Vokabel „Helikopter-Eltern“ auch ein Begriff aus dem Wörterbuch des Neids. Verantwortungsvolle Pädagogen würden dieses Wort nie in den Mund nehmen.

Den antikapitalistischen Gestus des Kommentars kann man an einer grotesken Fehleinschätzung erkennen. Bochow  unterstellt, dass die Privatschulen, die in Berlin in der Tat in hoher Zahl gegründet werden, von „Geschäftemachten“ des Profits wegen ins Leben gerufen werden. Ich arbeite als  Berater von Privatschulen und kenne mich in  diesem Sektor sehr gut aus. Über 90% dieser Schulen werden entweder von konfessionellen Trägern (evangelischer und katholischer Kirche), von der reformpädagogischen Waldorf-Schulgemeinde oder von der Montessori-Schulgemeinde betrieben. Alle diese Träger arbeiten  nicht profitorientiert. Sie bieten Kindern aus sozial schwachen Familien entweder Freiplätze oder Stipendien an. Die „betuchten Bildungsbürger“ (Bochow) wählen diese Schulen für ihre Kinder, weil dort noch eine wertehaltige Erziehung geboten wird, die an den staatlichen Lernfabriken längst verloren gegangen ist. Der Umgang miteinander ist oft  menschlicher als an   staatlichen Schulen, die mitunter  von einem Klima der  Kälte und Gleichgültigkeit  geprägt sind.

Warum ist dieser   Kommentar so gründlich missraten? Weil er Ideologie verkündet, statt die Wirklichkeit in den Blick zu nehmen.  Wenn ein Laie einen Ausflug  in die Welt der Pädagogik unternimmt, sollte er zuallererst  recherchieren und nicht nur seiner vorgefassten Meinung freien Lauf lassen.

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Privatschulen, Schulformdebatte

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