Mogelpackung Ganztagsschule

 Früher gab es für Kinder und Jugendliche  eine klare Zeiteinteilung: vormittags Schule, nachmittags frei. Nach dem Mittagessen im Elternhaus konnten sie sich austoben: in ihren Cliquen, auf dem Sportplatz, bei ihren Hobbys. Als in den 1960er Jahren dann die Gesamtschule aufkam, war es mit dieser klaren Tageseinteilung vorbei. Diese Schule war gegründet worden, um die Schüler, die im bildungsfernen Elternhaus zu wenig Rückhalt und Förderung erfahren, durch eine  kompensatorische Didaktik  fördern zu können. Die Gesamtschule  wollte die Defizite, die die Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern in die Schule mitbringen, beheben. Dazu dienten ein flächendeckender Förderunterricht, eine frühe Berufsorientierung  mit dem Fach Arbeitslehre und  diversen  Werkstätten und vor allem der gebundene  Ganztagsbetrieb. Von ihm erwartete  man, dass die Schüler  durch verschiedene pädagogische Angebote, wie z.B. Sport, Theater, Werken,  in ihrer Persönlichkeit so  gestärkt würden, dass dies auch dem regulären Unterricht zugutekommt. Auch die Hausaufgabenbetreuung gehörte zum Konzept der gebundenen Ganztagsschule. Wenn die Schüler am späten Nachmittag nach Hause kommen, sollten sie von allen schulischen Aufgaben befreit sein.

Heute gibt es in Deutschland 6.321 gebundene Ganztagsschulen. Jede fünfte Schule bietet inzwischen dieses Konzept an. Insgesamt 1,7 Millionen Schüler (17,6%)  besuchen eine solche Einrichtung. In den Ausbau der Schulen zu Ganztagsschulen ist viel Geld geflossen. Deshalb ist es naheliegend, dass Bildungsforscher untersuchen,  ob sich der finanzielle Aufwand wirklich gelohnt hat, ob die Schüler tatsächlich so davon profitiert haben, wie es  die Bildungsexperten aller Parteien ursprünglich gehofft hatten.

In jüngster Zeit wurden gleich zwei Studien über die Wirkung des Ganztagsbetriebs in der Schule veröffentlicht. Eine stammt von einem Verbund aus vier Forschungsinstituten, die seit 2005 den Ausbau der Ganstagesschulen wissenschaftlich begleiten. Die zweite Studie wurde von der Bertelsmann-Stiftung im Verein mit dem Essener Bildungsforscher Klaus Klemm erstellt.

Die Ergebnisse beider Studien sind ernüchternd. Die Schüler profitieren vom betreuten Nachmittag  nur auf der persönlichen Ebene. Die Arbeitsgemeinschaften stärken ihr Selbstbewusstsein,  sie fühlen sich besser motiviert und von ihren Mitschülern mehr anerkannt, weil sie mit ihnen auch bei den nachmittäglichen Aktivitäten  zu tun haben und nicht nur mit  ihnen die Schulbank drücken. Auch das Sozialverhalten hat sich verbessert,  vor allem bei Schülern aus problematischen Elternhäusern.  Dieses Ergebnis ist durchaus zu begrüßen. Bei den schulischen Leistungen waren jedoch keine Verbesserungen  festzustellen. Und gerade hier hatte man große Erwartungen gehegt.  Deshalb ist die Frage berechtigt, ob sich der materielle Aufwand für die Ganztageschulen wirklich  lohnt, wenn im Kernbereich schulischen Lernens, bei den kognitiven Leistungen,  ein messbarer  Zugewinn ausgeblieben ist.

Die Forscher beklagen den Wildwuchs  beim Ausbau der Ganztagesschulen. Jedes Bundesland hat seinen eigenen Plan, gibt unterschiedlich viel Geld aus und setzt unterschiedlich qualifiziertes Personal ein. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass am Nachmittag immer fachlich ausgebildetes Personal – Lehrer oder Sozialpädagogen – zugange ist. Oft sind es ehrenamtliche Helfer, Eltern oder Honorarkräfte ohne Zertifikat. Dies ist möglich, weil es in Deutschland keine einheitlichen Qualitätsstandards für die Ganztagesschulen gibt.

Mich hat der dürftige Befund der beiden Studien nicht wirklich überrascht, weil ich weiß, dass ein kognitiver Lernzuwachs im Nachmittagsbetrieb nur erzielt werden kann, wenn dessen Angebote  mit dem Fachunterricht des Vormittags verzahnt werden. Dies ist offensichtlich nicht oder in nicht ausreichender Weise geschehen. Wie könnte eine solche Verzahnung aussehen? Die künstlerischen Fächer und das Fach Sport sind für eine solche Symbiose besonders  prädestiniert. Wenn am Vormittag im Kunstunterricht die Gemälde aus der Epoche der Romantik besprochen werden, könnte am Nachmittag eine Exkursion in die Romantikabteilung des städtischen Museums erfolgen. Möglich wäre auch, dass die Schüler am Nachmittag selbst Bilder im romantischen Stil malen. Wenn am Vormittag im Musikunterricht die Musikinstrumente durchgenommen werden, könnten sie am Nachmittag in einem Workshop ausprobiert wurden. Bei solchen Angeboten liegt auf der Hand, dass sie nur von dafür ausgebildeten Pädagogen angeleitet werden können. Wenn am Vormittag im Deutschunterricht das Drama „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller besprochen wird, könnte am Nachmittag eine Szene daraus als kleines Theaterstück einstudiert werden. Auch hier wäre  eine Fachkraft vonnöten. Es bietet sich überhaupt an, das Fach „Darstellendes Spiel“ /“Dramatisches Gestalten“ auf den  Nachmittag  zu legen, weil dann die für dieses Fach ungünstige Parzellierung in Einzelstunden wegfiele. Für sportliche Arbeitsgemeinschaften ergibt sich am Nachmittag ein reiches Betätigungsfeld. Auch die Zusammenarbeit mit dem Vereinssport bietet sich in diesem Zeitraum an.

Sehr gut können auch alle Projekte, die der Verschönerung des Lebensraums Schule dienen, am Nachmittag durchgeführt werden. So können  ein Schulgarten oder ein Teich angelegt, eine Imkerei aufgebaut oder eine Fahrradwerkstatt eingerichtet werden. An solchen Projekten könnten sich dann auch Nicht-Pädagogen wie Eltern oder ehrenamtliche Helfer beteiligen.

Für schwächere Schüler soltten am Nachmittag ein Förderunterricht und eine Hausaufgabenhilfe eingerichtet werden. Den guten Schülern sollte eine besondere intellektuelle Förderung zuteilwerden, die sie mit anspruchsvollen Aufgaben konfrontiert.

In Grunde wäre die Lösung für den Ganztagsbetrieb ganz  einfach zu realisieren.  Wenn die Schüler nur im Unterricht wirklich effektiv  lernen, sollte der Nachmittagsbetrieb überwiegend unterrichtsähnliche, unterrichtsergänzende Angebote enthalten. Wenn die  Ganztagsschule  das Odium der bloßen Bewahranstalt abschütteln will, sollten die Bildungsminister der Länder einheitliche Qualitätsstandards entwickeln und so viel Geld bereitstellen, dass überwiegend  Fachkräfte eingesetzt werden können. Die schulinternen Curricula sollten die Verzahnung von Fachunterricht und Unterrichtsprojekten für den Nachmittag ins Werk setzen.

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsinhalte

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