Bessere Bildung durch mehr Geld?

Über die Sozialdemokratie gibt es das Bonmot, wonach sie für jedes gesellschaftliche Wehweh ein passendes Pflaster parat hält: ein Geldgeschenk. Für eine Partei der Solidarität, die eigentlich ein kritisches Verhältnis zum Geld haben sollte, ist das zumindest eine merkwürdige Haltung. Als wollte die SPD das Vorurteil bestätigen, ihr gehe es nur ums Geld, wurde jüngst publik, dass sie folgende Forderungen ins „Wahlprogramm 2017“ schreiben wolle: Beitragsfreiheit für alle Kitas, neun Milliarden Euro für die Sanierung der Schulen, hohe Finanzmittel für die flächendeckende Einrichtung von Ganztagsschulen und hohe Beträge für die „digitale Aufrüstung“ der Schulen. Eine bessere Bildung durch höhere finanzielle Aufwendungen erzwingen zu wollen, ist gut gemeint, geht aber an der Problematik unseres Schulsystems vorbei.

In seiner großen  Vergleichsstudie „Lernen sichtbar machen“ (2013) hat der neuseeländische Bildungsforscher  John Hattie  138 Wirkungsfaktoren untersucht, die den Lernerfolg der Schüler positiv oder negativ beeinflussen. Auf der Skala von 1 bis 138 belegt die finanzielle Ausstattung der Schulen nur den 99. Platz. Sie hat also  so gut wie keinen positiven Effekt auf die Lernentwicklung der Schüler. Viel wichtiger hält der Bildungsforscher die Faktoren, die den Lernprozess unmittelbar beeinflussen, wie z.B. die Interaktion der Lehrkraft in der Lerngruppe, eine positive Lehrer-Schüler-Beziehung und hohe Erwartungen der Lehrkraft an die Schüler. Von interessanten didaktischen Konzepten oder gar  von einer ehrlichen Bestandsaufnahme der Pädagogik in den Klassenzimmern  ist im  „Wahlprogramm 2017“  der SPD keine Rede.

Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat seit den 1990er Jahren einen Wettlauf um die besten Köpfe in Gang gesetzt. Vor allem die großen IT-Firmen in den USA saugen die Intelligenz aus aller Welt auf, um sie für die Entwicklung neuer Produkte nutzbar zu machen. Viele Industrieländer ziehen nach. Vor allem China hat bei der digitalen Entwicklung einen großen Sprung nach vorne gemacht. Die weltweite Digitalisierung hat einen tief gehenden Strukturwandel bewirkt, der immer noch anhält. An einer Zahl kann man dessen Tragweite  ablesen: In den USA hat sich seit 1990 die Zahl der Jobs für Universitätsabsolventen mehr als verdoppelt, während  sich die Zahl der Jobs für High School – Absolventen (entspricht unserer Gesamtschule)  um 7,3 Millionen verringert hat. Immer mehr einfache Tätigkeiten werden automatisiert oder von ungelernten Hilfskräften – auch von Einwanderern ohne berufliche Qualifikation – übernommen. Viele traditionelle Handwerksberufe werden hingegen  qualitativ  aufgewertet. Der frühere KFZ-Mechaniker firmiert heute unter Mechatroniker. Statt nur an den Autos mechanisch herumzuschrauben, muss er die Software beherrschen, die die Elektronik in modernen Autos steuert. Die Sekretärin, die vor 20 Jahren nur im Tippen auf der  Schreibmaschine  gut sein musste, muss heute viele digitale Büroanwendungen beherrschen. Wenn das Anspruchsniveau in den Berufen steigt, muss die Ausbildung in den Schulen und Berufsschulen mit der technischen Entwicklung Schritt halten. Tut sie das nicht, sind   Fachkräftemangel und wirtschaftlicher Rückschritt  die unausweichlichen Folgen.

Die Korrelation zwischen Bildungsabschluss und Arbeitslosigkeit ist eindeutig erwiesen. In Deutschland waren im Jahre 2012 von Menschen mit hohem Bildungsstand   lediglich 2,4% arbeitslos. Bei Menschen mit mittlerem Bildungsstand erhöhte sich das Risiko auf 5,4%, während es bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand auf 12, 6% stieg. Solche Zahlen müssten nicht nur die Arbeitsmarktexperten, sondern vor allem die Bildungspolitiker in den Parteien alarmieren. Schaut man sich die Zahlen zu den Schulabschlüssen  in Deutschland  an, hat man nicht den Eindruck, als habe die Bildungspolitik das Problem verstanden und sei bereit, die  Weichen richtig  zu stellen. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes verlassen seit zehn  Jahren  an unseren allgemeinbildenden Schulen jährlich ca. 7% aller Schüler  die Schule ohne Abschluss. Das sind rund 53.000 Schüler pro Jahr. Ihnen ist der Weg in eine berufliche Ausbildung verbaut. Sie werden sich entweder mit Billigjobs zufrieden geben müssen oder ins Hartz-IV-System abrutschen.

Am Beispiel Berlins kann man beispielhaft  studieren, woran die Misere liegt. In der Hauptstadt  gibt es neben dem Gymnasium drei egalitäre  Schulformen nebeneinander, in denen die Schüler ungeachtet ihrer sozialen Herkunft oder ihres intellektuellen Leistungsvermögens gemeinsam lernen: Die Gesamtschule, die Integrierte Sekundarschule (ISS) und die Gemeinschaftsschule.  An den Abschlüssen, die  die Schüler an diesen Schulen erreichen, kann man ihre Qualität ablesen. Auffällig ist, dass die Zahl der Schüler ohne Abschluss in Berlin von 9% im Schuljahr 2014 auf 11% im Schuljahr 2015 gestiegen ist. Dabei schnitt die   Gesamtschule, an der  88% der Schüler den  Mittlerem  Schulabschluss (MSA) erreichten, besser ab als die  Gemeinschaftsschule, wo nur  78% den MSA erreichten. Diesen Befund kann man  nur nachvollziehen, wenn man die unterschiedliche Didaktik, die an diesen Schulformen praktiziert wird, kennt. Während die Schüler an der Gesamtschule in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Erster Fremdsprache  in Fachleistungskursen unterrichtet werden, ist an der Gemeinschaftsschule jede Mischung der Schüler nach ihrer Leistungsfähigkeit verpönt. Dort gilt das Prinzip des Individuellen Lernens, das für jeden Schüler einen auf sein Leistungsvermögen abgestimmten Lernplan vorsieht. Auf  das Unterrichtsgespräch muss dieses Selbstlernkonzept verzichten, weil die Schüler nach dem Start nie mehr auf einen gemeinsamen Lernstand kommen, wo sich der Austausch der Lernergebnisse im Klassenverband anbieten würde. Bildungsforscher wie Hermann Giesecke haben herausgefunden, dass das Individuelle Lernen vor allem Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern schadet, weil sie der helfenden und fördernden Hand des Lehrers besonders bedürfen. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass die Erhöhung der Zahl der Schüler ohne Schulabschluss in Berlin auf das Konto dieser Schulform geht. Dies zu hinterfragen, gilt in Berliner Bildungskreisen als Tabu, weil man sonst an der Heiligen Kuh „gerechte Schülermischung“ rütteln würde.

Die SPD verfolgt in der Schulpolitik seit Jahren nur noch ein Ziel: die Verwirklichung von  sozialer Gerechtigkeit in der Schule. Um sie zu erreichen, werden alle didaktischen Konzepte, die auf eine leistungsbezogene Mischung der Schüler in homogenen Lerngruppen zielen, als selektiv verworfen. Dass die Ergebnisse egalitärer, auf Heterogenität setzender Lernkonzepte schlechter ausfallen als die in homogenen Lerngruppen, ficht sozialdemokratische Schulpolitiker  nicht an. Sie nehmen schlechtere Schulergebnisse unserer Kinder in Kauf, wenn nur die ideologische Vorgabe des „gemeinsamen Lernens“ eingehalten wird. Wenn die Industrie irgendetwas verbockt, wenn z.B. die Emissionswerte von Autos oder von Kraftwerken nicht eingehalten werden, gibt es in der SPD einen Aufschrei der Empörung. Dann pocht sie  auf die Einhaltung der Leistungskriterien und droht mit Sanktionen gegen die Firma. In der Medizin käme kein vernünftiger Mensch auf die Idee, auf die Leistungsfähigkeit  der modernen Medizintechnik zu verzichten und das Heil nur in einer gerechten Bezahlung des medizinischen Personals zu sehen. Überall soll  das Leistungsprinzip gelten, nur nicht in der Schule.

Sozialdemokratischen Bildungspolitikern ist natürlich nicht verborgen geblieben, dass die Lernergebnisse der von ihnen favorisierten Schulformen nicht optimal ausfallen. Aber auch dafür haben sie sich  ein probates Mittel einfallen lassen, was inzwischen schon in vielen Bundesländern angewendet wird:  Man ermäßigt einfach die Leistungsanforderungen. Ablesen kann man dies am Trend zu immer besseren Abiturnoten. So ist zwischen 2006 und 2012 der Anteil der Schüler, die mit der Idealnote 1,0 abschlossen, bundesweit um 40% gestiegen – auf 4.600 Schüler. Auch die Durchschnittsnote aller Abiturienten hat sich in fast allen Bundesländern verbessert, am deutlichsten in Berlin. Hier stieg die Note  zwischen 2006 und 2012  von 2,68 auf 2,4. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Abiturienten an einem Jugendjahrgang innerhalb der letzten 20 Jahre von 27% auf 40% gesteigert. Außerdem ist die Zahl der Schüler, die das Abitur nicht bestehen, im selben Zeitraum von 8% auf 5,5% gefallen. Auch bei  der Bestnote 1,0  ergab sich in Berlin  Erstaunliches: Erzielten im Jahr 2002 nur 17 Schüler diese Idealnote, waren es im Jahre 2012  schon  234 Schüler (alle Zahlen nach FAZ vom 25. 05. 2014).  Die wundersame Intelligenzvermehrung findet, wie man   der Presse entnehmen konnte, auch in anderen Bundesländern statt. In Nordrhein-Westfalen erreichten im Jahre 2010 sage und schreibe 1.200 Schüler die Traumnote 1,0, während es im Jahre  2004 nur 412 gewesen waren  („Welt am Sonntag“  vom 15. 6. 2014).

Wenn immer mehr Schüler im Abitur Bestnoten bekommen, entwertet sich diese Prüfung von selbst, weil tatsächliches  und attestiertes Wissen nicht mehr übereinstimmen. Die Folge der inflationär guten Abiturnoten kann man an einer deprimierenden Statistik ablesen: an den Abbruchquoten an unseren Universitäten. Laut Bundesbildungsministerin Johanna Wanka geben rund 28 Prozent aller Studierenden ihr Studium auf. Das sind 60.000 bis 75.000 Studenten pro Jahr. Während in Jura und Wirtschaftswissenschaft die Abbruchquote mit 30% am niedrigsten ist, ist sie in Mathematik und Naturwissenschaften mit 39% am höchsten. Alle anderen Fachrichtungen liegen dazwischen. Der Grund für diese hohe Abbruchquote liegt auf der Hand. Ungefähr ein Drittel der Studenten fühlt sich den Anforderungen der gewählten wissenschaftlichen Disziplin nicht gewachsen. Die wichtigste Aufgabe des Gymnasiums, alle Schüler durch wissenschaftspropädeutisches Arbeiten auf das Studium vorzubereiten, wird anscheinend nicht mehr  hinreichend erfüllt. Man könnte es auch anders formulieren. Augenscheinlich handelt es sich bei den Studienabbrechern zahlenmäßig um die Schüler, die durch die Ermäßigung des Abiturzeugnisses zur Hochschulreife gelangt sind und die dann feststellen müssen, dass sie den Anforderungen eines Studiums intellektuell nicht gewachsen sind. Erst an der Universität müssen sie schmerzhaft erfahren, dass die Abiturnoten nicht das aussagen, was sie verheißen.

Deutschland wird im weltweit ausgetragenen Wettbewerb um kreative Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft nur  mithalten können, wenn  wieder mehr auf die Leistungsfähigkeit unserer Schulen geachtet wird. Der Leistungsgedanke im Unterricht  darf deshalb  nicht länger der nebulosen Idee von sozialer Gerechtigkeit geopfert werden.

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Eingeordnet unter Leistungsbereitschaft, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsqualität

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