Gut gehütete Tabus

Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. 9. 2016 (Bildungswelten)

Mit Beginn des Schuljahres 2008/2009 startete die Pilotphase der Gemeinschaftsschule, an der zunächst  24  Berliner  Schulen teilnahmen. Inzwischen haben zwei  Schülergenerationen diese Schulform vollständig durchlaufen. Grund genug, Bilanz zu ziehen. Wenn eine neue Schulform gegründet wird, steht sie unter einem besonderen Rechtfertigungszwang. Sie muss unter Beweis stellen, dass sich ihre Gründung gelohnt hat, weil sie  gute Lernergebnisse erzielt. Dies wollen vor allem die Eltern wissen, die jedes Jahr aufs Neue vor der Frage stehen, in welche Schule sie ihre Kinder schicken sollen. Aber auch der Steuerzahler hat ein Recht darauf zu erfahren, ob die neue Schule die Investitionskosten wert ist, die sie verursacht hat.

Im März 2016 hat nun die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin, vertreten durch die Senatorin, Frau Sandra Scheeres, den Abschlussbericht zur Pilotphase der Gemeinschaftsschule der Öffentlichkeit vorgestellt und, wie es bei Politikern üblich ist, voreilig eine positive Bilanz gezogen. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich jedoch Zweifel an der Erfolgsbilanz  und viele Fragen, die nicht beantwortet werden.

Befremdlich ist, dass die Studie von drei Hamburger Institutionen, darunter  zwei kommerziellen, erstellt worden ist, als gebe es an den drei Berliner Universitäten keine pädagogische Expertise. Warum Hamburg zum Zuge kam, wird deutlich, wenn man liest, dass die Leistungen der Berliner Gemeinschaftsschüler mit den Leistungen Hamburger (!) Schüler aus dem gegliederten Schulsystem verglichen wurden. Wenn man das erfährt, muss man schon grundsätzlich an der Seriosität der Studie zweifeln. Jedem Bildungspolitiker  ist  geläufig, dass sich die Bundesländer  im Hinblick auf die Schulgesetzgebung, auf die Lehrpläne und didaktischen Vorgaben  erheblich unterscheiden. Das ist auch der Grund, weshalb es noch keine bundesweit einheitlichen Prüfungsbedingungen oder Abituraufgaben gibt. Diese Differenz bei einer Schulleistungsstudie  außer Acht zu lassen, ist nur schwer nachvollziehbar. Im Grunde entwertet sich die Studie dadurch selbst.

Die  Auswahl von Hamburger Vergleichsschulen  ist auch ein Affront gegenüber den Berliner Eltern. Sie wollen nämlich wissen, wie sich die Leistungen der Berliner Gemeinschaftsschulen im Vergleich zu   B e r l i n e r  Gesamtschulen, Integrierten Sekundarschulen und Gymnasien ausnehmen. Diese Fragestellung bestimmt nämlich die Schulwahl für ihre Kinder.

Eine Erkenntnis hat die Schulsenatorin bei ihrer Würdigung der Studie besonders herausgestellt: Die Berliner Schüler erzielten in den Kompetenzbereichen Leseverständnis, Mathematik, Englisch, Orthographie und Naturwissenschaften einen höheren Lernzuwachs als die Hamburger Schüler. Jede Lehrkraft weiß, dass man den Lernzuwachs nicht mit dem Lernstand verwechseln darf. Wenn, wie bei den Berliner Schülern diagnostiziert, die Ausgangslage gegenüber den Hamburger Schülern deutlich schlechter war, ist es kein Kunststück, von der Note 5 auf die Note  3 zu kommen. Wenn aber ein Schüler bereits bei der Note 3 startet, fällt es ihm bedeutend schwerer, sich auf  eine 2 zu verbessern. Es ist wie im Sport. Einem durchschnittlichen Läufer wird es mit ein wenig Übung gelingen, sich beim 100m-Lauf von 15  auf 14 Sekunden zu verbessern. Die Steigerung von 11 auf 10 Sekunden schafft jedoch nur die Weltelite.

Eltern werden sich sicher auch die Frage stellen, wie es kommt, dass die Berliner Schüler gegenüber den Hamburgern eine so schlechte Ausgangslage hatten. Hier kommt ein Umstand ins Spiel, der in der Berliner Schulpolitik immer noch das am besten gehütete Tabu darstellt: die sechsjährige Grundschule. Eine Studie  von Prof. Rainer Lehmann von der Humboldt-Universität zu Berlin aus dem Jahre 2008 (ELEMENT-Studie) belegt, dass Schüler der 5. und 6. Klassen an Berliner Grundschulen gegenüber gleichaltrigen Berliner Gymnasiasten, die  Grundständige Gymnasien besuchen, in den Fächern Englisch und Mathematik teilweise einen Lernrückstand von bis zu zwei  Schuljahren hatten. Trotz dieser problematischen Ergebnisse hat es die Bildungsverwaltung, die seit Jahren von der SPD geführt  wird, stets  zu verhindern gewusst, dass weitere Gymnasien ab Klasse 5 gegründet werden dürfen. Dem Elternwillen tut  sie damit  keinen Gefallen.

Die Leistungsfähigkeit einer Schulform zeigt sich in erster Linie in den Schulabschlüssen, die die Schüler erwerben. Nur sie geben den erreichten Lernstand objektiv wieder, weil die Prüfungsbedingungen für die  Schüler aller Schulen gleich sind.  Die Studie macht hierzu keinerlei Angaben, obwohl  bereits zwei  Schülerjahrgänge  die Gemeinschaftschule  komplett von Klasse 7 bis 10 durchlaufen haben. Die Öffentlichkeit rätselt, warum die Studie ausgerechnet diese harten Fakten, die wirklich Beweiskraft hätten, unterschlägt. Einen Hinweis dazu findet man, wenn man die Ergebnisse des Mittleren Schulabschlusses  aus dem Schuljahr 2012/2013 betrachtet. Die Zahlen, die die Schulverwaltung selbst veröffentlicht  hat, ergeben ein eindeutiges Bild: An den Gesamtschulen haben 88% der Schüler von Klasse 10 den Mittleren Schulabschluss geschafft, an den Realschulen waren es 81% und an den Gemeinschaftschulen nur 78%. Leider hat die Schulverwaltung bei der Veröffentlichung der Ergebnisse des  MSA für die  Schuljahre 2013/2014  und   2014/2015 die Resultate  an den Gemeinschaftschulen nicht mehr eigens  ausgewiesen. Sie wurden mit den Ergebnissen an den Integrierten Sekundarschulen vermengt.  Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, wenn man vermutet,  dass die Ergebnisse an den Gemeinschaftschulen so schlecht waren, dass auf ihre getrennte Ausweisung  verzichtet wurde.

Im Schuljahr 2014/2015 ist in Berlin die Zahl der Schüler, die gar keinen Schulabschluss erreichen, gegenüber dem  Vorjahr von 5% auf 6% gestiegen. Rechnet man die Gymnasien heraus, sieht man, dass die Ursachen für den Leistungsabfall in den Integrierten Sekundarschulen und  den Gemeinschaftschulen liegen. Dort stieg die Zahl der Schüler ohne jeglichen Schulabschluss von 9% auf 11%. Im Klartext heißt das: Jeder 9. Schüler, der diese beiden Schulformen besucht, schafft nicht einmal den niedrigsten Schulabschluss, die Berufsbildungsreife (früher Hauptschulabschluss genannt). Ein deprimierendes Ergebnis, das die „Erfolgsstudie“ aus Hamburg  nachhaltig dementiert.

In objektiven Zahlen ausgedrückt, bedeuten diese Ergebnisse: Im Schuljahr 2014/2015 verließen 6.100 Schüler die Berliner Schulen ohne Schulabschluss. Hinter jeder einzelnen Zahl verbirgt sich ein menschliches Schicksal. Ohne Schulabschluss haben diese jungen Menschen kaum eine Chance auf eine Lehrstelle, auf eine berufliche Zukunft. Viele werden in minderwertigen Hilfsjobs landen oder gleich  im Hartz-IV-System. Es ist betrüblich, dass es die Schulpolitik in der deutschen Hauptstadt nicht schafft, den Unterricht in unseren Schulen so zu gestalten, dass auch die schwachen Schüler die Chance auf einen Schulabschluss bekommen.

Wenn man die Mängel der Hamburger Studie und die unbeantwortet gebliebenen Fragen in Rechnung stellt, kann es nur eine Forderung geben:  Die Berliner Öffentlichkeit, vor allem Lehrer und Eltern, haben ein Recht darauf, dass die Schulverwaltung künftig die Ergebnisse der Berliner Schulabschlüsse nach Schulformen getrennt veröffentlicht. Nur so ist ein objektiver Leistungsvergleich zwischen allen Berliner Schulformen möglich. Mit den Vergleichsstudien zwischen den Bundesländern, z.B. VERA, sollte analog verfahren werden.

Nur rückhaltlose Offenheit kann das Vertrauen der Eltern in die  Berliner Schule  stärken.

 

 

 

 

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Schulformdebatte, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

5 Antworten zu “Gut gehütete Tabus

  1. Dr. Christian Hampel

    Sehr geehrter Herr Werner,
    mit Interesse und Zustimmung habe ich Ihren Artikel in der FAZ gelesen.
    Ich war zwei Schuljahre in einer Berliner Gemeinschaftsschule als Lernpate im Fach Mathematik tätig und fand die Diskrepanz zwischen dem schuloffiziellen Wortgeklingel und der Lernwirklichkeit oft unerträglich.
    Zu einem Aspekt Ihres Artikels möchte ich aber doch eine Anmerkung machen: Das Institut für Schulqualität der Länder Berlin u. Brandenburg (ISQ) , das die MSA- und auch die VERA-Ergebnisse für den Schulsenat sammelt und aufbereitet, unterscheidet zumindest seit dem Jahr 2013 nach ISS und Gemeinschaftsschule. Die MSA-Daten können unter
    https://www.isq-bb.de/wordpress/forschung/veroeffentlichungen/#1463498205488-dcb06dc5-74c8f8b5-7ad5 als PDF heruntergeladen werden. Daraus ergibt sich, dass für die Schuljahre 2014/2014 und 2014/2015 kein signifikanter Unterschied zwischen ISS und Gemeinschaftsschule besteht. Im Fach Mathematik schneiden die Gemeinschaftsschulen sogar leicht schlechter ab. Außerdem fällt auf, dass entgegen dem Anspruch kein Unterschied bei den Schülern mit Migrationshintergrund besteht.
    Die Daten für das Schuljahr 2015/2016 werden sicherlich erst nach der Abgeordnetenhauswahl veröffentlicht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Chr. Hampel

    • Sehr geehrter Herr Dr. Hampel,
      ich danke Ihnen herzlich für Ihren Kommentar zu meinem Artikel. Ich hatte das ISQ nicht auf dem Schirm. Ich werde mir die Ergebnisse , die dort veröffentlicht wurden, genauer anschauen.
      Mit freundlichen Grüßen
      Rainer Werner

  2. Pingback: Die Berliner Gemeinschaftsschule – Des Kaisers neue Kleider? | Schulforum-Berlin

  3. Pingback: PISA-Test: Lob oder Tadel? | Für eine gute Schule

  4. Pingback: Gegen die Kritik am PISA-Test – starke-meinungen.de

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