Nachlässiger Umgang mit pädagogischen Fakten

Als Lehrer muss man immer wieder erleben, dass in der Presse in einer Weise über die Schule geschrieben wird, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. So geschah es jüngst in der Titelstory des SPIEGEL (11/2016): „Die geteilte Nation“. Dort finden sich folgende Pauschalurteile über Lehrer und über unser Schulsystem: „Wer aus einem Hartz IV-oder einem Migrantenviertel stammt, hat bei den Lehrern oft schlechte Karten.“ / „…ein Bildungssektor, der Unterschichtskinder pauschal zu Verlierern stempelt.“

Als Lehrer mit langer Berufserfahrung bin ich verwundert darüber, wie wenig die Redakteure ihre Behauptungen durch Recherchen an den Schulen oder durch die Auswertung von Statistiken untermauert haben. Den Redakteuren des SPIEGEL genügt es anscheinend, wenn sie über die Schule schreiben, eine starke Meinung zu haben. Wenn man der Frage, wie Schulversagen entsteht, nachgeht, stößt man auf eine Fülle an Material. Man muss nur die Statistiken der Schulbehörden und auch der Kriminalpolizei (Schulversagen korreliert mit Delinquenz) einsehen, um die nötige Auskunft zu bekommen. Schulversagen beginnt in aller Regel mit Schulschwänzen. Es gibt Abgänger ohne Abschluss, die summa summarum ein ganzes Schuljahr geschwänzt haben. In allen Bundesländern gibt es, weil man um das Problem inzwischen weiß, ein Frühwarnsystem und eine Meldepflicht an unterschiedliche Behörden. In Berlin gibt es sogar eine spezielle Polizeieinheit, die morgens um 10 Uhr durch die Einkaufszentren streift, um Schulschwänzer einzufangen und in die Schulen zu bringen. Trotzdem konnte das Schwänzen nicht nennenswert eingedämmt werden. Wenn Bußgelder verhängt werden, weigern sich die Familien, es zu zahlen. Bei Hartz-IV-Familien wird es von der Arbeitsagentur übernommen. Dann zahlt eine staatliche Behörde das Bußgeld, das eine andere Behörde gegen eine Familie verhängt hat. Absurder geht´s nimmer. Am Schwänzen hat all dies wenig geändert.

Vielen Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verließen, wurden später in „Maßnahmen“ der Arbeitsagentur die Berufsbildungsreife zuerkannt (Berliner Euphemismus für Hauptschulabschluss). Ihnen wurde von wohlgesonnenen Werkstätten und Betrieben Lehrstellen angeboten. Nur ein kleiner Bruchteil hielt die Ausbildung bis zum Ende durch. Wenn man Sozialpädagogen befragt, die solche Schüler während der Ausbildung begleitet haben, kann man die Motive für den Abbruch der Lehre ergründen: Manche hatten keine Lust, früh aufzustehen, einigen war der Fahrweg zu weit, andere sind in der Berufsschule gescheitert, wieder anderen war die Entlohnung zu gering usw. Solche Jugendliche landen allesamt im Niedriglohnsektor. Für höherwertige Tätigkeiten sind sie kaum zu gebrauchen. Ich habe in einem Artikel vorgeschlagen, für Schulabbrecher die Schulpflicht auf 25 Jahre auszudehnen, wie das für Flüchtlinge jüngst beschlossen wurde. Innerhalb dieses Zeitraums sollte es keine Hartz IV-Leistungen für diese Jugendliche geben. Der frühere Bezirksbürgermeister von Neukölln Heinz Buschkowsky hat vorgeschlagen, Familien aus dem Migrantenmilieu und aus der deutschen Unterschicht die Sozialleistungen zu kürzen, wenn sie sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Dieses Modell hat er von seinen Erkundungsreisen aus Holland, Schweden und Dänemark mitgebracht. Dort funktioniert es so gut, dass sich die Schulergebnisse der Kinder signifikant verbessert haben. Bei uns gäbe es einen Aufschrei, wenn es ein Politiker wagen würde, so etwas in die Tat umzusetzen. Die Familie ist bei uns eine heilige Kuh, die kein Politiker anzutasten wagt. Es ist allemal bequemer, „die Gesellschaft“ oder „die Schule“ für die Misere verantwortlich zu machen. Margaret Thatcher sagte einst: „There is no such thing as society.“ Es gibt nur den Einzelnen mit seiner Verantwortung. Ihn sollte man auch in die Pflicht nehmen. Und mit ihm, solange er minderjährig ist, seine Familie.

In Berlin kann man besonders gut studieren, wie Schulversagen zustande kommt. Dort wurde vor vier Jahren eine tiefgehende Schulreform durchgeführt. Haupt- und Realschulen wurden zu Integrierten Sekundarschulen zusammengelegt. Dazu wurde noch eine weitere integrative Schulform, die Gemeinschaftsschule, gegründet. Vor der Reform verließ jeder 11. Schüler die Schule ohne Abschluss, nach der Reform war es sogar jeder 9. Schüler, in absoluten Zahlen: 6.200 Schüler ohne Schulabschluss. Die Reform war ursprünglich dafür gedacht, die Bildungschancen der Kinder aus unterprivilegierten Familien zu verbessern. Das Gegenteil ist eingetreten. Besonders schlecht war das Abschneiden der Schüler an den Gemeinschaftsschulen. Dort kommen die Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien offensichtlich unter die Räder, weil sich die dort gepflegte Didaktik des individuellen Lernens nur für leistungsstarke Kinder eignet. Es ist also nicht „der Bildungssektor, der Unterschichtskinder pauschal zu Verlierern stempelt“, wie der SPIEGEL schreibt, sondern ein falsches didaktisches Konzept. Und das war politisch gewollt und wird von seinen Initiatoren immer noch verteidigt, obwohl die praktische Evidenz seine Untauglichkeit bewiesen hat. Die Schulpolitik verfährt offensichtlich nach dem Prinzip: Lieber sozial gerecht sein (alle Kinder sitzen in einer Klasse), als gute Ergebnisse erzielen.

Das Kontrastmodell kann man in Bayern besichtigen. Dort gibt es Hauptschulen, in denen jeder Schüler den Abschluss schafft und anschließend eine Lehrstelle bekommt. Das Erfolgsrezept ist denkbar einfach: Kleine Klassen (max. 15 Schüler), hochmotivierte Lehrkräfte, eine fördernde und fordernde Pädagogik, Reduzierung der Fachinhalte auf die Kulturtechniken und die Elternhäuser in die Pflicht nehmen. Dass man dieses Erfolgsmodell in anderen Bundesländern aus ideologischen Gründen zerstört hat, ist eine der pädagogischen Sünden der letzten 10 Jahre. Wenn man sehen will, wie der Unterricht in einer integrierten Klasse mit 25 Schülern funktioniert, sollte man einmal eine Sekundarschule im Soldiner Kiez (Wedding) oder in der Rollbergsiedlung (Neukölln) besuchen. Dabei werden einem die Augen übergehen, weil man das, was da abläuft, kaum noch als Unterricht erkennen kann.

Wer über Schulversagen philosophiert, sollte sich auch mit Intelligenztheorien beschäftigen. Es gibt inzwischen neue Forschungen, die belegen, dass ca. 50% der Intelligenz eines Kindes von den Eltern ererbt wird, die zweiten 50% werden durch familiäre Einflüsse und die Zughörigkeit zu einer sozialen Schicht geprägt. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass ein mittelmäßig begabtes Kind dann, wenn es von den Eltern keinerlei Anregungen für die Intelligenzentwicklung und die Entwicklung seiner verbalen Fähigkeiten erhält, gegenüber den anderen Kindern stark benachteiligt sein wird – und zwar dauerhaft, vor und nach der Schulzeit. Es wird die in ihm angelegten Potentiale nicht voll ausschöpfen können. Viele „Experten“ (leider auch Journalisten) vergessen oft, dass ein Kind, bevor es die Schule zum ersten Mal betritt, sechs Jahre zu Hause erzogen und sozialisiert wurde. Eine Grundschullehrerin kann schon in der ersten Stunde erkennen, wie groß die Kluft innerhalb ihrer Klasse ist. Es gibt Kinder, die noch nie eine Schere in der Hand hatten. Es gibt Kinder, die fragen, wann das Fernsehen beginnt, und die sich keine 10 Minuten am Stück konzentrieren können. Dann gibt es Kinder, die schon lesen und schreiben können, weil ihnen das die Eltern oder älteren Geschwister beigebracht haben. Solche Diskrepanzen begründen Benachteiligungen. Sie sind es auch, die Heinz Buschkowsky zu seiner Forderung veranlasst haben, für Kinder aus der deutschen Unterschicht und der Migrantenschicht dann eine Kitapflicht einzuführen, wenn ein Sprachtest nach dem 3. Lebensjahr bei einem Kind verbale Defizite festgestellt hat. Schon wieder ein Eingriff in den heiligen Bereich der Familie! Wer wird das je durchsetzen?

Dass die Intelligenztheorie stimmt, kann man an einem Umstand ablesen. Auch in den höchst egalitären Gesellschaften Sowjetunion, DDR, Cuba gab es eine Unterschicht, festgefügt und zählebig. Die dort üblichen Einheitsschulen konnten dies nicht verhindern. In unserem Schulsystem versucht man es inzwischen damit, dass man auf breiter Front die Anforderungen senkt. In Großstädten gehen schon über 50% der Grundschulkinder aufs Gymnasium. Das Abitur ist so leicht geworden, dass die Zahl der Einserabsolventen sprunghaft gestiegen ist. Die Kehrseite kann man an den Universitäten besichtigen. Dort liegen die Abbruchquoten über alle Fakultäten hinweg bei 35%. Dies ist eine gigantische Verschwendung von Ressourcen. Mit den verschwendeten Millionen könnte man alle Kitas in Deutschland kostenfrei stellen. Was sagt uns das? Den Rohstoff Intelligenz kann man nicht beliebig vermehren und man kann ihn schon gar nicht umverteilen. In der Gesellschaft gehorcht er der Normalverteilung, die der Mathematiker Gauß in seiner Glockenkurve dargestellt hat. Alle gesellschaftlichen und pädagogischen Versuche, dieses eherne Gesetz außer Kraft zu setzen, sind gescheitert. Wenn die OECD lobt, dass in Frankreich über 70% der Schüler zu Akademikern ausgebildet werden, verschweigt sie, dass diese hohe Zahl nur zustande kommt, weil viele Berufe, die bei uns reine Ausbildungsberufe sind (Krankenschwester, Pfleger, Hebamme) das Etikett „akademisch“ erhalten haben. Die harten wissenschaftlichen Fächer wie Medizin, Jura, Ingenieurwissenschaft, Mathematik und Physik werden auch in Frankreich nur von einer kleinen Elite bewältigt.

Man kann Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften, wenn sie über die Schule schreiben, nur raten: Mehr Fakten und weniger Meinung; mehr Recherche vor Ort als Bestätigung eigener Ressentiments.

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