Thomas Mann als Bildungsexperte

Jeder Thomas-Mann-Freund kennt das berühmte Kapitel 11 aus seinem Erfolgsroman „Buddenbrooks“ (1901), in dem er das Leiden des kleinen Johann („Hanno“) Buddenbrook an der Wilhelminischen Schule erzählt. Der feinsinnige, künstlerisch begabte Knabe durchschaut die Hohlheit des Pauksystems und verachtet die Lehrkräfte, die  ihre Autorität nur mit Hilfe ihres Amtes und der damit verbundenen Strafgewalt aufrecht erhalten können.

Weniger bekannt sind die Passagen aus dem Roman „Doktor Faustus“ (1947), die sich mit Pädagogik befassen. Der Komponist Adrian Leverkühn verschreibt sich dem Teufel (dies geschieht in einer Art Fieberphantasie während eines Italienaufenthalts), der ihm 24 Jahre höchster Produktivität im musikalischen Schaffen verspricht. Als Gegenleistung muss er darauf verzichten, Menschen zu lieben, weil er hinfort  mit Kälte geschlagen sein wird.

Die pädagogischen Einsichten des Ich-Erzählers Serenus Zeitblom, der als Altphilologe an einem Gymnasium unterrichtet,  finden sich in den Anfangskapiteln des Romans, in denen die gemeinsam mit Adrian verlebte Schulzeit in Kaisersaschern und  Studienzeit in Halle geschildert werden.

Die erste Textstelle beschreibt einen Vortrag des Organisten und Musikerziehers Wendell Kretschmar, der  Adrian Leverkühn zum Komponisten ausbilden wird.

Wendell Kretschmar huldigte dem Grundsatz,[…]dass es nicht auf das Interesse der anderen , sondern auf das eigene ankomme, also darauf, Interesse zu  e r r e g e n, was nur geschehen könne, dann aber auch mit Sicherheit geschehe, wenn man sich selbst für eine Sache von Grund aus interessiere und also, indem man davon spreche, schwerlich umhinkönne, andere in dies Interesse hineinzuziehen, sie damit anzustecken und so ein gar nicht vorhanden gewesenes, ein ungeahntes Interesse zu creieren, was viel besser lohne, als einem schon bestehenden gefällig zu sein.

Was hier ausgesprochen wird, ist jeder erfahrenen Lehrkraft geläufig. Wenn ein Lehrer für seine Sache brennt, wenn er sie mit Hingabe und Leidenschaft darbietet, werden die Schüler „Feuer  fangen“ und sich für den Gegenstand interessieren. Dies geschieht vornehmlich auch bei ihnen völlig fremden Sachgebieten. Deshalb ist im Literaturunterricht die Lektüre „fremder“ Texte, also solcher  aus vergangenen Jahrhunderten, auch erfolgreicher als die Lektüre aktueller Texte, die oft nur das Leben, das  die Schüler aus eigenem Erleben kennen, reproduzieren.

Einen Vortrag des Musikerziehers  Kretschmar nutzt der Erzähler, um eine wichtige Einsicht über das Wesen der Über- und Unterforderung der Schüler zu vermitteln.

…wir hörten es so gern und mit so großen Augen, wie Kinder das Unverständliche, eigentlich noch ganz Unzukömmliche hören – und zwar mit  viel mehr Vergnügen, als das Nächste, Wohlentsprechende, Angemessene ihnen gewährt. Will man glauben, dass  dies die intensivste und stolzeste, vielleicht förderlichste Art des Lernens ist – das antizipierende Lernen, das Lernen über weite Strecken von Unwissenheit hinweg? Als Pädagoge sollte ich ihm wohl nicht das Wort reden, aber ich weiß nun einmal, dass die Jugend es außerordentlich bevorzugt, und ich meine, der übersprungene Raum füllt sich auch mit der Zeit wohl von selber aus.

Wie man  sieht, streiten hier zwei Seelen in des Pädagogen Brust: die Erkenntnis, die ihm vermutlich in der Ausbildung vermittelt wurde, den Schülern alles mundgerecht zu servieren, sie ja nicht zu überfordern, und auf der anderen Seite die durch Anschauung gewonnene Einsicht, dass es gerade die Überforderung ist, die die Schüler begeistert, weil sie ihren Ehrgeiz, das Gehörte zu verstehen,  herausfordert. Heute ist unter Lehrern unbestritten, dass die Überforderung von Schülern immer besser ist als die Unterforderung, die  zu Langeweile und Ödnis führt.

Das Thema der Überforderung wird noch an  einer weiteren Textstelle angesprochen.

Wir kannten sie [eine Messe von Beethoven] nicht, wir hörten eben nur von ihr [in einem Vortrag]. Aber wer wollte leugnen, dass es bildend sein kann, von unbekannter Größe auch nur zu hören? Allerdings hängt vieles ab von der Art, wie davon gesprochen wird. Aus Wendell Kretschmars Vorlesung nach Hause gehend, hatten wir das Gefühl, die Missa gehört zu haben…

Hier werden Eindringlichkeit und Anschaulichkeit als didaktische Prinzipien betont, die es ermöglichen, einen fremden Gegenstand als „nah“ und „leicht fasslich“ erscheinen zu lassen. Deshalb ist das Unterrichten  vor allem ein kommunikatives Handwerk, das mit rhetorischen Geschick gehandhabt werden will.

Adrian Leverkühn zeigt sich schon als Kind als Hochbegabter, der mit einer raschen Auffassungsgabe und einem durchdringenden Verstand begabt ist. Deshalb ist es für ihn besonders wichtig, dass die Lehrer seinen Lerndrang und seine Wissbegier  befriedigen und ihn nicht künstlich bremsen.

Zweifellos war er dem Lehrer dankbar für einen Unterrichtsstil, der dem Umstande Rechnung trug, dass der Schüler nach seinem allgemeinen geistigen Entwicklungsstande nicht auf die kindliche Stufe der Ausbildung gehörte, die er in diesem spät ergriffenen Fache einnahm. Kretschmar hatte nichts dagegen und begünstigte es sogar, dass dieser  von Gescheitheit vibrierende Jüngling auch musikalisch vorauseilte und sich mit Dingen zu schaffen machte, die  ein pedantischer Mentor als Allotria verpönt haben würde.

Hier wird das Dilemma des Umgangs mit hochbegabten Schülern deutlich. Wenn in einer heterogen zusammengesetzten Lerngruppe Binnendifferenzierung nötig ist, wird die Lehrkraft viel Energie darauf verwenden, die Lernschwachen durch besondere Hilfestellungen an den Lernstand des Durchschnitts in der Klasse heranzuführen. Die überragenden Lerner, die es in fast jeder Lerngruppe auch gibt, werden hingegen oft nicht wahrgenommen oder mit unproduktiven Vorschlägen („Lies doch schon mal im Buch voraus!“) abgespeist. Der Musiklehrer im „Doktor Faustus“ erkennt die Hochbegabung seines Schülers Adrian und gibt ihm das „Lernfutter“, das sein Intellekt benötigt.

In einem Brief, den Adrian an seinen Musiklehrer Kretschmar richtet, wird das Problem der Hochbegabung weiter vertieft.

Aber schon diese fünfundvierzig Fach-Minuten weilten mir zu lange, machten mir Langeweile – das kälteste Ding von der Welt. Nach fünfzehn, spätestens, hatte ich los, woran der gute Mann mit den Buben noch dreißig kaute; beim Lesen der Schriftsteller las ich voran, hatte übrigens schon zu Hause voran gelesen, und blieb ich eine Antwort schuldig, so darum nur, weil ich voran und eigentlich schon in der nächsten Stunde war, dreiviertel Stunden Anabasis [griechischer Historiker], das war zu viel von ein und demselben für meine Geduld…

An dieser Textstelle wird deutlich, dass hochbegabte Schüler unter der Situation einer normalen Schulklasse leiden, wo die Lehrkraft sich bemüht, die mittlere Population, die die Mehrheit  bildet, mit dem Lernstoff vertraut zu machen, allenfalls noch den schwächeren Lernern durch Hilfestellung den Anschluss zu ermöglichen. Die überragenden Geister unter den Schülern fühlen  sich oft  nicht gewürdigt, stehen zu wenig im Fokus der didaktischen Bemühung.

Ich habe mich als Lehrer immer gefragt, warum  hochbegabte Schüler selbst unter den Lehrern so schlechte Karten haben. Man kann nicht ausschließen, dass hierbei auch Neid und Missgunst im Spiele  sind. Von Hermann Hesse kennen wir das Wort, ein Lehrer habe in seiner Klasse lieber dreißig Esel  sitzen als ein Genie. Für mich ist es immer unmenschlich gewesen, den Schülern, die mit besonderen Geistesgaben gesegnet sind, die adäquate Förderung zu ihrer  Entfaltung vorzuenthalten.

Thomas und Katja Mann hatten selbst hochbegabte Kinder,  vor allem die beiden Erstgeborenen Erika und Klaus. Sie ließen beiden – und auch den anderen vier Kindern – viel Freiheit, ihre Gaben zu entfalten. Auch einige ihrer Lehrer brachten die Toleranz auf, die überragenden Gaben der Mann-Kinder zur Entfaltung kommen zu lassen. So suspendierte der Leiter der Odenwaldschule Paul Geheeb seinen begabten Schüler Klaus Mann aus dem Unterricht und schickte ihn mit einem Roman „in die Wiesen“ – Hochbegabtenförderung auf reformpädagogisch. Wer unter den heutigen Lehrern, die  im PISA-Zeitalter unterrichten müssen, hätte dazu noch den Mut?

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Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern

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