Klassenziel nicht erreicht – Wie in der Hauptstadt eine Schulreform missrät

Vor vier Jahren gründete die von der SPD geführte Schulverwaltung zwei neue Schulformen. Haupt- und Realschulen wurden zur Integrierten Sekundarschule zusammengelegt, die Gemeinschaftsschule wurde als Einheitsschule neu gegründet. Zwei Ziele sollten mit dieser Reform erreicht werden. Die ungeliebte Hauptschule, die als Restschule gebrandmarkt war, sollte abgeschafft werden. Die beiden neuen Schulen sollten das sozialpolitische Postulat der Gerechtigkeit – keine Selektion der Schüler mehr nach Begabungen – verwirklichen. Die Sekundarschule besuchen Schüler, die nach der Grundschule den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen. Auf die Gemeinschaftsschule gehen Schüler aller Begabungen, also vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten. Eltern begabter Kinder wählen manchmal aus sozialen Gründen für ihr Kind die Gemeinschaftsschule. Trotz seiner guten Geistesgaben soll es sich nicht von den „normalen“ Kindern separieren.

In der Gründungsphase dieser beiden Schulformen wurden Proteste von Betroffenen (vor allem aus den Realschulen) ignoriert und ihre Bedenken, die neuen Schulformen würden zu einer Verschlechterungen der Leistungen führen, als Schwarzmalerei abgetan. Vertreter des Schulamtes verstiegen sich zu der optimistischen Prognose, die Hauptschüler würden sich, wenn sie erst einmal aus ihren Ghetto-Schulen befreit seien, dem Verhalten und dem Leistungswillen der Realschüler anpassen – zum Nutzen aller.

Durchwachsene Bilanz

Nach vier Jahren kann man gut Bilanz ziehen, weil der erste Durchlauf durch die Sekundarstufe I abgeschlossen ist. Der erste Schülerjahrgang, der die neuen Schulformen von Anfang an besucht hat, hat im Sommer 2015 den Mittleren Schulabschluss (MSA) abgelegt. Die Schulsenatorin hat die aktuellen MSA-Ergebnisse im Oktober 2015 selbst veröffentlicht. Die Resultate sind alles andere als berauschend. Ein Ergebnis schaffte es sogar auf die erste Seite einer Berliner Tageszeitung: Jeder neunte Zehntklässler erreichte im Schuljahr 2014/15 keinen Abschluss. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Verschlechterung um zwei Prozentpunkte (von 9% auf 11% der Schüler). Die Verheißungen der Politik, die neuen Schulformen würden zu besseren Lernergebnissen führen, haben sich also nicht erfüllt.

Zur Erläuterung für Nicht-Pädagogen: Der Mittlere Schulabschluss (MSA) ersetzt die frühere Mittlere Reife. Er erlaubt entweder den Übergang auf die Gymnasiale Oberstufe oder die Aufnahme einer betrieblichen oder handwerklichen Ausbildung. Beim Berliner Mittleren Schulabschluss werden die Schüler in den drei Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik geprüft. Zusätzlich müssen sie in einem Wahlfach eine Präsentationsprüfung (Vortrag mit visueller Unterstützung) absolvieren. Unter Lehrern gilt die MSA-Prüfung als sehr leicht. Am Gymnasium bestehen   97% aller Schüler die Prüfung. In Deutsch z.B. bestehen die Aufgaben zu 80% aus Multiple Choice-Fragen, nur zu 20% müssen die Schüler einen eigenen Text verfassen. Statistiker haben errechnet, dass man den Deutsch-Test sogar besteht, wenn man die Kreuze nach dem Zufallsprinzip setzt.

Wenn an einer Schulform jeder 9. Schüler den Abschluss in der 10. Klasse (MSA) nicht schafft, ist das ein klarer Ausweis des Versagens. Warnzeichen hat es zuvor genügend gegeben. Schulleiter und Lehrkräfte von Sekundarschulen haben schon vor längerer Zeit öffentlich (und offenherzig) darüber berichtet, dass die Mischung von Haupt- und Realschülern in einer Klasse zu massiven Lernschwierigkeiten geführt habe. Oft sei ein geordneter Unterricht nicht möglich, weil die Hauptschüler, die eine geringe Lernmotivation aufweisen, die lernwilligen Schüler am Lernen hindern. Die ursprüngliche Prognose der Schulverwaltung hat sich also ins genaue Gegenteil verkehrt: Die Realschüler kommen in den gemischten Klassen unter die Räder, weil die Hauptschüler das Niveau und auch das Lernklima bestimmen. Wie jeder erfahrene Lehrer weiß, können wenige Störenfriede das ganze Klima in einer Klasse zum Kippen bringen. Was von der Politik als gute, „soziale“ Tat gedacht war, erweist sich letztlich als unsozial, wenn diejenigen, die nicht lernen wollen oder können, die Lernwilligen am Lernen hindern. Würde man in anderen Bereichen der Gesellschaft solche Leistungsminderungen dulden? Etwa im Betrieb, in Sport und Kultur? Wohl kaum. Das Feindbild „Selektion“ macht es möglich.

Sündenfall: Fusion zweier unverträglicher Lernkulturen

Der Sündenfall bestand darin, zwei sehr unterschiedliche Schulformen mit stark divergierenden Lernkulturen miteinander verschmolzen zu haben: Hauptschule und Realschule. Die Realschule hat   ihre Wurzeln im Mittelalter. In Klosterschulen wurde eine Bildung vermittelt, die auf der Erkenntnis des Realen, der Gegenstände dieser Welt, fußte. Die berühmten Humanisten Erasmus, Agricola und Morus forderten neben der „Sprachbemeisterung“ die „Sachbemeisterung“, weil sie den Kindern den Schlüssel zum Verständnis der gegenständlichen Welt an die Hand gebe. Der evangelische Theologe Johann Julius Hecker schuf im 18. Jahrhundert die Form der praxisorientierten Realschule, die das Muster für alle Realschulen bis heute abgeben sollte. In der Realschule wird eine erweiterte Grundbildung vermittelt. Der Unterricht ist praxisbezogen, die Berufswahlvorbereitung nimmt einen breiten Raum ein. In manchen Bundesländern hat diese Schulform ein großes Gewicht. In Baden-Württemberg besucht etwa ein Drittel aller Schüler die Realschule. Moderne, der Reformpädagogik verpflichtete Prinzipien, wie der fächerverbindende Unterricht, strahlen von Baden-Württemberg auf das ganze Land aus. Diese anregende Unterrichtskultur schlug sich auch in den PISA-Ergebnissen nieder. Bayern und Baden-Württemberg haben auch deshalb Spitzenplätze belegt, weil in diesen Ländern die Realschulen besonders gut abgeschnitten haben. Die Schüler an der Realschule gelten als „pflegeleicht“, weil sie insgeheim die Hoffnung hegen, durch Fleiß und Anstrengung doch noch den Übergang aufs Gymnasium schaffen zu können. Nach dem MSA-Abschluss ist das in den meisten Bundesländern möglich.

Die Hauptschule ging Ende der 1960er Jahre aus den Klassen 5 bis 8 der damaligen Volksschule (heute Grundschule) hervor. Nach der Verlängerung der Schulpflicht um zwei Jahre umfasst sie heute die Klassenstufen 5 bis 10. Die Schüler machen den Hauptschulabschluss, der zur Aufnahme einer Berufsausbildung berechtigt. Heute gibt es nur noch in sechs Bundesländern Hauptschulen. In allen anderen wurde die Hauptschule mit der Realschule fusioniert, wie auch in Berlin. Der Unterricht an der Hauptschule hat sich ganz dem Ziel der Berufsreife der Schüler verschrieben. Deshalb ist er sehr praxisbezogen und handlungsorientiert. Die Wissenschaftsorientierung ist nur gering ausgeprägt. Das Fach Arbeitslehre wird verstärkt unterrichtet, in einigen Bundesländern ersetzt es sogar als Hauptfach das Fach Englisch. Hauptschüler sind in der Regel Schüler, denen es schwer fällt, abstrakte Lernprozesse zu verstehen. Ihre eigene Schreibfähigkeit ist zudem eher unterdurchschnittlich ausgeprägt. Ihnen kommt ein Unterricht zugute, der sich einem Ziel verschreibt: den Schülern die elementaren Kulturtechniken zu vermitteln, die sie benötigen, um in der beruflichen Ausbildung – vor allem in der Berufsschule – zu bestehen. In Bayern und Baden-Württemberg arbeiten die Hauptschulen sehr erfolgreich. Ein praxisnaher Lehrplan, kleine Klassen von 15 Schülern, motivierte Lehrer und eine enge Kooperation mit Handwerks- und Industriebetrieben bewirken, dass kaum ein Schüler die Schule verlässt, ohne eine Lehrstelle gefunden zu haben.

Auch ein pädagogischer Laie kann sich unschwer vorstellen, dass es zu großen Verwerfungen führen muss, wenn man diese beiden unterschiedlichen Lernkulturen zusammenführt. In den großen Klassen von 25 Schülern gehen die Hauptschüler hoffnungslos unter. Ihnen fehlt die Zuwendung und die hautnahe Förderung, die sie früher von Seiten der Lehrer genossen haben. Jetzt gilt für sie das Prinzip: Vogel friss oder stirb! Es nimmt nicht wunder, dass sie durch Verhaltensauffälligkeiten negativ auf sich aufmerksam machen. Es ist ein unreflektierter Protest gegen die Zumutungen einer Reform, die aus vorgeblich sozialen Gründen für sie Unsoziales bewirkt: im Unterricht abgehängt zu werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Berliner Schulsenat Differenzierungsmodelle vorschreibt, die das Problem nicht lösen. Da die äußere Fachleistungsdifferenzierung nicht verbindlich vorgeschrieben ist, sondern nur eine Option darstellt, bleiben nur die Binnendifferenzierung (Partner- und Gruppenarbeit) oder das besonders umstrittene Konzept des individuellen Lernens. Mit beiden didaktischen Modellen schaffen es die beiden neuen Schulformen anscheinend nicht, ihre Schüler optimal auf die Abschlussprüfung vorzubereiten.

Sind die Ausländer an der Misere schuld?

Berlins Schulen schneiden beim innerdeutschen Ländervergleich regelmäßig schlecht ab. Zusammen mit Bremens Schulen belegen die Schulen der Hauptstadt in der Rangfolge der Bundesländer die letzten beiden Plätze. Die Bildungsverwaltung von Berlin (SPD) führt dies in ihren Stellungnahmen stets auf den hohen Ausländeranteil in Berlins Bevölkerung zurück, der sich auf die Schulen auswirke und das Lernen und Unterrichten schwieriger mache. Dass dies eine Schutzbehauptung ist, lässt sich leicht beweisen. Berlins Ausländeranteil an der Bevölkerung beträgt „nur“ 27,4%, während er in München 37,7%, in Frankfurt/M. 39,5% und – das ist bundesdeutscher Rekord – in Stuttgart 40% beträgt. Die Schulen dieser Großstädte – vor allem die in Stuttgart und München – schneiden beim Leistungsvergleich bedeutend besser ab als die Schulen Berlins. Es liegt also nicht am Ausländeranteil, sondern an etwas für die Schule ganz Elementarem: In Baden-Württemberg (Stuttgart) und in Bayern (München) ist die Kultur der Leistung in der Schule noch intakt und wird auch nicht hinterfragt, während sie in Berlin offensichtlich unter die Räder gekommen ist. Wenn die Sekundarschulen ihr Differenzierungsmodell nicht frei nach fachdidaktischen Erwägungen wählen dürfen, muss das der Leistung der Schüler abträglich sein. Die Abkehr vom Leistungsprinzip in der Schule schadet allen Schülern, weil sie nicht mehr wissen, was die von ihnen erbrachten Leistungen wirklich wert sind. Die Gymnasiasten werden es spätestens merken, wenn sie im Hörsaal einer Universität sitzen – und an den universitären Leistungsanforderungen scheitern. Die Schüler der Sekundarschulen merken es, wenn sie eine Lehre abbrechen müssen, weil sie den Anforderungen der Berufsschule nicht gewachsen sind.

Ausweg: Gesamtschule

Für Berlin sehe ich nur einen Ausweg: Die Sekundarschulen müssen das Konzept der klassischen Gesamtschule  verbindlich übernehmen: die Einteilung der Schüler in Fachleistungskurse. In dieser bewährten Schulform führt die  Leistungsdifferenzierung nach Kursen  nämlich dazu, dass homogene Lerngruppen zustande kommen, die ein effektives Lernen ermöglichen. Die Auf- und Abstiegsmöglichkeiten im Kurssystem bewirken zudem, dass die Schüler immer in dem Kurs sitzen, dessen Niveau sie bewältigen können. Auf- und Abstiege sind nach jedem Schuljahr möglich. Ohne es offen zuzugeben, bildet die Gesamtschule das dreigliedrige Schulsystem in ihrem Inneren getreulich ab. Die Gesamtschulplaner haben offensichtlich erkannt, dass nur das Plausible – die homogene Schülermischung – Erfolg verspricht. Deshalb ist für mich die Gesamtschule   das kleinere Übel gegenüber einer Schulform, die um der sozialen Gleichheit willen Schüler aller Begabungen in einer Klasse unterrichtet (Sekundarschule). Sie ist auch besser als eine Schulform, die im Inneren völlig auf die Vereinzelung der Schüler setzt, weil man ihnen unterstellt, sie hätten den größten Lernerfolg und den optimalen Lern-Spaß dann, wenn sie als Einzel-Lerner unterwegs sind (Gemeinschaftsschule).

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich noch einmal in eine Situation kommen würde, dass ich die Gesamtschule, in der ich gegenüber dem gegliederten Schulsystem immer die schlechtere Alternative sah, verteidigen muss. Die Schulpolitik in Berlin hat´s möglich gemacht. Wenn einem noch Schlechteres serviert wird, ist das Schlechte mitunter das Bessere. Also: Zurück zur Gesamtschule.

 

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