Verteidigung der Gesamtschule

Das deutsche Erbrecht kennt die Regelung, dass man ein  Erbe   ausschlagen kann. Dies ist  vor allem dann ratsam, wenn man von dem Verstorbenen Schulden erbt, die man mit dem eigenen Vermögen nicht begleichen kann. In der Politik kommt es selten vor, dass man das politische oder moralische Erbe negiert, das von einem früheren Heros der Partei überkommen ist. So sonnt sich die  CDU  heute noch im Glanze  Konrad Adenauers. In der SPD ist Willy Brandt fast zur Heiligenfigur aufgestiegen. Mit der Sachpolitik früherer Parteiführer geht man schon etwas vorsichtiger um. Manches Erbteil wird auch schlicht verweigert.  So distanzieren sich heute große Teile der  SPD  von der Agenda 2010 von Gerhard Schröder, obwohl diese Reform die Grundlage für unser heutiges Wirtschaftswachstum gelegt und den Sozialstaat vor dem Kollaps bewahrt hat. Schändlich geht die SPD heute mit einer Schulform um, die sie einst erfunden hat und die auf eine lange, ehrwürdige Geschichte zurückblicken kann: die Gesamtschule.

Die ältesten Gesamtschulen in Deutschland sind die inzwischen geschlossene  Odenwaldschul im hessischen  Heppenheim (1910) und  die Waldorfschule  in Stuttgart (1919). In der Weimarer Republik führte der Reformpädagoge Fritz Karsen in Berlin-Neukölln die Karl-Marx-Schule als Einheitsschule. 1948 wurde im Berliner Stadtteil Britz die Fritz-Karsen-Gesamtschule gegründet, die bewusst die pädagogische Tradition ihres berühmten Namenspatrons  weitertragen wollte. In der Bundesrepublik wurden staatliche Gesamtschulen ab 1967 gegründet, die erste in Kierspe (Sauerland), ein Jahr später dann mehrere Gesamtschulen in Westberlin. Andere von der SPD regierte Bundesländer folgten. Ziel sozialdemokratischer Schulpolitik war es, das dreifach gegliederte Schulsystem   zu überwinden und durch eine „Einheitsschule“, in der alle Kinder gemeinsam lernen, zu ersetzen. Da der Widerstand von konservativer Seite und vor allem von Seiten der Eltern („Das Gymnasium darf nicht sterben!“) zu groß war, begnügte sich die SPD schließlich damit, die Gesamtschule als ergänzende Schulform einzuführen.

Diese friedliche Koexistenz mehrerer Schulformen nebeneinander hatte ein Ende, als sich die SPD im Verein mit den Grünen daran machte, zwei Schulen des gegliederten Systems zusammenzulegen: Haupt- und Realschule. Die daraus entstandene Sekundarschule, die in jedem Bundesland einen anderen Namen trägt, sollte die zweite Säule des Schulsystems neben dem Gymnasium werden. Auch die  bestehenden Gesamtschulen mussten  sich in eine Sekundarschule umwandeln. Als sei der organisatorischen Verwirrung nicht genug, gründen rot-grüne Landesregierungen seit einigen Jahren eine  weitere integrierte Schulform: die Gemeinschaftsschule. Diese Schulform ist sehr umstritten, weil die Lernergebnisse der Schüler äußerst dürftig ausfallen.

Was ist der Grund für das nie erlahmende Gründungsfieber im rot-grünen Lager? Hintergrund ist der uns von der OECD ständig um die Ohren gehauene Befund, im deutschen Schulsystem sei der Schulerfolg unserer Kinder noch zu sehr an den sozialen Status der Eltern gekoppelt. Anders ausgedrückt: Die Kinder von Akademikern landeten alle auf der Universität, während die Kinder von Busfahrern oder von Müllarbeitern eine Lehre als Automechaniker oder Verkäuferin machten oder im schlimmsten Fall gar keinen Schulabschluss erreichten. Seit Jahren wird uns ins Stammbuch geschrieben, wir sollten unser Schulsystem so organisieren, dass es die Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Milieus und aus dem Migrantenmilieu verbessert. Das Zaubermittel dafür sei – so die rot-grünen Bildungsplaner – die Gemeinschaftsschule.

Wie funktioniert eine Gemeinschaftsschule? Jeder Schüler erhält einen an  seinen Kenntnisstand und sein Leistungsvermögen angepassten Lernplan. Ihn arbeitet er nach eigenem Gutdünken und mit der ihm zuträglichen Geschwindigkeit ab. Da nie alle Schüler eine Lernsequenz gleichzeitig abschließen, werden die Tests zur Überprüfung des Gelernten zeitlich gestaffelt geschrieben.  Die Guten zuerst, die Schlechten zum Schluss. Ein Axiom des individualisierten Lernens ist die nur noch beratende Rolle der Lehrkraft. Sie ist nicht mehr Initiator des Lernprozesses, nicht mehr Lehrender und Erklärender, nicht mehr Inspirator und Vorbild, sondern nur noch Lernbegleiter. Die Schüler sind weitgehend auf sich allein gestellt: Das Verstehen aus eigener Kraft hat  Vorrang vor der Erläuterung durch den Lehrer.

In der Theorie hört sich all  dies gut an. Zum Glück gibt es schon Erfahrungsberichte aus den Schulen, die Einblick in die praktische Umsetzung des neuen Lernkonzepts  gewähren.  Sie trüben  das schöne Bild vom ungestörten  Lernglück. In einem Bericht beschreibt eine Mutter, wie die  Kinder der  Klasse ihres Sohnes ihre  eigene „Lernstraße“ entlanggehen, sich abstrampeln, um  sich zu den Guten hochzuarbeiten.  Ihr Fazit:  „Allerdings stellte sich schnell heraus, dass es nur für die Kinder aus dem vorderen Leistungsdrittel wirklich motivierend und gewinnbringend und leichtfüßig ist. Die Kinder der beiden anderen Leistungsdrittel, die nicht so fit sind, irren irgendwann alleingelassen und orientierungslos umher.“ Die Kinder, die mit dem durchschnittlichen Lerntempo in der Gruppe nicht mithalten können, geraten immer mehr ins Hintertreffen. Ständig sehen sie, dass ihre Mitschüler  schon mehr bearbeitete Lernblätter abgeheftet haben als sie selbst, dass sie im Lehrbuch schon zwei Kapitel weiter sind als sie. Sie bekommen mit, welche Klassenkameraden schon den ersten Lerntest schreiben dürfen. Die Mutter: „Stets wird dem Kind klar: ich hänge hintendran.“ (Alle Zitate: Arbeitskreis Schule und Bildung, Baden-Württemberg)

Auch Wissenschaftler gehen mit der Selbstlernmethode der Gemeinschaftsschule hart  ins Gericht. Der  Didaktiker Hermann Giesecke kritisiert vor allem die Überforderung leistungsschwacher Schüler: „Offener Unterricht […] hindert die Kinder mit von Hause aus geringem kulturellen Kapital daran, ihre Mängel auszugleichen.“ […] „Nahezu  alles, was die  moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.“ (2003) Die Planer der Gemeinschaftsschule dürften sich das anders vorgestellt haben. Schwache Lerner benötigen offensichtlich die helfende Hand des Lehrers, seine Erklärungen und Ermutigungen. Dies zu negieren, gehört zu den größten Versäumnissen der Selbstlerndidaktik.

Warum stellt die SPD  die Gesamtschule neuerdings  in Frage? Ideologisch geprägte Politiker stört an dieser Schulform, dass nicht alle Unterrichtsfächer integrativ unterrichtet werden, weil die Schüler in den  Hauptfächer Deutsch, Mathematik und Englisch in Fachleistungskursen  lernen. Dies – so der Vorwurf – bilde das gegliederte Schulsystem, das man ja gerade überwinden wolle,  im Inneren der Schule ab, verhindere also das integrierte Lernen, das nach dem Gebot der „sozialen Gerechtigkeit“ unverzichtbar sei. Die Fixierung auf das integrative Lernen geht so weit, dass in der Hamburger Sekundarschule  („Stadtteilschule“) die Fachleistungsdifferenzierung untersagt ist. Die Differenzierung muss im Klassenunterricht stattfinden, entweder in Arbeitsgruppen oder in Einzelarbeit („Binnendifferenzierung“). Wohin ein solches Diktat führt, konnte man jüngst in einer Studie nachlesen („Kermit 2016“). Danach erreichten in den Kernkompetenzen „Leseverstehen“ 35% der Schüler nicht den geforderten Regelstandard. Von diesen Schülern  scheiterten 15% sogar am niedrigeren Mindeststandard. Im Bereich „Sprachgebrauch“ sieht es nicht besser aus. Hier verfehlten  43% der Schüler den  Regelstandard. Im Fach Mathematik gibt es einen  ähnlich  düsteren Befund:  77% der Schüler liegen  unterhalb des Mindeststandards. Beim „Englisch-Hörverstehen“ liegt  die Quote bei 48,5%.  Wie man an diesen Ergebnissen sehen kann, verhindert das Verbot der  Fachleistungsdifferenzierung Schülerleistungen, wie sie an der Gesamtschule selbstverständlich sind.

Ich habe in den 12 Jahren, die ich an der Gesamtschule unterrichtet habe, sehr gute Erfahrungen mit den Fachleistungskursen gemacht. Der Unterricht in den homogenen Gruppen verläuft entspannt, weitgehend störungsfrei. Dies gilt auch für die Kurse, in denen die lernschwachen Schüler sitzen. Sie konnten dort ohne Konkurrenzdruck lernen, weil sie nicht ständig die Überflieger vor der Nase hatten, deren Dominanz sie oft als demütigend empfunden haben. Dass die  Berliner Gesamtschulen gut arbeiten, kann man auch  an den Schulabschlüssen ablesen. Ein relevanter Anteil der  Schüler erreicht  einen höheren Schulabschluss, als er in der Grundschulprognose vorhergesagt worden war. Diese Schulform  erfüllt also durchaus die Anforderungen der  OECD:  Sie hat  die Herkunft der Schüler aus sozial schwachen und bildungsfernen Elternhäusern ein Stück weit  kompensiert.

Man kann es auch in  Zahlen ausdrücken. In Berlin erreichten im  Schuljahr 2012/2013    an der Gesamtschule 88% der Schüler den Mittleren Schulabschluss (MSA). An der Gemeinschaftsschule waren es nur 78%. In den Folgejahren hat die Schulverwaltung die Ergebnisse nicht mehr nach Schulformen getrennt ausgewiesen, weil sie die schlechten Resultate der Gemeinschaftsschule verstecken wollte.

Man kann es fast tragisch nennen, dass die SPD die Schulform, die erfolgreich arbeitet – die Gesamtschule – , aus ideologischen Gründen durch eine Schulform ersetzt, die zwar das sozialpolitische Gerechtigkeitspostulat erfüllt, aber schlechtere pädagogische Ergebnisse erzielt. Politik dient hier nicht mehr den Menschen, sondern einem Parteitagsbeschluss. „Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht der Einzelne.“ (Reiner Kunze)

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

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