PISA-Test: Lob oder Tadel?

Alle drei Jahre veröffentlicht die OECD die Resultate des weltweit durchgeführten Pisa-Tests. Die Schwerpunkte bei den getesteten Wissensgebieten variieren von Test zu Test. Mal müssen die Schüler ihr Leseverständnis unter Beweis stellen, mal ihre Fähigkeiten in den Naturwissenschaften  oder in Mathematik. Die Politik sieht den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen, weil das Ranking des eigenen Landes im Pool der teilnehmenden Länder Anerkennung und Prestige verheißt – oder Enttäuschung und Beschämung.

Bei jeder Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse melden sich Kritiker zu Wort, die das eine oder andere an den Testmethoden auszusetzen haben oder solche länderübergreifenden Tests gänzlich ablehnen. Die prononcierteste Meinung vertrat beim jüngsten Pisa-Test Thomas Vitzthum,  Autor der  WELT („Schluss mit diesen dämlichen Pisa-Tests“, 06. 12. 2016). Er bemängelt, dass bei der Pisa-Erhebung das Falsche abgefragt werde. Man erfahre nur, dass Schüler etwas nicht können, nicht aber, warum sie versagen. Diese Aussage ist richtig, entwertet jedoch nicht den Pisa-Test. Man kann von einem standardisierten, weltweit funktionierenden Schultest nicht verlangen, dass er die Unterrichtsmethoden, die in den jeweiligen Ländern angewendet werden, vergleicht und  ihre Vorzüge oder Mängel  misst. Das ist Aufgabe der pädagogischen Wissenschaft und der Bildungsverwaltungen der einzelnen  Länder. Nach dem Pisa-Schock im Jahre 2001, als deutsche Schüler nur  im unteren Mittelfeld landeten, pilgerten  Experten nach Finnland, um vom Pisa-Siegerland zu lernen. Pisa stellt also  die Diagnose. Für die Therapie sind die Bildungsexperten zuständig.

Pisa misst Kompetenzen, nicht die humanistische Bildung

Eine andere Kritik äußert  der Wissenschaftler  Matthias Burchardt im Kölner Stadtanzeiger („Pisa-Studie ist manipulativer Zahlensalat“, 06. 12. 2016). Burchardt kritisiert, dass das Testverfahren nicht dem Bildungsgedanken, der unsere Tradition […] ausmacht“, entspreche. Auch diesem Gedanken kann ich beipflichten. Ich habe ihn an anderer Stelle ähnlich vertreten. Es gibt tatsächlich Wissensgebiete, die von Pisa  nicht gemessen werden (können), die   aber unsere humanistische Bildung prägen. Dazu gehören  die musische Bildung, aber auch die hohe Kunst der Interpretation fiktionaler Texte, die weit über das Kompetenzmodell der Pisa-Fragebögen hinausgeht. Ich finde aber, dass diese Kritik, so richtig sie ist, die Notwendigkeit von Pisa nicht  entkräften kann.

In den Pisa-Tests werden drei Fähigkeiten getestet: die Lesekompetenz, die mathematische Kompetenz und  die naturwissenschaftliche Grundbildung. Dabei sind die Fragen so angelegt, dass sie in persönliche und kulturell relevante Kontexte eingebettet sind. Nur so kann ein Test in 72 Ländern von völlig unterschiedlicher kultureller Prägung erfolgreich und gerecht absolviert werden. Deshalb wird auch nicht Wissen abgefragt, sondern es werden Kompetenzen getestet, die bei völlig unterschiedlichen (nationalen) Wissensbeständen  gleich funktionieren.

An der Lesekompetenz kann man das Testprinzip gut  verdeutlichen. Es ist doch unmittelbar einleuchtend, dass die Fähigkeit, den Inhalt eines geschriebenen Textes zu erfassen, eine grundlegende Kulturtechnik darstellt. Auf ihr baut  das  interpretatorische Verständnis in nahezu allen Fächern auf. Man kann es  zuspitzen: Ohne die Fähigkeit, Texte zu verstehen, ist alles weitere Lernen vergeblich. Deshalb macht es einen Riesenunterschied, ob die Neuntklässler eines  Landes unter dem OECD-Durchschnitt  abschneiden oder ob sie in der Spitzengruppe rangieren. Jeder Lehrer kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Viele Schüler scheitern bei der Interpretation einer Kurzgeschichte oder einer historischen Quelle, weil sie deren Inhalt nicht verstanden haben. Deshalb wird  bei  nationalen Testverfahren wie „Vera 8“ selbstverständlich  immer auch das Leseverständnis  der Schüler abgefragt.

Pisa ist heilsam für eine verantwortungslose Politik

Ich habe die Zeit nach der ersten Pisa-Studie 2001 noch als aktiver Lehrer erlebt. Seit dem Pisa-Schock  hat sich die Unterrichtskultur an den Schulen grundlegend  gewandelt – zum Besseren. Heute gibt es kaum noch Lehrer, denen es egal ist, wie ihre Schüler abschneiden, und keine Schulleiter mehr, die den Mantel der Nächstenliebe über einen  mangelhaften Unterricht breiten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in den 1990er Jahren  Schulbehörden verklagt hat, weil sie es gewagt haben, die Effekte des Lernens von Wissenschaftlern untersuchen zu lassen.  „Betriebsfremde“  wollte man aus dem Klassenzimmer aussperren. Dieses pädagogische Weltbild, das noch dem 19. Jahrhundert verpflichtet ist (Der Lehrer ist eine Autoritätsperson und hat immer recht!), ist seit Pisa endgültig passé. Und dies ist ein Segen. Pisa und alle anderen Testverfahren (Vera, TIMSS) stärken das Verantwortungsgefühl der Lehrkräfte gegenüber ihren Schülern. Wer wollte im Ernst etwas dagegen einwenden wollen?

Man  darf  auch  nicht vergessen, dass die Pisa-Studie sehr aussagekräftig ist, wenn es darum geht, die  Entwicklung eines Landes nach oben oder nach unten zu dokumentieren. Dass Frankreich bei der jüngsten Pisa-Studie  unter den OECD-Durchschnitt abgestürzt ist, verdankt sich dem Trend zur Egalität, den die sozialistische Regierung unter Hollande mit Macht durchgesetzt hat. Ohne Pisa wäre dieser Skandal nicht aufgedeckt worden. Der neue Präsident Frankreichs muss  ab 2017  kräftig umsteuern – zum Nutzen  der französischen Schüler.

Thomas Vitzthum stört sich in seinem Beitrag  am Umfang der Studie (544 Seiten: „dieser Ziegel aus Papier“). Für Forscher, die sich wirklich auf das  Kleingedruckte einlassen, ist die Studie eine Fundgrube. So haben Wissenschaftler im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgefunden, dass man dem innerdeutschen Ländervergleich entnehmen kann, dass die egalitären Schulformen, die von Rot-Grün favorisiert werden, deutlich schlechter abschneiden  als die gegliederten Schulsysteme. Das war auch der Grund, weshalb die SPD-regierten Bundesländer versuchten, die Publikation der Pisa-Ergebnisse aufgeschlüsselt nach Bundesländern und nach Schulformen zu verhindern.

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt,  wie segensreich solche Studien sind, wenn es darum geht, neue Schulformen wie die Integrierte Sekundarschule oder die Gemeinschaftsschule zu bewerten. Deren Leistungsfähigkeit bleibt nämlich  weit hinter den grandiosen Verheißungen  der Initiatoren  zurück. Nur wissenschaftliche Studien – und Pisa gehört dazu – können diese „Entzauberung“ leisten. Wir sollten sie deshalb nicht schlecht reden oder  schreiben.

Wenn es Pisa nicht gäbe, müsste man es erfinden.

 

 

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Eingeordnet unter Kompetenzen, Schulformdebatte, Unterrichtsqualität

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