Wie die Friedrich-Ebert-Stiftung eine umstrittene Schulreform schönredet

Als bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im Jahre 2011 die grün-rote Regierung an die Macht kam, machte sie sich sofort ans Werk, das bis dahin sehr erfolgreiche Schulsystem gehörig „umzupflügen“. Zentrum der „Schulreform“ war die Gründung von Gemeinschaftsschulen, mit deren Hilfe das Kernanliegen von Grün-Rot, ein (sozial) „gerechtes Schulsystem“ verwirklicht werden sollte. Da an dieser Schulform die Spreizung der Begabungen bei den Schülern sehr groß ist, kann der Unterricht nicht mehr im Klassenverband stattfinden, er wird deshalb individualisiert. Jeder Schüler arbeitet einen auf sein Leistungsvermögen abgestimmten Lernplan ab.

Vier Jahre später ist Ernüchterung eingekehrt. Weder die Wissenschaft noch die Eltern sind von dieser Schulform völlig überzeugt, weil sich nicht nur bei den Schülern Leistungsdefizite gezeigt haben, sondern weil im Unterricht Begleiterscheinungen zu beobachten waren, die man kaum als „sozial“ bezeichnen kann. Einige Eltern sprechen sogar von einer perfiden Form der Selektion innerhalb der Schülerschaft, die die Individualisierung des Lernens mit sich gebracht habe.

Deshalb wundert es einen nicht, dass die grün-rote Landesregierung kurz vor den nächsten Wahlen im März 2016 Anstrengungen unternimmt, das mäßige Image der Gemeinschaftsschule aufzupolieren. Dass es ihr dabei nicht darum geht, objektive Erkenntnisse über die tatsächliche Qualität der neuen Schulform zu gewinnen, kann man daran ablesen, dass sie die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Aufgabe betraut hat, die grün-rote Schulreform zu bewerten.

Ende 2015 hat die Stiftung ihre Studie vorgestellt. Sie trägt den Titel: „Kontrovers, aber erfolgreich? Eine Zwischenbilanz grün-roter Bildungsreformen in Baden-Württemberg“. Schon der Untertitel ist verräterisch: „Ergebnisse einer qualitativen Studie mit Erkenntnissen aus Experten-Interviews und Fokusgruppen“ (Unterstreichung von mir, R.W.). Die Studie besteht letztlich aus der Bewertung von subjektiven Antworten auf die Fragen der Interviewer. Die dabei benutzten Fragestellungen werden in der Studie nicht wiedergegeben, so dass eine Überprüfung auf ihren objektivierenden Charakter nicht möglich ist. Jeder, der schon einmal mit subjektiven Befragungen zu tun hatte, weiß, die wenig aussagekräftig sie sein können, weil sich in den Antworten der Befragten sachfremde Motive verbergen können. Wenn man z.B. einen Schüler fragt, ob er mit seiner Schule zufrieden ist, kann die Antwort „Ja“ Unterschiedliches bedeuten: Ihm gefällt die Schule, weil er dort gute Kameraden gefunden hat oder weil ihm das Mensa-Essen schmeckt.

In der Studie wird auf die beiden grundlegenden Ziele rekurriert, die die grün-rote Landesregierung zum Ausgangspunkt ihrer Schulreform erklärt hatte:

  • die Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit
  • die Steigerung der Bildungsqualität

Der bei weitem größte Anteil der Urteile der Befragten bezieht sich auf den ersten Punkt. Ausführlich werden Aussagen referiert, die betonen, dass sich durch die Gemeinschaftsschule die Bildungsgerechtigkeit verbessert habe, weil der selektive Charakter des gegliederten Schulsystems überwunden worden sei. Durch die Ganztagsangebote sei zudem noch am Nachmittag eine Förderung der Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern möglich.

Über den zweiten Zielpunkt von Grün-Rot, die Steigerung der Bildungsqualität, macht die Studie so gut wie keine validen Aussagen. Es wird sogar behauptet, sie lasse sich nicht messen, weil „die Aussichten [darüber] weit auseinandergehen, was unter qualitativ hochwertiger Bildung zu verstehen ist.“(S. 38)

Diese Aussage ist natürlich falsch. Es gibt in der pädagogischen Wissenschaft sehr wohl Parameter, mit deren Hilfe man z.B. den Lernfortschritt von Schülern, ihren Wissenszuwachs und ihren Kompetenzgewinn, messen kann. Wenn dies nicht möglich wäre, gäbe es weder die PISA-Vergleichstests der OECD noch nationale Vergleichstests wie TIMSS und schulische Vergleichsstudien wie VERA. All diese Vergleichstests messen die Leistungen von Schülern anhand objektiver Kriterien, die belastbar sind, weil sie auf der Messung von Lernprozessen und Wissensbeständen beruhen. Wenn man nur subjektive Befragungen durchführt, kann man keine vernünftige Aussage über die Leistungsfähigkeit eines didaktischen Konzepts wie des individualisierten Lernens oder die Qualität einer ganzen Schulform erhalten. Kein Schüler wird auf die Frage, ob er in Mathe etwas gelernt habe, mit „Nein“ antworten. Und jede Lehrkraft wird die Frage, ob sie ihren Schülern in Englisch etwas beigebracht hat, vollmundig mit „Ja“ beantworten. Dort, wo in der Studie Schülerantworten zum didaktischen Konzept wiedergegeben werden, wird die Begründung für die Schülermeinung weggelassen. Es heißt nur lapidar: „Die Schüler begrüßen die neuen Möglichkeiten des individualisierten Lernens […]“. Warum? Weshalb? Das erfährt man leider nicht.

Die Antworten der Befragten werden über ihren rein subjektiven Charakter hinaus noch dadurch entwertet, dass es sich zumindest bei den Schulleitern und den Lehrkräften nicht um eine repräsentative Auswahl handelt. Die Studie betont, dass „die Einführung der Gemeinschaftsschule auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhte“ (S. 41). Deshalb wird anzunehmen sein, dass die befragten Lehrkräfte überzeugte Anhänger dieser Schulform sind, die über die von ihnen favorisierte Schulform wohl kaum ein negatives Urteil abgeben würden. Schon deshalb ist es verfehlt, die „Bildungsqualität“ mittels eines Frage-Antwort-Verfahrens ermitteln zu wollen.

Wäre den Verfassern der Studie wirklich daran gelegen gewesen, die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaftsschule zu messen, hätte es ein probates Verfahren gegeben. Sie hätten nur die Schulabschlüsse der neuen Schulform (Mittlerer Schulabschluss MSA, Hauptschulabschluss) mit den Schulabschlüssen vergleichen müssen, die die Vorgängerschulen (in der Regel Haupt- und Werkrealschulen) vor ihrer Fusion zur Gemeinschaftsschule erzielt haben. In Berlin hat die Schulverwaltung solche Ergebnisse veröffentlicht. Sie ergaben ein klares Bild: die Schulabschlüsse an den neu gegründeten Gemeinschaftsschulen sind schlechter ausgefallen als an den Schulen vor ihrer Zusammenlegung. Lehrer hat dieses Ergebnis nicht überrascht, weil sie wissen, dass das Lernen in einer homogenen Lerngruppe besser gelingt als in einer heterogen zusammengesetzten – gleichgültig, welche Lernmethode angewandt wird.

Dass es auch anders geht, hat der Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl bewiesen. Er hat für das Kultusministerium Baden-Württemberg ein Gutachten über die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaftsschule erstellt. Um zu belastbaren Ergebnissen zu kommen, hat er den Unterricht an der Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule in Tübingen, einer Pionierschule des „gemeinsamen Lernens“, beobachtet und auch Lernergebnisse ausgewertet. Das Zeugnis fällt insgesamt schlecht aus. Das Gutachten stellt fest, dass „die Lernzeiten nicht effektiv genutzt werden und zu wenig gearbeitet“ wird. Der Katalog der Mängel ist erschreckend: Die inhaltliche Kontrolle der Lernergebnisse komme zu kurz, es gebe in den Klassen zu viele Störungen, schwächere Schüler kämen gegenüber den starken ins Hintertreffen, besonders leistungsstarke Schüler würden nicht gefördert. Im Grunde kann man sagen, dass sich an dieser Schule alle pessimistischen Vorhersagen von Lehrern über die Krux des „individualisierten Lernens“ bewahrheitet haben (FAZ vom 17. 08. 2015).

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Man wird eine Grundtatsache unseres Lebens nicht außer Kraft setzen können: Bildung ist nie „sozial gerecht“. Geistesgaben und familiäre Anregungen kann man nicht von einem Kind auf das andere umverteilen. Leistungsstarke und leistungsschwache Schüler gemeinsam zu unterrichten, wird an diesem Dilemma nichts ändern. Der „sozialen Gerechtigkeit“ würde am ehesten dadurch Genüge getan, wenn jeder Schüler die in ihm schlummernden Begabungen optimal entfalten könnte. Wenn er dies in einer homogenen Lerngruppen – egal wie die Schulform sich dann nennt – am besten kann, sollte er in einer solchen unterrichtet werden. Alles andere ist der hilflose Versuch, Bildungspolitik durch Sozialpolitik zu ersetzen.

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Rolle des Lehrers, Schulformdebatte, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

3 Antworten zu “Wie die Friedrich-Ebert-Stiftung eine umstrittene Schulreform schönredet

  1. Hat dies auf Matthias Hofer rebloggt und kommentierte:
    So wird das wohl auch für das Tiroler Zillertal und Vorarlberg funktionieren …

  2. Pingback: Keine überprüfbaren Aussagen bei der Auftragsstudie | Schulforum-Berlin

  3. Pingback: Fragwürdige Experimente | Für eine gute Schule

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