Fragwürdige Experimente

Wie Bildungspolitiker mit den Lebenschancen unserer Kinder umgehen

 In unserer repräsentativen Demokratie legen wir die Geschicke unseres Landes für vier (in den Ländern fünf) Jahre in die Hand der Parlamente. Die Fraktionen, die die Regierung bilden, haben dann das Recht, die Gesellschaft nach ihren politischen Vorstellungen zu formen. Große Ausschläge nach rechts oder links sind bei einem Machtwechsel nicht zu erwarten. Dazu ist unsere Republik inzwischen zu pragmatisch geworden. Die scharfen ideologischen Kanten, die unsere Parteien noch vor 30 Jahren ausgezeichnet haben, sind abgeschliffen. Fast alle Parteien sind untereinander koalitionsfähig.

Nur in der Pädagogik haben Ideologien noch eine Heimstatt, vor allem in der Schulpolitik. Hier sind Politiker unterwegs, die die Schullandschaft nach streng weltanschaulichen Vorgaben verändern wollen. Rot-grüne Bildungspolitiker treibt dabei eine Agenda um: Sie wollen die Schule nach den Prinzipien der „sozialen Gerechtigkeit“ umgestalten. Dazu muss das dreigliedrige Schulsystem „überwunden“ werden. Das klingt, als handle es sich bei diesem schulische Prinzip um eine ansteckende Krankheit.

Oft steht der ideologische Furor in keinem Verhältnis zum pädagogischen Ertrag. Welchen Flurschaden übergroßer „pädagogischer“ Eifer anrichten kann, konnte man in Mecklenburg-Vorpommern besichtigen. Dort wurden im Februar 2015 die Ergebnisse des Grundschultests „Vera 3“ veröffentlicht. Getestet wurden die Rechtschreibleistungen der Drittklässler. Das Ergebnis war schockierend: Mehr als ein Drittel der Schüler (37,4 %) erreichten nicht einmal den Mindeststandard, den die Kultusministerkonferenz festgelegt hatte. Weitere 25,9 % erreichten dieses Minimum nur knapp. Man kann also davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Grundschüler der 3. Klasse in diesem Bundesland die deutsche Rechtschreibung nicht oder nur unzureichend beherrschten. Ein niederschmetterndes Resultat. Entsprechend zerknirscht gab sich Kultusminister Brodkorb (SPD), als er die Ergebnisse vorstellen und kommentieren musste. Er führte die Ausfälle auf eine didaktische Methode zurück, die seit einigen Jahren in die Grundschulen Einzug gehalten hat: das „lautgerechte Schreiben“. Um Schreibbarrieren bei den Kindern abzubauen, dürfen sie zwei Jahre lang ohne Regeln schreiben. Sie schreiben phonetisch, so wie sie die Wörter hören. Der dabei entstehende Text-Kauderwelsch ist oft nur schwer verständlich: „Rehnade hatt eine bunde Bluhse an.“ / „Di foirwer retete eine oile aus dem Stal.„. Linguistik-Experten haben vor diesem Verfahren schon immer gewarnt, weil es in den Köpfen die falsche Schreibweise zuerst verfestige, die man dann wieder mühsam dem regelgerechten Schreiben anpassen müsse – ein unsinniger Umweg. In SPIEGEL-online (5. 3. 2015) bezeichnete ein Kommentator die Lernmethode „Schreiben nach Gehör“ als „unterlassene Hilfeleistung“.

Der Bildungsminister führte die schlechten Rechtschreibleistungen noch auf eine andere Ursache zurück: auf die Kompetenzorientierung, die an allen Schulformen inzwischen in Konkurrenz zu den Inhalten getreten ist. Sein Land, so der Minister, werde „wieder stärker Fachinhalte vorschreiben, wozu auch ein Kanon deutscher Literatur“ zähle. „Die Relativierung der Fachinhalte durch Kompetenzbeschreibungen“ will der Minister nicht länger hinnehmen. Als Lehrer reibt man sich verwundert die Augen. In den letzten Jahren wurden die Lehrkräfte, die die Dominanz der Kompetenzen im Fachunterricht als Irrweg bezeichneten, als „rückständig“, „ewig-gestrig“, „unmodern“ gebrandmarkt. Jetzt gibt man ihnen recht, weil die Wissenslücken und Leistungsmängel bei den Schülern nicht mehr zu verbergen sind. Mich erinnert das Verhalten des Ministers an die Karikatur von Roland Beier, die Karl Marx nach dem Zusammenbruch des Kommunismus (1990) in peinlich berührter Pose zeigt: „Tut mir leid Jungs! War halt nur so ’ne Idee von mir…“

Ähnlich verhält es sich mit der Leistungsfähigkeit der Gemeinschaftsschule, dem Lieblingssteckenpferd von Rot-Grün. In Berlin schnitten im Schuljahr 2013/2014 die Schüler in dieser Schulform beim Mittleren Schulabschluss (MSA) besonders schlecht ab. Während an der Gesamtschule 88 % der Schüler den MSA schafften, waren es an der Gemeinschaftsschule nur 78 %. Im Schuljahr darauf (2014/2015) verzichtete die Schulbehörde darauf, die MSA-Ergebnisse nach Schulformen aufgeschlüsselt zu veröffentlichen. Vermutlich wusste sie, warum.

In Baden-Württemberg ist die Gemeinschaftsschule heftig umstritten. In zahlreichen Gemeinden wurde die Gründung dieser Schulform durch Volksentscheide vereitelt. Das von der SPD geführte Kultusministerium von Baden-Württemberg versucht mit allen Mitteln, das Ansehen dieser Schulform aufzupolieren. Dazu hat sie bei der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung ein Gutachten in Auftrag gegeben, das im „Ländle“ als Gefälligkeitsgutachten verspottet wird. Es kommt natürlich zu positiven Resultaten, ohne die Leistungsfähigkeit der Schulform anhand der Lernergebnisse der Schüler getestet zu haben. Positive Aussagen von „Betroffenen“ reichen für diesen Befund aus.

Die echte Leistungsfähigkeit dieser Schulform lässt sich dennoch nicht verbergen. Der Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl hat in einem Zwischengutachten für das Kultusministerium Baden-Württemberg der Gemeinschaftsschule ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Bei der Evaluation der Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule in Tübingen – einer Pionierschule des „gemeinsamen Lernens“ – stellte er fest, dass „die Lernzeiten nicht effektiv genutzt werden und zu wenig gearbeitet“ wird. Der Katalog der Mängel ist lang: Die inhaltliche Kontrolle der Lernergebnisse komme zu kurz, es gebe in den Klassen zu viele Störungen, schwächere Schüler kämen gegenüber den starken ins Hintertreffen, besonders leistungsstarke Schüler würden nicht gefördert. Im Grunde kann man sagen, dass sich alle pessimistischen Vorhersagen von Lehrern über die Krux des „individualisierten Lernens“ bewahrheitet haben (FAZ vom 17. 08. 2015).

Im Abschlussbericht des Tübinger Instituts, der im Januar 2016 veröffentlicht wurde, klingt das Urteil allerdings bedeutend milder: Diese Schulform sei den anderen weder unter- noch überlegen. Entscheidend sei ohnehin weniger die Schulform, sondern – wen wundert´s – die Arbeit der Lehrer. Unverständlich bleibt, warum sich  die Forscher bei ihrem abschließenden Urteil um das entscheidende Kriterium für die Bewertung einer Schulform herum mogeln: um die Erhebung der Lernleistungen der Schüler. Dafür interessiert sich die Öffentlichkeit doch am meisten. Sie will wissen, ob die von der Regierung favorisierte Schulform tatsächlich erfolgreicher ist als die Schulen, die von Rot-Grün immer als „rückständig“, „selektiv“ und „ungerecht“ bezeichnet werden.

Bildungspolitiker maßen sich gerne an, den Eltern die freie Schulwahl dadurch zu verwehren, dass sie bestimmte Schulformen „abwickeln“, wie z.B. die erfolgreiche Realschule, oder gar nicht anbieten, vor allem, wenn sie dem Weltbild der eigenen Partei widersprechen. In Berlin ist eine solche von der SPD wenig geliebte Schulform das „Grundständige Gymnasium“. Vor Jahrzehnten schon hat sich die SPD darauf festgelegt, in jedem der Berliner Bezirke nur ein Gymnasium ab Klasse 5 zuzulassen. Sie möchte die Berliner Besonderheit, dass die Grundschule sechs Schuljahre umfasst, nicht angetastet sehen. Dass dies eine rein ideologische Festlegung ist, kann man daran sehen, wie mit der Wahlfreiheit der Eltern umgegangen wird. Wo sie erwünscht ist, beim Zugang möglichst vieler Schüler aufs Gymnasium ab Klasse 7, wird sie selbst dann großzügig gewährt, wenn der Elternwunsch der Grundschulempfehlung widerspricht. Wenn die Eltern aber an einem beliebten Gymnasium einen grundständigen Zug ab Klasse 5 wünschen, wird dies abgelehnt.

Berlin ist eine wachsende Stadt. Zahlreiche Menschen aus aller Herren Länder lassen sich dauerhaft in der Hauptstadt nieder. Darunter sind auch viele Akademiker, Menschen aus dem Bildungsbürgertum, die für ihre Kinder die bestmögliche Ausbildung wünschen. Es grenzt an Ignoranz, diesen Neubürgern die Gymnasialform vorzuenthalten, die in allen anderen Bundesländern zum Erfolgsmodell geworden ist. Das Ergebnis wird sein, dass in Berlin noch mehr Privatschulen als ohnehin schon gegründet werden, die dann den Bedarf an leistungsstarken Gymnasien decken werden.

Die hier dargestellten Beispiele werfen die Frage auf, ob die Politiker, die für die Schulpolitik zuständig sind, tatsächlich eine Legitimation dafür zu besitzen, so tiefgreifend in die Lebenschancen von Kindern einzugreifen, wie sie es ständig tun. In der Medizin wäre es undenkbar, dass Politiker, die vor allem ideologisch unterwegs sind, der Ärzteschaft vorschreiben wollten, welche Behandlungsmethoden sie anzuwenden haben: Bachblüten statt Herzoperation. In der Pädagogik, dem beliebtesten aller Experimentierfelder, sind solche Eingriffe üblich und werden von den Politikern ohne Gewissensbisse praktiziert. Es wird Zeit, dass sich die Betroffenen – Eltern, Schüler und Lehrer – mit dem Sachverstand, den sie in Bezug auf die Schule besitzen, gegen solche anmaßenden Zumutungen zur Wehr setzen. Dies gebietet der Respekt vor unseren Kindern.

 

 

 

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Schulformdebatte, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

2 Antworten zu “Fragwürdige Experimente

  1. Wieso wird eigentlich Rot-Grün namentlich erwähnt, wenn die Einführung des Schreibens mit Anlauttabelle, die Abschaffung der Leistungskurse und die ganze Kompetenzorientierung in BaWü auf CDU-Mist gewachsen ist? Die Grundschulen hierzulande hat Schwan ruiniert, und auch die Verwandlung des Gymnasiums in die neue Volksschule geht auf das Konto der Schwarzen. Sind unsinnige Entscheidungen in der Bildungspolitik nur dann schlecht, wenn sie von links kommen?

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