Rote Laterne – auf ewig?

Deprimierendes Zeugnis  für das Berliner Schulsystem

Seit Jahren schon belegt Berlin im innerdeutschen Ländervergleich des Schulsystems unter 16 Ländern den letzten Platz. Auch die neueste Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft („Bildungsmonitor 2016“) weist Berlin wieder die Rote Laterne zu. Nur im Hochschulbereich liegt Berlin über dem bundesweiten Durchschnitt. In der Schulqualität rangiert Berlin weit abgeschlagen auf dem letzten Rang. Dies erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, belegt Berlin doch bei den Betreuungsbedingungen (Unterrichtsstunden je Klasse, Lehrer-Schüler-Relation) den 2. Platz und bei der Förderinfrastruktur (Kitabesuch, Anzahl der gebundenen Ganztagsschulen) den 4. Platz. Es muss also an etwas liegen, was in Berlin ganz selten diskutiert wird, ja fast zum Tabu erklärt worden ist: Es liegt an den Defiziten in der  Unterrichtsqualität.

Mangelhafte Unterrichtsqualität

Die Studie legt dar, dass „in Berlin bei den Schülervergleichsarbeiten ein relativ hoher Anteil der Schüler nicht die Mindeststandards“ erreicht. Mit anderen Worten: Das, was die Schüler in den Schulen lernen, reicht nicht aus, um allen einen qualifizierten Schulabschluss zu ermöglichen. 2014 betrug deshalb in Berlin  die Schulabbrecherquote 8,1 Prozent, während sie im Bundesdurchschnitt nur 5,5 Prozent betrug. Besonders hoch ist die Abbrecherquote bei Schülern mit Migrationshintergrund: 16,6%. Das ist in Deutschland ein Spitzenwert (Bundesdurchschnitt: 11,9%). Mittelmäßig arbeiten auch die berufsbildenden Schulen. Es gelingt ihnen nicht, genauso vielen ausländischen Jugendlichen die Studienberechtigung zu verleihen, wie  es im Bundesdurchschnitt gelungen ist (Berlin: 5,8%, Bundesdurchschnitt: 9,5%). Außerdem schaffen es Berlins Schulen nur begrenzt, den Schülern im Berufsvorbereitungsjahr einen erfolgreichen Abschluss zu geben (Anteil der erfolgreichen Schüler: 42,3%, Bundesdurchschnitt: 56,7%).

Nach diesen Einzelbefunden wundert es einen nicht, dass die Studie Berlin den letzten Platz bei der Bildungsarmut und den 14. Platz in der Beruflichen Bildung zuweist. Alles in allem ergibt sich so für die Leistungsfähigkeit der Berliner Schule der letzte Platz unter allen Bundesländern.

Sind die Ausländer daran  schuld?

Schon in früheren Jahren führte die  Bildungsverwaltung von Berlin (SPD) das schlechte Abschneiden der Berliner Schulen  stets auf den hohen Ausländeranteil  in Berlins Bevölkerung zurück, der sich auf die Schulen auswirke und  das Lernen und Unterrichten schwieriger mache. Dass dies eine Schutzbehauptung ist, lässt sich leicht beweisen. Berlins Ausländeranteil an der Bevölkerung beträgt „nur“ 27,4%, während er in München  37,7%, in Frankfurt/M. 39,5% und – das ist bundesdeutscher Rekord – in Stuttgart 40% beträgt. Die Schulen dieser Großstädte – vor allem die in Stuttgart  und München – schneiden beim Leistungsvergleich  bedeutend besser ab als die Schulen Berlins. Es liegt also nicht am Ausländeranteil, sondern an etwas für die Schule  ganz Elementarem: In Baden-Württemberg (Stuttgart) und in Bayern (München) ist die Kultur der Leistung in der Schule noch intakt und wird auch nicht hinterfragt, während sie  in Berlin offensichtlich unter die Räder gekommen ist. Seit Jahren verfolgt  das von der SPD geführte Bildungsressort nur ein Ziel: In den Schulen soll mehr  „soziale Gerechtigkeit“ verwirklicht werden. Dafür wurden  egalitäre Schulformen geschaffen, deren Leistungsfähigkeit in der pädagogischen Zunft umstritten ist. Dass unter „mehr Gleichheit“ das fachliche Niveau  einer Klasse leiden muss, ist jeder Lehrkraft, die schon einmal heterogene Lerngruppen unterrichtet hat, geläufig. In Hamburg stimmen die Eltern mit den Füßen über die Qualität der Schulformen ab. Immer mehr Eltern entziehen der „egalitären“ Stadtteilschule den Zuspruch und melden ihre Kinder am Gymnasium an, wo sie noch eine intakte Leistungskultur vermuten.

Absenkung des Niveaus

Anstatt in den Berlins Schulen einen anspruchsvollen Unterricht zu etablieren, senkt die Berliner Bildungsverwaltung  lieber das Prüfungsniveau. Bei der letzten Mathematikprüfung beim  Mittleren Schulabschluss in Klasse 10 waren Aufgaben zu lösen, die an bayerischen Realschulen in der 7. Klasse gestellt  werden. So sollten die Schüler aus den Zahlen 2, 3 und 6 die höchste dreistellige Zahl bilden, die mit diesen drei Zahlen möglich ist (Lösung: 632). Viele gute Schüler fühlten sich veralbert, die Mathematiklehrer waren irritiert und die Schulleiter berichteten der Presse, dass sich an ihrer Schule die Zahl der Schüler mit einer Fünf oder Sechs in Mathe glatt halbiert habe. In Berlin wird der mühevolle Weg, den Schülern Mathematik beizubringen, offensichtlich umgangen, indem man sie mit leichten Aufgaben konfrontiert, die  alle lösen können. Dieses Vorgehen ist nicht nur unpädagogisch, es hat für die Schüler auch gravierende  Nachteile. Die Abkehr vom Leistungsprinzip in der Schule  schadet letztlich allen  Schülern, weil  sie nicht mehr wissen, was die von ihnen erbrachten Leistungen und Abschlüsse  wirklich wert sind. Sie werden es  spätestens merken, wenn sie im Hörsaal einer Universität sitzen – und  an den universitären Leistungsanforderungen  scheitern. Die hohe Zahl der Studienabbrecher spricht hier eine deutliche Sprache.  Oder die Schüler stellen  in der Berufsschule fest, dass sie in der Schule zu wenig gelernt haben, um im Unterricht  mithalten zu können.

Neue Schulformen statt Verbesserung der Unterrichtsqualität

Berlin hat in den letzten Jahren etwas gemacht, was immer Unruhe und Verunsicherung in das Schulsystem trägt: Es hat zwei neue Schulformen eingeführt, anstatt das Rezept erfolgreicher Bundesländer zu verfolgen, die versuchten, die Qualität im System zu steigern. Die Gemeinschaftsschule mit ihrer auf Vereinzelung zielenden Pädagogik und die Integrierte Sekundarschule mit ihrer ungünstigen Mischung aus Haupt- und Realschülern erweisen  sich offensichtlich als Schulen, die nicht die Qualität abliefern können, die sich die Bildungsplaner von  ihrer Gründung erhofft haben.

In der alten Hauptschule saßen die Schüler  in Klassen von 15 Schülern und wurden von zwei Lehrkräften betreut. Diese deckten möglichst viele  Unterrichtsfächer ab, weil für diese Schüler der persönliche Bezug  zu einer Lehrkraft  besonders wichtig ist. In der Integrierten Sekundarschule sitzen die ehemaligen Hauptschüler in einem Klassenverband mit 26 Schülern. Und sie sind umgeben von Realschülern, die meistens leistungsstärker sind als sie selbst. Die Gefahr, dass die Hauptschüler dabei „untergehen“ und mit ihren besonderen Bedürfnissen und Schwierigkeiten nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Für das Ziel,  diese Schüler „mitzunehmen“,  sollte uns kein finanzieller  Aufwand zu hoch  sein. Die Beseitigung der gesellschaftlichen Folgeschäden bei Schulversagen sind ungleich kostspieliger als die Summe, die man für eine gute schulische Bildung der  Jugendlichen investieren müsste. Deshalb sollte für Schulen, die aus der Zusammenlegung von Haupt- und Realschule entstanden sind,  eine  Klassengröße von 20 Schülern selbstverständlich sein. Es nimmt nicht wunder, dass Berlin in der Studie auch bei der finanziellen Priorität für das Schulsystem einen der hinteren  Ränge  belegt.

 

 

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Eingeordnet unter Leistungsbereitschaft, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsqualität

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