Hamburgs Stadtteilschule: Note „mangelhaft“

Die Ergebnisse der bundesweit durchgeführten Tests zur Überprüfung schulischer Kompetenzen („Kermit“ 2016) sind für die 8-Klässler an Hamburgs „Stadtteilschulen“ (so heißen dort die Sekundarschulen) verheerend ausgefallen. Beim „Leseverstehen“ erreichten 35% der Schüler nicht den geforderten Regelstandard. Von diesen Schülern  scheiterten 15% sogar am niedrigeren Mindeststandard. Im Bereich „Sprachgebrauch“ sieht es nicht besser aus. Hier verfehlten  43% der Schüler den  Regelstandard. Im Fach Mathematik gibt es einen  ähnlich  düsteren Befund:  77% der Schüler liegen  unterhalb des Mindeststandards. Beim „Englisch-Hörverstehen“ liegt  die Quote bei 48,5%. 

Der von der SPD geführte Hamburger Senat   hat 2010  mit der „Stadtteilschule“ eine egalitäre Schulform geschaffen, die offensichtlich nicht die Leistungen erbringt, die die Eltern von einer weiterführenden Schule erwarten dürfen. Die Gründe für das Versagen dieser Schulform liegen auf der Hand. In der „Stadtteilschule“ ist eine Fachleistungsdifferenzierung, wie wir sie von der Gesamtschule kennen, nicht erlaubt. Alle Schüler müssen im Klassenverband unterrichtet werden. Der stark heterogenen Zusammensetzung der Gruppen wird dadurch Rechnung getragen,  dass die Lehrkräfte einen differenzierenden Unterricht erteilen müssen.  Oft geschieht dies in Arbeitsgruppen, die nach dem Leistungsvermögen der Schüler zusammengesetzt sind. Erfahrungsgemäß ist es bei einem stark differenzierenden Lernarrangement kaum noch möglich, die Ergebnisse der Lerngruppen im Unterrichtsgespräch zusammenzuführen. Die lernschwachen Schüler würden nämlich  nicht verstehen, was ihnen die lernstarken an Lernergebnissen berichten. Damit geht eine wichtige Dimension des Lernens verloren: der Austausch des Gelernten im Gespräch. Hamburgs Bildungsverwaltung verspricht in ihrer Homepage für die „Stadteilschule“: „Leistungsschwächere Kinder werden genauso wie Leistungsstärkere gezielt gefördert und gefordert.“  Dieses Versprechen wird offensichtlich nicht eingelöst.  Selten gehen Anspruch und Wirklichkeit so krass auseinander  wie bei den Lernergebnissen an  Hamburgs Stadtteilschulen.

Die Schulpolitik der Hamburger SPD ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine ideologisch geleitete Schulpolitik den pädagogischen  Sachverstand ignoriert. Jeder Pädagoge, der schon einmal heterogene Lerngruppen unterrichtet hat, weiß, dass beim größten Bemühen der Lehrkraft die Lernergebnisse nicht so gut sein können wie beim Unterrichten einer  homogen zusammengesetzten Schülerschaft. Deshalb hat die Gesamtschule, die im nächsten Jahr ihren 50. Geburtstag feiert,  bei ihrer Gründung wohlweislich  ein didaktisches Konzept entwickelt, das auf Homogenität der Lerngruppen setzt und das  bis heute erfolgreich  ist. Die Schüler werden in den wichtigsten Fächern – vor allem in Deutsch, Englisch und Mathematik – in Fachleistungskursen unterrichtet, die nach Leistungskriterien zusammengesetzt werden. Diese Kurse sind für die Schüler durchlässig, ein Auf- und Abstieg ist nach jedem Halbjahr möglich. Der Unterricht in solchen  Fachleistungskursen verläuft ohne die sozialen Konflikte, die in den Klassen  an den  Sekundarschulen die Regel sind. An Berliner  Sekundarschulen berichten Lehrkräfte, dass man das, was sie in ihren Klassen  mitunter  erleben, kaum noch Unterricht nennen kann. Es gehört zu den traurigen und unverständlichen Tatsachen, dass die SPD die Erfolgsgeschichte ihrer eigenen „Erfindung“, der Gesamtschule,  negiert und diese erfolgreiche Schulform  auf dem Altar einer noch „gleicheren“ Schulform, der Sekundarschule („Stadtteilschule“), opfert.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Die Ideologie des gemeinsamen Lernens aller Kinder ungeachtet ihrer intellektuellen Fähigkeiten mag dem sozialdemokratischen Ziel der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit genügen. Die Schüler zahlen dafür aber  einen hohen Preis, wie man an den Ergebnissen des Kompetenz-Tests 2016 ablesen kann. Die Lernergebnisse in der egalitär konstruierten Stadteilschule sind so schlecht, dass den Schülern in zwei Jahren schlechte Ergebnisse beim Mittleren Schulabschluss drohen. Viele von ihnen werden gar keinen Abschluss erreichen und auf dem Arbeits- und Lehrstellenmarkt zu den Verlierern zählen. Eine menschliche und fürsorgliche Schulpolitik kann man das wahrlich  nicht nennen.

In der Sportwelt käme kein vernünftiger Trainer auf die Idee, in die Profimannschaft noch einige Amateure aufzunehmen, um auch hier dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit Genüge zu tun. Im Sport ist der Leistungsgedanke noch intakt und wird  auch von der Öffentlichkeit anerkannt, während er in der Bildung immer mehr  unter die Räder gekommen ist. Den Kindern, die durch falsche didaktische Weichenstellungen an der optimalen Entwicklung ihrer Anlagen gehindert werden, tut man dadurch keinen Gefallen.

Der Deutsche Kinderschutzbund hat Kriterien veröffentlicht, anhand derer man erkennen kann, ob  Kinder von ihren Eltern vernachlässig werden. Dort heißt es: Die Lebensrealität vernachlässigter Kinder ist von chronischer Unterernährung, unzulänglicher Bekleidung, mangelnder Versorgung und Pflege, fehlender Gesundheitsvorsorge, unbehandelten Krankheiten und gesteigerten Unfallgefahren geprägt.“ (Broschüre „Kindesvernachlässigung“, 2012) – Es wird Zeit, dass der Kinderschutzbund seinen Blick auch auf die staatlichen Erziehungseinrichtungen lenkt. Es grenzt durchaus an Kindesvernachlässigung, wenn eine Schulverwaltung aus ideologischen Gründen eine Schulform generiert, die nach Auskunft von Experten (Wissenschaftlern und Lehrern)  und nach den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien so schlecht arbeitet, dass den dort unterrichteten Schülern durch eine „unzulängliche Bildung“ Lebenschancen geraubt werden. Die bürgerlich-liberale Wochenzeitung DIE ZEIT hat  über die Hamburger Stadtteilschule geurteilt, ihre pädagogischen Leistungen seien „Pfusch am Kind“ (DIE ZEIT vom 16. 04. 2014)

 

 

 

 

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