Satire, Kunst, Beleidigung?

Wie sich eine Gymnasialklasse in Baden-Württemberg im Satire-Gestrüpp verheddert

 Ein Deutschlehrer, von dem es in einem Artikel des SPIEGEL heißt, er wolle „seine Schüler zur Meinungsfreude ermuntern“, bespricht mit  einer 10. Klasse das Schmähgedicht, durch das der Satiriker Jan Böhmermann eine  kleine Staatskrise  ausgelöst hat. Dass es  dieses Produkt, das sich „Gedicht“ nennt, in den Schulunterricht geschafft hat, ist erstaunlich. Das Kultusministerium von Baden-Württemberg bietet dazu sogar Unterrichtsmaterial an. Wenn man dem Stundenverlauf folgt, den der  SPIEGEL-Redakteur Alexander Kühn beschreibt, muss man allerdings festhalten: Unterricht suboptimal, entscheidendes  Lernziel nicht erreicht.

Die Schüler lesen das „Gedicht“. Ein Schüler kommt spontan zur richtigen Bewertung: „Schon beleidigend“. In der Folge wird dieses Urteil zerredet: „Satire ist nicht konstruktiv“, „er hat nichts falsch gemacht“ usw. Ein Schüler formuliert das Stundenergebnis, indem er ein „zerfleddertes Grundgesetz aus der Tasche zieht und darin blättert“ (SPIEGEL). Er findet schließlich Artikel 5:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […].“  (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. […]“

Zum Schluss gibt es eine Abstimmung der Schüler. Alle sprechen sich dafür aus, das Gedicht ohne jegliche Zensur im Programm des ZDF zu belassen.

Eine Problematisierung des umstrittenen „Gedichts“ und der Implikationen, die es ausgelöst hat, hätte anders aussehen müssen. Ansatzpunkt hätte Art. 5,  Satz 2 des Grundgesetzes sein können, also die Passage, die der rechtskundige  Schüler vermutlich nicht vorgelesen hat:

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Meinungs- und Kunstfreiheit finden ihre Grenzen dort, wo die Würde des Menschen tangiert ist. Die Maxime „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art 1, GG)  ist  bei uns unmittelbar geltendes Recht. Der Schutz der Würde gilt für jedermann, auch für diejenigen, die man hasst und die man zur Hölle wünscht. Ob die Schüler das Gedicht auch noch verteidigt hätten, wenn es von einem Pegida-Aktivisten stammte, der damit einen syrischen Flüchtling charakterisiert? Ob ihre Toleranz auch noch gelten würde, wenn ein solches Gedicht von einem Neonazi stammt, der damit  einen Schwulen verunglimpft? Alles nur eine Sache der Perspektive? Keineswegs! Eine solche Sichtweise wäre fatal, weil sie die Gültigkeit unserer Grundrechte der politischen Opportunität oder den persönlichen Vorlieben opfert.

In meiner Tätigkeit als Lehrer musste  ich mich mehrfach mit Cyber-Mobbing auseinandersetzen. Ein Fall war besonders krass. Eine Schülerin wurde in gefälschten Mails und mit anonymen Einträgen in Facebook auf gemeinste Art beleidigt. Dabei zielten die Täter (es  waren Mitschülerinnen) stets auf körperliche Merkmale  des Mädchens ab. Sie sei „fett wie ein Schwein“, habe keinen Busen und stinke „wie eine Güllegrube“. Das Mädchen weigerte sich, weiterhin in die Schule zu gehen. Die Schule schaltete die Kriminalpolizei ein und ließ die Täterinnen ermitteln. Im anschließenden Disziplinarverfahren mussten sie schmerzvoll lernen, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit verlaufen und die Beleidigung beginnt.

Hier spannt sich der Bogen zum „Gedicht“ von Jan Böhmermann. Auch Böhmermann operiert mit körperlichen Merkmalen, vornehmlich mit den männlichen  Genitalien.  Beleidigungen, die  auf körperlichen Attributen  gründen, sind deshalb so schwer zu ertragen, weil diese  unabänderlich sind. Sie sind angeboren und gehören zum lebenslangen „Gepäck“ eines Menschen. Schüler ahnen dies instinktiv und landen damit  ihre gemeinsten Treffer.

Ob die toleranten Verfechter der Meinungsfreiheit bedacht haben, aus welchem trüben Traditionsbestand Beleidigungen, die vermeintliche körperliche Defizite aufs Korn nehmen,  stammen? Das Buch „Neidgeschrei – Antisemitismus und Sexualität“ von Gerhard Henschel gibt darüber Auskunft.  Aus den zahlreichen Fallschilderungen greife ich eine heraus:

Ein Zürcher Pfarrer zählte 1768 »die Delicta carnis, die verbottene unzüchtige strafbahre Verbrechen, Hurey, Ehebruch und andere Leichtfertigkeiten« auf und behauptete: »Die Erfahrung aller Zeiten hat gezeiget, daß die Jüdische Nation diesem Laster auf eine besondere Weise ergeben gewesen, und solches eigentlich ihre Favorit-Sünde ausgemachet« habe.

Auch die  Kolonialgeschichte ist voll von „Untersuchungen“, die aus körperlichen Dispositionen der Eingeborenen ein bestimmtes – negatives – Verhalten ableiten. Oft konzentrieren sich die „Forschungen“ auf die Untersuchung der Genitalien. Ein britischer Arzt schreibt:

Die Beobachtungen über die verschiedene Form und die verschiedene Ausdehnung der Genitalien bei den verschiedenen Rassen sind noch sehr spärlich; bekannt aber ist bereits, dass das männliche Glied bei den Negern im allgemeinen viel größer ist als bei den anderen Völkern, und während der Jahre, in denen ich in Südamerika als Arzt praktizierte, habe ich diese Thatsache mit meinen eigenen Augen gesehen.

Antisemitismus und Rassismus speisen sich, wie man seit langem weiß, aus  sexuellem Neid. Die Phantasmagorien, die daraus entstehen, steigern sich dann zu einem Feindbild, das letztlich im Vernichtungswunsch kulminiert: Was abartig und pervers ist,  kann ruhig ausgelöscht werden.  Künstler, Satiriker, Schriftsteller und ähnliche Kulturschaffende, die diesen Kontext  bei ihrer „Kunstproduktion“ nicht mit bedenken, handeln fahrlässig und geschichtsvergessen.

Peinlich finde  ich, dass  sich viele  Kommentatoren  in ihrer Verteidigung Böhmermanns auf das berühmte Zitat  von Kurt Tucholsky beriefen: „Was darf Satire? Alles.“ Tucholsky, der Meister des geschliffenen Wortes und der geistreichen satirischen Attacke, hätte sich verbeten, auch nur im Entferntesten mit dem Schmähstück von Böhmermann in Verbindung gebracht zu werden. Kreisliga sollte man von Champions-League unterscheiden können – auch oder gerade in der Schule. Und der Jude Tucholsky wusste, wozu antisemitische Hetze, die unter die Gürtellinie zielt, fähig ist.

So viele Fragen,  Hintergründe und Probleme  – und  so wenige plausible Antworten in einer Deutschstunde.

(Zitate aus SPIEGEL 18/2016, S. 39)

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