Schulmisere in Berlin

Koalitionsvereinbarung  von Rot-Rot-Grün: eine einzige Enttäuschung

Seit 1996 stellt  die SPD in Berlin  ununterbrochen den Senator für Schulwesen. In jeder Koalition blieb ihr  diese Verantwortung erhalten, weil sie Schule und Bildung als Kernbereich sozialdemokratischer Identität ansah. Keine andere Partei wollte ihr diesen Anspruch streitig machen. Seit der Zeit August Bebels rangiert Bildung im sozialdemokratischen Ideenfundus ganz weit oben. Die SPD wollte den Unterprivilegierten aus der Arbeiterklasse den sozialen Aufstieg ermöglichen: durch Bildung. Viele Spitzenpolitiker in den eigenen Reihen sind diesen Weg selbst gegangen, bezeugen also durch ihre eigene Vita, dass Aufstieg von ganz unten nach oben durch Bildung möglich ist.

In den 1960er Jahren schaffte es die SPD, das dreigliedrige Schulsystem  zu ergänzen, indem sie eine neuartige  integrative Schulform, die Gesamtschule, gründete. In allen von der SPD regierten Ländern wurde diese Schulform eingeführt.  Kinder unterschiedlicher Herkunft und Begabung sollten an derselben Schule lernen, allerdings in den Hauptfächern in Kursen mit unterschiedlichem Leistungsanspruch. Lange schien es so, als habe die Republik in diesem Vierer-System (Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Gesamtschule) das Modell gefunden, das der Vielfalt der Begabungen unserer Kinder am besten gerecht wird. Sozialdemokratische Bildungspolitiker genügte dieser Schulfrieden freilich nicht. Sie machten sich daran,  Real- und Hauptschule zur Sekundarschule zusammenzufassen und daneben noch eine weitere integrative Schulform – die Gemeinschaftsschule – zu gründen. Dies ist der heutige Stand in den sozialdemokratisch regierten Bundesländern –  also auch in Berlin.

An den inzwischen regelmäßig stattfindenden Leistungsvergleichsstudien kann man ablesen, wie es um die Qualität der neu gegründeten Schulformen bestellt ist. Berlin bekam in den letzten Jahren regelmäßig den letzten Platz unter 16 Bundesländern zugewiesen. Da die Sekundar- und Gemeinschaftsschulen seit acht Jahren existieren, kann man nicht ausschließen, dass  sie zum schlechten Abschneiden der Berliner Schüler maßgeblich beigetragen haben. Dies wird durch die Ergebnisse zum Mittleren Schulabschluss bestätigt, die an der Sekundarschule am schlechtesten, an der Gesamtschule am besten ausgefallen sind.

Der neue rot-rot-grüne Senat hat in seiner Koalitionsvereinbarung ein ausführliches Kapitel zur künftigen Schulpolitik aufgeschrieben. Wer das Dokument liest, muss den Eindruck gewinnen, die für die  Schule Verantwortlichen lebten in einem anderen Bundesland. Nirgendwo ist von schulischen Defiziten die Rede, eine ehrliche Bestandsaufnahme  der Qualität der Berliner Schule  sucht man vergeblich. Stattdessen werden Floskeln bemüht, die für jede Schule der Republik zutreffen könnten: Die Integrierten Sekundarschulen werden weiterentwickelt, die Gymnasien gestärkt. Liest man dazu das Kleingedruckte, erfährt man, dass von einer sinnvollen Weiterentwicklung oder gar Stärkung keine Rede sein kann.

Der Unterricht in der Integrierten Sekundarschule erfolgt in der Regel weiterhin in Entscheidung der Schulen entweder durch äußere Leistungsdifferenzierung oder Binnendifferenzierung.

Schon in der Vergangenheit hat die Schulverwaltung die Entscheidung, wie in den stark heterogenen Klassen unterrichtet werden soll, der Einzelschule überlassen. Das hat dazu geführt, dass nur ein Teil der Schulen das erfolgreichste Modell der Differenzierung, die äußere Fachleistungsdifferenzierung, angewendet haben. Alle anderen bevorzugen die Binnendifferenzierung, die nach meinen eigenen Erfahrungen (und der vieler Experten) schlechtere Ergebnisse zeitigt. Warum die SPD hier nicht vom erfolgreichen Konzept der Gesamtschule lernt, bleibt ihr Geheimnis.

Die Anzahl der genehmigten grundständigen Züge hat Bestand.

Was sich so lapidar liest, ist das Verbot des Schulsenats, in den Gymnasien, die sich in besonderer Weise dem Leistungsgedanken verpflichtet fühlen, eine eigene Unterstufe mit den Klassen 5 und 6 einzuführen. Die sechsjährige Grundschule soll nicht angetastet werden, obwohl die leistungsstarken Kinder in reinen Gymnasialklassen besser gefördert werden könnten.  Gleichzeitig will der neue Senat beim Übergang von der Grundschule zur Oberschule  am Vorrang des Elternwillens  festhalten. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass  viele Schüler von ihren Eltern aufs Gymnasium geschickt worden sind, die dem dortigen Unterricht intellektuell nicht gewachsen waren. Sie strampelten sich ein volles Jahr vergeblich ab, um danach  in eine leichtere Schule zu wechseln. Überforderung ist, wie auch Erwachsene wissen, ein nicht zu unterschätzender Stressfaktor. 13-jährigen Kindern dies ein Jahr lang zuzumuten, ist keine fürsorgliche Politik. Es wäre sehr viel  sinnvoller, die Aufnahmegrenze für das Gymnasium  bei  der Note  2,5 des Grundschulzeugnisses anzusetzen und Ausnahmen nur über einen bestandenen Aufnahmetest zuzulassen. Diese Maßnahme würde wirklich zur Stärkung des Gymnasiums beitragen.

Die Bildungsvereinbarung der drei Parteien geht offensichtlich davon aus, dass an der  Qualität des Schulsystems in Berlin  insgesamt nichts auszusetzen  ist.  Das Wort „Qualität“ kommt im gesamten Text nur einmal vor und dann noch an einer nebengeordneten Stelle, bei der Durchsetzung der Schulpflicht. Wichtige Zielmarken wie „Qualitätsentwicklung“  und „Qualitätsmanagement“, die an den erfolgreichen Bundesländern zum A und O  der Schulpolitik gehören,  werden völlig  ausgeblendet.  Maßnahmen, die die  Unterrichtsqualität steigern könnten, wie z.B. die Selbstevaluation der Lehrer, das Feedback durch die Schüler und die kollegiale Hospitation, werden nicht ins Auge gefasst. Nirgendwo ist davon die Rede, dass die von den Lehrern verwendeten Unterrichtsmethoden kritisch bewertet und auf ihre Wirksamkeit hin untersucht werden müssten. Andere Bundesländer haben gezeigt, wie man sich durch richtige Weichenstellungen im Ranking der Länder nach oben arbeiten kann. Berlin scheint das nicht vorzuhaben. Sonst sähe die Bildungsvereinbarung der neuen Regierung anders aus.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Realität:  In Berlin verlässt  jeder 11. Schüler die Schule ohne Abschluss, an einzelnen Schulen ist es jeder fünfte.

Selten hat man ein Schulprogramm gelesen, das so selbstzufrieden und selbstgerecht daherkommt.

 

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Eingeordnet unter Innere Schulreform, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsqualität

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