Unreife Abiturienten

Anfang März hat es in der Innenstadt von Köln Schlachten zwischen Abiturienten verschiedener Gymnasien gegeben, die völlig aus dem Ruder liefen. Hunderte Schüler gingen mit Böllern, Farbbeuteln, Eiern und selbst gebastelten Wurfspießen so heftig aufeinander los, dass es zahlreiche Verletzte gab. Als die Polizei eingriff, wurde auch sie angegriffen, so dass auch einige Beamte verletzt wurden. Im Internet hatten sich die Abiturienten mit aggressiven Videos für die Attacken aufgeputscht. Dort sah man eine Horde mit schwarzen Masken vermummter Kämpfer martialische Gesten vollführen und wilde Kampfschreie ausstoßen.

Hintergrund der Gewaltentladungen ist die sog. Motto-Woche, die Abiturienten vor einigen Jahren in ganz Deutschland eingeführt haben, um vor dem schriftlichen Abitur die letzte reguläre Schulwoche in Verkleidung zu begehen. In den meisten Schulen der Republik geht diese Maskerade gewaltfrei über die Bühne. Man sieht Prinzessinnen mit glitzernder Krone, als Frosch verkleidete Märchenprinzen und strenge Burgfräulein die Schulflure entlangflanieren. Von den unteren Jahrgängen werden diese Kreationen bestaunt und bewundert. Auch die Lehrkräfte erfreuen sich an Verwandlungskunst und schöpferischer Phantasie, die ihre Schüler, von denen sie sich bald für immer verabschieden müssen, an den Tag legen. Als harmloses Abschiedsritual   gegründet, häufen sich neuerdings Vorfälle, die den Schulen nicht gefallen können: systematische Unterrichtsstörungen, laute Musikbeschallung und Verschmutzung der Gebäude.  

In Köln ging es noch krasser zur Sache. Dort entlud sich in der Innenstadt eine Orgie der Gewalt, die ihres gleichen sucht. Wie sind diese enthemmte Aggressivität und diese rohe Lust auf Randale zu erklären? Die Kölner Lokalpresse versuchte sich in Diagnosen: Die Rivalität unter den Gymnasien sei deshalb so groß, weil die Gymnasien zu dicht beisammen liegen. Die Bürgermeisterin Kölns Henriette Reker meinte, hier sei Wohlstandsverwahrlosung am Werke. Auch eine Kulturwissenschaftlerin wurde bemüht, das Unverstandene an den Vorfällen zu erhellen: Die Aggressionen seien unreflektierte Versuche, sich mit der Schule zu identifizieren, eine Art von Überidentifikation. Gleichzeitig seien sie ein Zeichen von Unsicherheit und Überforderung. Die Schulduelle mussten im öffentlichen Raum ausgetragen werden, weil die Schulen die Feiern auf ihrem Gelände im Vorfeld verboten hatten. Dies lässt den Schluss zu, dass schon früher Abitur-Feiern in Gewaltorgien ausgeartet waren, bei denen Teile der Schulen verwüstet wurden. Ohne konkreten Anlass verbietet keine Schule eine von Schülern gewünschte und selbst organisierte Feier.

Ich habe in Berlin Abiturstreiche erlebt, die so phantasievoll und intelligent waren, dass sie die Bewunderung der Lehrer und auch der Öffentlichkeit hervorriefen. Ein Gymnasium wurde z.B. von den Abiturienten in der Nacht vor dem Streich mit großen Papierbahnen verhüllt wie weiland der Reichstag in Berlin durch Christo. Ich habe aber auch erlebt, dass an einer Schule während des Abi-Streichs eine ganze Schuletage unter Wasser gesetzt wurde, so dass die Bausubstanz Schaden nahm. Diese Schule hat danach bis auf Weiteres alle Abiturstreiche verboten. Nach meiner Erfahrung können einzelne Schüler, die es darauf anlegen, Gewalt gegen Personen oder Sachen anzuwenden, nur gestoppt werden, wenn man im Vorfeld den ganzen Abiturjahrgang in die Pflicht nimmt. Ein Lehrerteam berät und betreut die Abiturienten im Vorfeld, lässt sich die Pläne zeigen und greift korrigierend ein, wenn es Schwachstellen und Risiken gibt. Auch während der Aktion muss das Team „Gewehr bei Fuß“ stehen, um notfalls ihren Abbruch bewirken zu können.

Als Schüler habe ich noch die Zeit erlebt, in der das Abiturzeugnis „Reifezeugnis“ hieß. Um es zu erlangen, musste man nicht nur die fachlichen Voraussetzungen erfüllen. Man musste auch durch sein Verhalten in und außerhalb der Schule zeigen, dass man „reif“ war, die hohe Auszeichnung des Abiturs zu entgegen zu nehmen. In Österreich und der Schweiz heißt das Abitur heute noch Matura (Reifeprüfung, von lat. maturitas = die Reife). Vor 1970 konnte einem Schüler bei einem Verstoß gegen die – wie es hieß – „sittliche Reife“, z.B. durch Vorstrafen, Drogendelikte oder Beleidigung von Lehrern, das Abitur verweigert werden, selbst dann, wenn er gute fachliche Leistungen abgeliefert hatte. Natürlich will kein Lehrer zu einer solchen Form der Moralprüfung zurück. Etwas können wir aus der alten Zeit jedoch lernen. Es darf einer Schule nicht egal sein, wenn sich in ihrem Rahmen junge Menschen zu Vandalen und Gewalttätern entwickeln, die so enthemmt agieren, dass sie die Verletzung anderer Personen in Kauf nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Rädelsführer der beteiligten Kölner Schulen nicht bekannt waren und sind. Die Fürsorgepflicht der Schulleitung und des Kollegiums schließt die präventive Einflussnahme auf potentielle „Täter“ ein. Was die Polizei „Gefährder-Ansprache“ nennt, kann ein Schulleiter oder ein Klassenleiter jederzeit praktizieren, durchaus auch mit dem Hinweis, dass Schüler, die Straftaten begehen, ihr Abitur gefährden.

Wenn es sich wirklich um Schulduelle, also um eine Form von Rivalität unter benachbarten Schulen handelt, stellt sich die Frage, warum es keine friedlichen Formen der Rivalität gibt, die die vorhandenen Energien in sinnvolle Bahnen lenken. Denkbar sind Sportwettkämpfe, fachliches Wetteifern (Wer baut das beste Solarboot? – Wer hat den schönsten Schulgarten?). Auch gemeinsame, also schulübergreifende Aktionen im Umweltschutz, in der Flüchtlingshilfe, in der Unterstützung von Hilfsorganisationen wären nützliche Betätigungsfelder, in denen sich die Kämpfer gemeinsam bewähren könnten. Der moralischen Verwahrlosung von Schülern kann man am besten entgegenwirken, wenn man an der Schule eine Kultur des geistigen Anspruchs, der intellektuellen Herausforderungen etabliert. Wenn es an einer Schule ein reichhaltiges kulturelles Leben mit Kunst, Theater, Musik und Film gibt, isolieren sich die Grobiane und Rüpel, die auf Muskelkraft setzen, von ganz allein.

Ich habe mit zwei verfeindeten Klassen – allerdings derselben Schule – eine gemeinsame Klassenfahrt organisiert und zusammen mit einer Kollegin durchgeführt. Es gab Kollegen, die dieses Unterfangen für ein Himmelsfahrtskommando hielten. Nach einer Woche fuhren wir nach Berlin zurück. Es gab dicke Freundschaften, wo vorher Hass und Neid blühten. Ein bisschen Psychologie macht´s möglich.

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern

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