Diktat des Elternwillens

Hatice ist ein aufgewecktes Mädchen mit türkischem Hintergrund. Die Grundschule im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen hat sie  mit Bravour durchlaufen und beste Zensuren eingeheimst. Ihre Lehrer sagten zu ihren Eltern, ihre Tochter werde die Zierde jedes Gymnasiums sein. Ronny, der Sohn deutscher Eltern, tat sich schwer in der Grundschule. In Punkto  Auffassungsgabe und Leistungsbereitschaft blieb er hinter seinen Klassenkameraden zurück. Als im Frühjahr 2016 die raren Plätze für die Gymnasien in Frankfurts Innenstadt vergeben wurden, landete Ronny auf dem Gymnasium, während Hatice   eine Gesamtschule zugewiesen bekam. Wie ist das möglich? Kinder mit schlechten Noten landen auf dem Gymnasium, während Schüler mit blendenden Noten die Gesamtschule besuchen müssen!  Die Bildungspolitik der schwarz-grünen Regierung  von Hessen macht´s möglich. Die Eltern von Hatice hatten das Pech, das Mädchen zu spät an einem Gymnasium angemeldet zu haben, während die Eltern von Ronny sofort auf der Matte standen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Übrigens:  Die Namen der beiden Schüler sind erfunden. Das an den beiden  Beispielen  deutlich gewordene Problem jedoch entspricht  der Realität.

In Hessen zählt wie in allen rot-grün regierten Bundesländern beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I  nur der Elternwille.  Den Schulen ist nicht gestattet, die Grundschulempfehlung der Lehrer zu Rate zu ziehen. Nur an Schulen mit besonderem Profil ist es  erlaubt, die Fähigkeiten in den profilnahen Fächern eigens zu überprüfen, z.B. die Fertigkeit, ein Instrument zu spielen (musikbetontes Gymnasium) oder  eine Fremdsprache zu beherrschen (bilinguales Gymnasium). Die Eltern abgewiesener Kinder wollten die Entscheidung der Schulbehörde nicht einfach hinnehmen. Es gab 187 Widerspruchsverfahren. 71 Eltern zogen sogar vor den Kadi, um das Recht ihres Kindes auf einen Gymnasialplatz einzuklagen – ohne Erfolg. Das ist verwunderlich, heißt es doch in der Hessischen Verfassung in Art. 59: „Der Zugang zu den Mittel-, höheren und Hochschulen ist nur von der Eignung des Schülers abhängig.“ Die Richter sahen in dem Wort „Eignung“ keinen Hinweis auf das durch Zensuren belegte  Leistungsprinzip. Der Artikel, so das Gericht, wolle nur ausschließen, dass schulfremde Erwägungen, wie z.B. das Herkunftsmilieu der Eltern oder deren finanzielle Situation, eine Rolle spielen. Wie man sieht, ist in Hessen wie in vielen anderen Bundesländern das Leistungsprinzip in der Schule  gründlich unter die Räder gekommen.

Eltern überschätzen gerne die Geistesgaben ihrer Kinder. Auch wenn die Lehrer dem Kind nur eine mittelmäßige Begabung attestieren, muss es immer das Gymnasium sein, weil diese Schule im Bewusstsein der Eltern als  „edle Marke“ gilt. Wenn nur noch der Elternwille zählt, kann man nicht ausschließen, dass in den unteren Klassen unserer Gymnasien viele Kinder sitzen, die vom anspruchsvollen gymnasialen Unterricht, der auf dem Abstraktionsvermögen der Kinder aufbaut, überfordert sind. Nach dem Probejahr müssen die meisten dieser Kinder diese Schulform wieder verlassen, nachdem sie es als demütigend empfunden haben, unter lauter klugen Kindern sitzen zu müssen. An den aufnehmenden Schulen – zumeist einer Gesamt- oder Gemeinschaftsschule  –  werden sie oft als „Gymnasialversager“ gemobbt. In Berlin schwankt die Zahl der  Schüler, die das Gymnasium nach dem Probejahr wieder verlassen müssen, von Jahr zu Jahr zwischen 600 und 1000 Schülern.  Berlins Schulbehörde hat es sogar fertiggebracht, ganze Klassen aus solchen „Rückläufern“ – so lautet die Bürokratenvokabel  – zu bilden. Fürsorglich kann man eine solche Schulpolitik wahrlich nicht nennen.

Die Abkehr vom Leistungsgedanken verdankt sich einer Ideologie, die alle Bereiche des menschlichen Lebens „gerecht“ organisieren will. Dem Gerechtigkeitspostulat verdanken wir die Inklusion (auch lernbehinderte Kinder sollen in den Regelklassen unterrichtet werden), die Erleichterung wichtiger Prüfungen (auch minder begabte Schüler sollen das Abitur schaffen können) und letztlich auch  die Öffnung des Gymnasiums für alle. Wie sich die Kinder fühlen, die in jeder Stunde spüren, dass sie den Lernstoff nur schwer begreifen, spielt keine Rolle. Wie sich die Schüler fühlen, die kraft ihrer Intelligenz nach vorne stürmen wollen und durch die ewigen Wiederholungen gelangweilt sind, ist nicht wichtig. Wenn das gesellschaftspolitische  Postulat der Gerechtigkeit waltet, hat die Pädagogik abgedankt. Wer auf bewährte  pädagogische und fachdidaktische Prinzipien pocht, wird als rückständig oder elitär gebrandmarkt.

Der Sport ist eine der letzten Domänen in unserem Land, in dem die „soziale Gerechtigkeit“ noch nicht ihre gleichmacherische Wirkung entfaltet hat. Hier gilt noch die harte Auslese, der Aufstieg der Besten. Keiner ist bislang auf die Idee gekommen,  in die Fußball-Nationalmannschaft einige Spieler aus der Kreisklasse aufzunehmen, um dem Prinzip der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Im Bereich des Sports lässt man dem Leistungsgedanken (noch) freien Lauf. Anscheinend ist es weniger kränkend, unsportlich als minder intelligent zu sein. Deshalb stoßen die Verfechter der Gleichheit in der Pädagogik  in der Gesellschaft  auch nicht auf nennenswerten Widerstand, wenn sie die Klugen dadurch ausbremsen, dass sie sie zwingen, mit den weniger Begabten die gleiche Schulbank zu drücken.

Die hessische Landesregierung hat inzwischen  begriffen, welcher Unmut  sich in der Elternschaft Frankfurts zusammenbraut. Sie hat flugs eine Kompromissregelung  eingeführt, die  den Streit entkrampfen soll. Die begehrten  Plätze am Gymnasium werden neuerdings ausgelost. Die Zeitungen verspotten diese Maßnahme genüsslich  als „Schulplatz-Lotterie“.  Inzwischen wurde auch bekannt, dass Eltern verstärkt Privatschulen gründen, um den Abgründen einer leistungsfeindlichen Schulpolitik zu entgehen. Es ist schon makaber, dass die Verfechter einer  „gerechten“ staatlichen Schule durch ihre Politik dazu beitragen, den privaten Sektor zu stärken, wo der Schulbesuch etwas kostet. Dass sie dadurch die soziale  Ungleichheit befördern, ficht sie anscheinend nicht an. Der Philosoph Hegel hätte seine Freude, könnte er sehen, dass sich wieder einmal die von ihm erfundene „List der Vernunft“ durchsetzt.

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung

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