Schulversagen und die Folgen

 Im Februar 2016 war wieder mal etwas von der OECD in Sachen Bildung zu vernehmen. Die PISA-Experten dieser Organisation hatten untersucht, was die Ursachen für totales Schulversagen sind. Was sie zu Tage förderten, ist wirklich keine Überraschung: Die soziale und wirtschaftliche Lage der Familie eines Schülers sei der größte Risikofaktor für Jugendliche, zum Schulversager zu werden. Wenn Schüler aus einem armen und sozial schwierigen Elternhaus stammen, steige das Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen, um den Faktor vier. Wie immer formuliert die OECD die Botschaft ihrer Studien griffig, wenn sie behauptet, dass in Deutschland die soziale Herkunft so stark wie in kaum einem anderen Land über den Bildungserfolg der Kinder entscheide. Untergründig schwingt hier eine Schuldzuweisung an die Schule mit, weil sie es nicht schaffe, prekäre soziale Herkunft und Misserfolg in der Schule zu entkoppeln.

Drei Biografien von Schulversagern

Zum Glück gibt es die Möglichkeit, sich Biografien von Schülern, die zu Schulversagern geworden sind, genauer anzuschauen. Da der Weg solcher Schüler – zumeist sind sie männlichen Geschlechts – allzu oft in die Delinquenz führt, kann man in Strafprozessen Auskunft darüber bekommen, wie es zum Schulversagen gekommen ist. In Berlin stand im Februar 2016 ein junger Mann türkischer Herkunft vor Gericht, weil er seine Freundin, die ein Kind von ihm erwartete, getötet hat. Seine Familie hatte ihn unter Druck gesetzt, weil sie das Kind nicht wollte. Die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung Verena Mayer charakterisierte in ihrem Report den jungen Mann wie folgt: „Eren T. war es gewohnt, so zu leben, wie es ihm passte. […] Eren T. musste nichts und durfte alles. Zur Schule ging er, wenn er Lust hatte, meistens spielte er aber Fußball oder zog mit seinen Cousins durch die Gegend. […] Viermal wechselte Eren T. die Schule, fing eine Ausbildung an, brach sie wieder ab, jobbte als Pizzabote und schichtete Regale.“(SZ vom 17. 02. 2016) Im Prozess wurde Eren T. wegen Mordes zu einer Gefängnisstrafe von 14 Jahren verurteilt.

Ein anderer Fall: Sanel M., serbischer Herkunft, hatte das Zeug zum Gymnasium. Sein gewalttätiges Verhalten stand jedoch seinem schulischen Werdegang im Wege. Deshalb landete er schließlich auf der Hauptschule. Von dieser Schule flog er, nachdem er eine schwere Körperverletzung begangen hatte, die ihn auch zum ersten Mal ins Jugendgefängnis brachte. Nach der Schulzeit brach er verschiedene Ausbildungen ab, weil er nicht die Disziplin aufbrachte, die man für eine Berufsausbildung benötigt. Er brachte seine Zeit lieber im Fitnessstudio und in Spielhallen zu – bis er eine Körperverletzung mit Todesfolge an einer jungen Deutsch-Türkin beging, die ihm drei Jahre Jugendarrest einbrachte.

Dritter Fall: Nils D., ein Mitglied der sog. Lohberg-Gruppe deutscher Dschihadisten, stand im Februar 2016 vor Gericht, weil er nach Syrien gereist und sich dort dem Islamischen Staat angeschlossen hatte. In der Verhandlung kam auch seine Schulzeit zur Sprache. Nach der Grundschule, die er mit mittelmäßigem Erfolg durchlief, absolvierte er die Hauptschule. An der Berufsschule wollte er dann den Realschulabschluss nachholen. Dies misslang, weil er zu häufig den Unterricht schwänzte. Aus der Ausbildung zum Anlagenbauer wurde er entlassen, weil er auch hier ständig fehlte. Danach begann er seine Karriere als Kleinkrimineller, der seine Drogensucht durch Diebstähle und Einbrüche finanzierte. Mit 15 Jahren wurde er Vater. Im bewaffneten Kampf als Gotteskrieger verschaffte er sich, wie er aussagte, den ultimativen Kick und einen Sinn in seinem zuvor verpfuschten Leben.

Risikofaktoren für schulisches Versagen

Dies sind drei unterschiedliche Fälle, die doch wichtige Gemeinsamkeiten zeigen. Schulversagen führt häufig in die Delinquenz. Und: Schulversager kommen oft aus Familien mit Migrationshintergrund. Offensichtlich sind weder die aus dem Ausland eingewanderten Eltern noch ihre Kinder in unserer Kultur voll heimisch geworden. Die Folgen sind Orientierungslosigkeit, moralische Verwahrlosung und Hang zur Gewalttätigkeit. Die OECD schätzt deshalb den Migrationshintergrund von Schülern als deutlichen Risikofaktor ein.

Oft sind es die sprachlichen Defizite der Kinder nichtdeutscher Herkunft, die sie dazu verleiten, in Konflikten gewalttätig zu reagieren. Wenn die Worte fehlen, müssen eben die Fäuste sprechen. Wenn diese Kinder im Elternhaus die nötige Sprach- und Sozialkompetenz nicht lernen können, sollten sie dies in einer Kita tun. Laut OECD-Befund verbessert ein Kita-Besuch bei einem Kind aus schwierigen sozialen Verhältnissen (inklusive der Herkunft aus einer Migrantenfamilie) die Chancen, die Schule erfolgreich zu bestehen, um das 2,5-fache.

Deprimierende Zahlen

Seit 2012 verharrt in Deutschland die Zahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, konstant bei 5,6 %. Bis 2012 war deren Zahl noch kontinuierlich zurückgegangen. Neuerdings scheint es Faktoren zu geben, die eine weitere Reduzierung der Zahl der Schulversager verhindern. Angesichts der OECD-Beobachtungen geht man nicht fehl in der Annahme, dass die Ursachen in den sozialen Verhältnissen von Unterschichtfamilien deutscher und ausländischer Provenienz zu suchen sind. Dies kann man besonders gut in Berlin beobachten. Hier schaffte im Schuljahr 2014/2015 jeder neunte Schüler keinen Schulabschluss, das sind 6.108 Schüler. Vor einem Jahr war es nur jeder elfte gewesen. Es wird also eher schlechter als besser. Auch wenn in Berlin falsche schulpolitische Entscheidungen für diese verheerenden Zahlen mitverantwortlich sind (so die überhastete Zusammenlegung von Haupt- und Realschule), kann man nicht von der Hand weisen, dass es in der Hauptstadt verfestigte soziale Milieus gibt, in denen der Schulbesuch der Kinder und ihr Erfolg im Beruf – vorsichtig formuliert – keinen hohen Stellenwert besitzen. Das kann man schon daran ablesen, dass die Zahl der Schulversäumnisanzeigen und der Bußgeldbescheide gegen Eltern in besonders belasteten Bezirken kontinuierlich steigt.

Lösungsansätze

Was ist zu tun? Früher hat man die Tatsache, dass Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen, eher schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Man hat diese Schüler allenfalls bedauert, weil sie nicht das aus ihrem Leben machen, was ihren Anlagen entsprochen hätte. Von einer solchen Laissez-faire-Haltung sollte man sich verabschieden. Schüler, die in der Schule total versagen, schaden nämlich nicht nur sich selbst, sondern auch in hohem Maße dem Gemeinwesen. Viele von ihnen landen nach der Schule im Hartz-IV-System, aus dem sie sich nur noch schwer befreien können. Noch problematischer ist der Umstand, dass unter den jugendlichen Straftätern, vor allem unter den Intensivtätern, viele Jugendliche anzutreffen sind, die die Schule abgebrochen oder sie ohne Abschluss verlassen haben. Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen Schulversagen und Delinquenz. Wenn Jugendliche sehen, dass sie vom Konsum hochwertiger (und besonders angesagter) Konsumgüter dauerhaft ausgeschlossen sind, weil die staatliche Grundsicherung dafür nicht ausreicht, ist der Weg in die Straffälligkeit nur kurz. Die Kriminalstatistik sagt uns, dass die meisten Karrieren späterer Intensivtäter mit Ladendiebstählen begonnen haben. Am Ende stehen dann Einbruch, Raub und Schlimmeres.

Wichtigste Maßnahme zur Prävention wäre eine Kita-Pflicht für Kinder, die in für sie ungünstigen Elternhäusern aufwachsen müssen. Ein Sprachtest beim Kinderarzt oder Kinderpsychologen nach dem dritten Lebensjahr könnte schnell Aufschluss darüber geben, wer sprachlich so benachteiligt ist, dass er oder sie eine kompensatorische Sprachförderung in der Kita benötigt. Den Kritikern, die im verpflichtenden Kita-Besuch einen unverhältnismäßigen Eingriff in elterliche Erziehungsrechte sehen, kann man entgegnen, dass die elterliche Erziehung nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht darstellt. So steht es in Art. 6 unseres Grundgesetzes. Und die Vermittlung der späteren Bildungssprache Deutsch kann man durchaus als elterliche Erziehungspflicht interpretieren.

Was die Schule selbst betrifft, sollte es nicht länger gestattet sein, dass ein Schüler die Schule ohne Abschluss verlässt. Ein probates Mittel dagegen wäre die Ausdehnung der Schulpflicht auf 25 Jahre, eine Maßnahme, die vor kurzem erst für jungendliche Asylbewerber beschlossen wurde. Wenn ein Jugendlicher weiß, dass er auf alle Fälle bis zum 25. Lebensjahr zur Schule gehen muss, würde er sich vielleicht nicht länger der Schule gänzlich verweigern. Für diese „Schulpflicht nach der Schulpflicht“ ließen sich unterschiedliche fachliche und pädagogische Modelle denken. Auf alle Fälle sollte der Erwerb des Hauptschulabschlusses – in Berlin „Berufsbildungsreife“ genannt – mit berufsqualifizierenden Unterrichtsinhalten, sinnvoller Weise auch mit betrieblichen Praktika gekoppelt werden. Wenn diese Jugendlichen aus schwierigen Elternhäusern stammen, von denen sie keinerlei Unterstützung erwarten können, wäre zu überlegen, ob man sie nicht in betreuten Wohngemeinschaften unterbringt.

Eines muss man sich immer vor Augen halten: Die Kosten, die der Strafvollzug verursacht, sind allemal höher als die Summen, die man präventiv in die schulische Bildung investieren müsste, um kriminelle Karrieren von Anfang an zu vermeiden. Wir müssen endlich den Blick in die Kellerräume unseres Schulsystems richten und diejenigen mitnehmen, die bisher zu den Abgehängten zählten. Es wird sich lohnen.

 

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Eingeordnet unter Sozialer Aufstieg durch Bildung

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