„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ (Kurt Tucholsky)

Wie eine Schulform ihre eigenen pädagogischen Ziele ad absurdum führt

Am 23. 04. 2016 erschien in der „Stuttgarter Zeitung“ eine Anzeige von Eltern, die es in sich hat. Unter der  Überschrift  Was  denken die Eltern zur Schulpolitik? wird ein gruseliges Bild vom Lernprozess an den in Baden-Württemberg neu eingeführten Gemeinschaftsschulen gezeichnet.

Die Rechtschreibung der Schüler scheint an den Gemeinschaftsschulen  völlig  unter die Räder gekommen zu sein. Hier einige Kostproben aus Schülertexten: „Die Katze schlägt (schleckt!) einen grossen Teller Sane.“ / „Das Pferd galopiert einen grossen Greiss.“(Kreis) / „Die Augen sind rod und das Fell ist bund.“ Man kann getrost  vermuten, dass hier die Methode des phonetischen Schreibens (Schreib, wie du es hörst!) angewendet wurde, die auch anderen Ortes zu katastrophalen Ergebnissen geführt hat. Der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern Mathias Brodkorb hat nach desaströsen Ergebnissen beim VERA-Vergleichstest der Grundschulen angekündigt,  von der umstrittenen Methode wieder Abstand nehmen zu wollen. Ein Redakteur von SPIEGEL-online hält diese Rechtschreibmethode für „unterlassene Hilfeleistung„. Der Medienwissenschaftler und Lektor  Dr. Peter Kruck von der Ruhr-Universität Bochum ist  der Meinung, dass die negativen Auswirkungen dieser verfehlten Unterrichtsmethode inzwischen schon an der Hochschule zu spüren seien: „Die meisten Lehramtsstudenten schaffen es nicht, zwei bis drei Sätze fehlerfrei zu schreiben.“

Wer sich Schule noch so vorstellt, dass die Schüler in einem Klassenraum an Tischen sitzen und gemeinsam lernen, dass vor der Klasse eine Lehrkraft steht, die den Lernprozess lenkt und die Schüler beim Lernen anleitet, muss gründlich umdenken, wenn der die Lernkultur an einer Gemeinschaftschule begreifen will. Die Eltern schreiben in ihrer Anzeige: „Kinder [sind] im Schulhaus verteilt, allein oder in Gruppen auf Bänken sitzend oder auf dem Boden liegend, ohne dass ein Lehrer in Sicht wäre.“ Sie haben erlebt, dass „Schüler (…) lieber auf dem Flur arbeiten, weil es im Klassenzimmer zu laut ist.“ Das Axiom des individuellen Lernens, an dem die Verfechter dieser Schulform eisern festhalten, führt zu einer völligen Fragmentierung des Lernprozesses. Da die Lernvoraussetzungen der Schüler (Intelligenz, Vorwissen, Ehrgeiz, Konzentrationsfähigkeit) unterschiedlich ausgeprägt sind, erhält jeder Schüler einen eigens auf sein Leistungsvermögen abgestimmten Lernplan, den er dann für sich allein abarbeiten muss. Schon nach wenigen Tagen sind die Schüler unterschiedlich weit vorangekommen. Der leistungsstarke Schüler hat das Arbeitsmaterial vielleicht in zwei Tagen abgearbeitet und wartet auf „neues Futter“, während der leistungsschwache Schüler sich noch durch die ersten Arbeitsbögen quält. Da die Schüler bei dieser enormen Spreizung nie mehr an einen Punkt kommen, wo der Lernstand gleich wäre, ist ein Unterrichtsgespräch nicht mehr möglich. Im klassischen Unterricht dient das Unterrichtsgespräch dazu, dass die Schüler die Ergebnisse ihrer Arbeit (seien sie in Einzel- Partner- oder Gruppenarbeit erworben) den Mitschülern mitteilen, die dann darüber diskutieren. Diese Rückmeldung an die Lerngruppe ist  sinnvoll, um Fehler zu korrigieren und  gute Ergebnisse zu bestätigen. Auch Lob und Ansporn, unverzichtbare Methoden pädagogischer Ermutigung, werden im Unterrichtsgespräch vermittelt. All diese über Jahrzehnte bewährten und auch immer mehr verfeinerten didaktischen Prinzipien werden mit dieser Schulform über den Haufen geworfen, ohne Not  entsorgt.

Die Lehrkraft, die im neuen Lernkonzept „Lernbegleiter“ heißt, hat an der Gemeinschaftsschule die Aufgabe,  die Schüler individuell zu betreuen. Praktisch sieht das so aus, dass die Lehrkraft die  Schüler im Gebäude sucht, um mit ihnen die jeweilige Aufgabe durchzugehen. Die Eltern rechnen vor, dass bei 20 Schülern die Lehrkraft in einer Unterrichtsstunde von 45 Minuten gerade mal  2 Minuten und 15 Sekunden für einen Schüler aufwenden kann. Wenn auch nur bei einigen wenigen der Beratungsbedarf und die Hilfestellung mehr Zeit beanspruchen, gehen einige der Schüler in der Stunde leer aus. So erklärt sich die bittere  Formulierung in der Anzeige: „Wir Eltern sind nicht dazu da, mit den Kindern in der Freizeit den versäumten Schulstoff nachzuholen.“ 

Die Lernforschung, die sich mit unterschiedlichen Begabungstypen befasst, hat eindeutig nachgewiesen, dass lernschwache Schüler, die zumeist aus sozial benachteiligten Elternhäusern stammen, die direkte Anleitung durch eine Lehrkraft benötigen, um Lernfortschritte zu erzielen. Sie schaffen es nicht, Arbeitsbögen allein zu bearbeiten, weil sie oft schon die Arbeitsanweisung nicht richtig verstehen. Was die Soziolinguistik den „restringierten Code“ nennt, erweist sich dabei als größtes Lernhindernis. Auch Migrantenkinder sind von dieser reduzierten   sprachlichen Kompetenz betroffen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass vor allem die Kinder aus sozial schwachen Familien und aus der Migrantenschicht durch die Lernmethode des individuellen Lernens  benachteiligt sind. Der wichtigste Didaktiker der 1960er und 1970er Jahre, Hermann Giesecke,  hat diesen Befund griffig zusammengefasst: „Nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu“ / „Gerade das sozial benachteiligte Kind bedarf, um sich aus diesem Status zu befreien, eines geradezu altmodischen, direkt angeleiteten, aber auch geduldigen und ermutigenden Unterrichts.“ (Hermann Giesecke:  Warum die Schule soziale Ungleichheiten  verstärkt, 2003)

Die Schwächung, ja Auflösung des Klassenverbandes durch das individuelle Lernen kommt einem Kulturbruch gleich. Die Schulromane  „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner, „Die Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl und die Schulgeschichten aus den  „Buddenbrooks“ von Thomas Mann wären ohne die Schulklasse als Organisationsform nicht geschrieben worden. Die Klasse ist für die Schüler nicht nur  Lernort, sie ist auch Ort der sozialen Auseinandersetzung, der Selbstbehauptung und Rollenerprobung. Und sie ist  Schutzraum vor den Zumutungen rabiater Lehrer, schulischer Dramen   oder  persönlicher Krisen. Welchem  Erwachsenen hat sich „seine“ Schulklasse nicht ins Gedächtnis eingegraben?  Wem ist „seine“  Klasse nicht als der Ort vor Augen, in dem man Jahre seines jungen Lebens an der Seite von Freunden und Kameraden  zugebracht hat?  Diesen Ort preiszugeben, um eine zur heiligen Kuh erklärte Schulform – die Gemeinschaftsschule – verwirklichen zu können, ist eine pädagogische Ursünde. Schlimmer noch: Es ist ein unsozialer Akt, weil  er den Kindern einen wichtigen Schonraum raubt und sie als Einzelwesen  auf sich selbst zurückwirft.

Das segensreiche Miteinander der Schüler im Klassenverband ist schon lange bekannt. Wilhelm von Humboldt, der große Bildungsreformer, schreibt 1810, dass das gemeinsame Lernen in der Klasse wichtig sei, „damit die gelingende Thätigkeit des Einen den Anderen begeistere und Allen die hervorstrahlende Kraft [des Wissens] sichtbar werde.“ Auch aktuelle Untersuchungen stützen die Wichtigkeit der Lerngruppe für den Lernprozess des Einzelnen. In der  Studie des neuseeländischen Pädagogen John Hattie  kann man nachlesen, dass ein positives Klima in der Klasse für die Lernleistung der Schüler  von ausschlaggebender Bedeutung ist.   Klassenzusammenhalt  ist für ihn  das „Gefühl, dass alle (Lehrperson und Lernende) gemeinsam für positive Lernerfolge arbeiten.“ Jeder, der schon einmal als Lehrer vor einer Klasse stand, wird bestätigen, dass das Klima in der Klasse das Lernen entscheidend bestimmt. Ein aggressives, widerständiges Verhalten der Schüler blockiert den Lernprozess, ein offenes, erwartungsvolles Verhalten beflügelt ihn. Das Klima in der Klasse zu beeinflussen ist in erster Linie die Aufgabe der Lehrkraft. Deshalb sind sozialpsychologische Fähigkeiten so wichtig. Mit Empathie, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen kann ein Lehrer die  Stimmungen  in einer Klasse erkennen und  sie für den Lernprozess nutzbar machen.  Dazu braucht es aber eine Lehrperson und keinen  Lernbegleiter.

Die Eltern, die diese Anzeige formuliert haben, wissen um die segensreiche Wirkung des Klassenverbandes für ihre Kinder. Ihre Forderungen sind unmissverständlich:

„Wir Eltern wollen, dass unsere Kinder in einer vom Lehrer angeleiteten Klassengemeinschaft das soziale Miteinander und die menschlichen Grundwerte erlernen. Auch dies geht nicht, wenn Kinder in Lern-Nischen wie in Großraumbüros sitzen und mit ihren Aufgaben allein gelassen sind.“

Wenn die Politik nicht völlig beratungsresistent ist, sollte sie das didaktische Konzept der Gemeinschaftschule einer kritischen Revision unterziehen. Nach allem, was man über erfolgreiches Lernen in heterogenen Lerngruppen weiß, bietet nur die äußere Differenzierung, wie  sie die Gesamtschule schon seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert, die Voraussetzung, kognitives  und soziales Lernen optimal miteinander zu verbinden. An der Gesamtschule werden einige Fächer im Klassenverband unterrichtet, die Hauptfächer  Deutsch, Mathematik und Erste Fremdsprache in leistungsdifferenzierten Kursen. Diese Kurse erfüllen die Funktion von  überschaubaren Klassenverbänden, in denen die Schüler mindestens ein Schuljahr gemeinsam lernen. Stammgruppe (Klasse) und Kursgruppen (Leistungskurse) ergänzen sich in einer sozial erträglichen und der Leistung zuträglichen Weise. Es gehört zu den großen politischen Rätseln, warum die SPD die Schulform, die sie in Deutschland  eingeführt hat und die in vielen Bundesländern erfolgreich arbeitet, die Gesamtschule, neuerdings einem fragwürdigen Schulexperiment opfert.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethoden

Eine Antwort zu “„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ (Kurt Tucholsky)

  1. Dr. Antje Jaeger

    Wir wollen auch Kinder mit jeder
    Art von Händikap in die Regelschule aufnehmen . Wie soll dies gehen ,wenn wir den Klassenverband auflösen und den Lehrer nur begleiten lassen

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