In memoriam: Siegfried Kühl

Großer Künstler, inspirierter Pädagoge

Vor einem Jahr ist Siegfried Kühl im Alter von 86 Jahren gestorben. Am 29. 09. 2016 hat das Bezirksamt Reinickendorf seiner gedacht, indem es in der  Rathaus-Galerie einige seiner Bilder und die Bilder wichtiger Weggefährten ausgestellt hat. Die Stadträtin für Kultur und eine Kunstwissenschaftlerin würdigten den Lebensweg und das Schaffen dieses außergewöhnlichen Menschen.

Ich hatte als Lehrer das Glück, Siegfried Kühl noch einige Jahre an seiner 40-jährigen Wirkungsstätte, der Schulfarm Scharfenberg in Berlin-Tegelort, erleben zu dürfen. Schon nach wenigen Begegnungen war mir  klar, dass Siegfried Kühl das verkörpert, was man einen Vollblut-Pädagogen nennt. Sein Umgang mit den Schülern war rau, aber herzlich. Stets hatte er eine Schar von Schülern um sich, denen er Geschichten erzählte oder ein künstlerisches Extempore vermittelte. Kühl hatte, was einen großen Pädagogen auszeichnet: überragendes fachliches Wissen und eine menschliche Art der Ansprache, Professionalität gepaart mit  Empathie. Wer von  ihm in Kunst unterrichtet wurde, zog daraus Gewinn  für sein  ganzes Leben.

Legendär waren Kühls   Plein-air-Malunterweisungen am Strand von Scharfenberg oder vor einem der vielen knorrigen Baumriesen im Wald. Den 7-Klässlern, die in der Grundschule gelernt hatten, einen  See als blaue Fläche  mit  kleinen weißen Segelbooten  zu  malen, brachte er bei, dass das Wasser im Tegeler See in allen Farben schillert, weil es den Untergrund abbildet  oder die Wolkenformationen spiegelt. Verblüffend für die Schüler war auch seine Frage: „Seht Ihr das Rot im Himmel?“ – Auch der Himmel schimmert in vielen Farben,  nur selten ist seine Farbe  reines  Blau.

Kühl lehrte seine Schüler vor allem  das Sehen. Beim gemeinsamen Gang quer  über die Insel oder am Strand entlang sammelten sie Strandgut, Weggeworfenes, Angespültes, um es in kunstvollen Collagen  wiederzuverwerten. „Auch aus Abfall kann man Kunst machen!“, lautete seine Botschaft. Seine eigenen Bilder zeugten von dieser Fähigkeit, Altes und Verbrauchtes in neuer Kombination und in neuem Kontext wieder lebendig werden zu lassen.

Auf der Landzunge am Großen  Malchsee in Tegel steht Kühls  monumentale Skulptur „Der archaische Erzengel von Heiligensee“, die am 1. November 1989 zum Gedenken an den 100. Geburtstag der Grafikerin und Collagekünstlerin Hannah Höch, die lange in Berlin-Heiligensee lebte, eingeweiht wurde. Auch diese Skulptur ist ein Resultat der Wiederverwertung von Fundstücken. Ein ehemaliger Bootsrumpf, ein altes Räderwerk aus Metall und alte Planken wurden von Kühl  zu einer Engelsgestalt zusammengefügt, die auf einem  Granitsockel thront.

Ich erinnere mich an  Lehrerkonferenzen, die sich manchmal unangenehm in die Länge zogen. Kühl hatte keine Langeweile. Da seine Zeichenhand nie ruhen konnte, verewigte er reihum die Konterfeis der lieben Kollegen in seinem  Zeichenblock. Nicht alle Portraits waren schmeichelhaft. Das satirische Element war dem Künstler Kühl durchaus nicht fremd.

Als ich Kühl  in den Sommerferien in seinem Freiluft-Atelier an einem Fluss auf der Insel Korsika besuchte, wurde ich Zeuge einer  spontanen  Malaktion. Nach dem Essen im Gasthof  zückte er einen schwarzen Kugelschreiber und zeichnete eine alte Frau, die uns gegenüber an einem Glas Rotwein nippte, auf die papierne Tischdecke. Die  Konturen des Gesichts schattierte er mit den Resten seines Espresso, die er mit der Fingerkuppe auf das Papier auftrug. Unter das Bild schrieb er: „Die alte Korsen-Oma putzt zum letzten Mal ihre Brille“. Ich lieh mir in der Küche des Restaurants ein scharfes Messer und schnitt das Gemälde aus der Tischdecke. Es ziert heute noch – schön gerahmt – eine Wand meines Arbeitszimmers. Kein Mensch würde erahnen, unter welch spontanen und improvisierten Umständen das Werk entstanden ist: Kunst, entstanden  aus dem Moment heraus!

Siegfried Kühl war ein universell gebildeter Mensch. Über das „Forellenquintett“ von Franz Schubert  konnte man  mit ihm genauso gut  reden wie über die Novelle „Tod in Venedig“ von Thomas Mann. Oft stellte er seine Malerei in den Kontext von Literatur. So entstand der Bildband „Caput Mortuum“, in dem er seine  Schädelbilder mit Todes-Gedichten von Angelus Silesius bis Nelly Sachs umgab.

Als Mensch  blieb  Siegfried  Kühl  immer  bescheiden.  Seine Auszeichnungen und  sein anwachsender  Ruhm ließen ihn stets  der bleiben, der er war: ein zugänglicher, zugewandter und humorvoller Zeitgenosse. Kühl  hatte auch keine Scheu vor Königsthronen. Als Fachbereichsleiter für Kunst an der Schulfarm Scharfenberg reichte er seine Abituraufgaben auch dann  noch handschriftlich ein, als die Maschinenschrift längst Pflicht war. An seiner kalligrafischen Handschrift konnte selbst ein  Oberschulrat keinen Anstoß nehmen. Amtliche Schreiben unterschrieb er nicht mit „Studiendirektor Kühl“ sondern mit „Zeichenlehrer Kühl“, wodurch er diesen  Begriff aus alter Zeit  wieder zu Ehren brachte.

Ein wenig Wehmut lag über der Gedenkveranstaltung im Rathaus Reinickendorf. Viele Freunde, Malergenossen, ehemalige Schüler standen vor Siegfried Kühls Bildern und erzählten sich Geschichten über die mit dem großen Künstler gemeinsam verbrachte Zeit.

Einen kleinen Schönheitsfehler gab es dann doch:  Nicht vertreten waren  der Fachbereich Kunst der Schulfarm Scharfenberg und die Schulleitung.

 

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Unterrichtsqualität

Eine Antwort zu “In memoriam: Siegfried Kühl

  1. Danke für diesen wunderbaren Nachruf! Ich war selbst Schülerin auf Scharfenberg und war Bonzo, wie wir ihn nannten, sehr verbunden. Ich vermisse ihn sehr! Ich erinnere mich auch, dass Bonzo nett über Sie gesprochen hat. Wir haben uns allerdings nicht kennengelernt, meine ich, oder? Ich war von 1976 bis 1981 auf Scharfenberg. In der Rathaus-Galerie waren mein 2011 verstorbener Vater mit Eisenplastiken und ich selbst mit Collagierter Malerei vertreten und ich glaube, es war zu sehen, wie sehr uns Bonzo geprägt und inspiriert hat.
    So sehr ich mich über die Hommage und das Engagement des Kunstamtes gefreut habe, so sehr war ich auch enttäuscht über das mangelnde feedback in der regionalen Öffentlichkeit- allerdings ist das Rathaus wohl mit dem Amt-Stigma belegt…
    Alles Gute und herzliche Grüße
    Beate Nowak
    http://www.nowak-berlin.com/

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