Wie das Streben nach Gleichheit in der Bildung die Vielfalt beschädigt

Zur Zeit gibt es in allen Bundesländern einen Run auf das Gymnasium. Denn diese Schulform genießt bei Eltern und Schülern die höchste Wertschätzung. Außer Bayern und Sachsen verzichten alle Bundesländer inzwischen beim Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium auf Leistungskriterien. Es zählt nur noch der Elternwille. Lehrer wissen aus Erfahrung, dass Eltern allzu gerne die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder überschätzen. Deshalb finden immer mehr Kinder den Weg aufs Gymnasium, die dann im Unterricht überfordert sind. Und viele Gymnasien können die Schülerströme nicht mehr aufnehmen. In Frankfurt/Main haben sich für das Schuljahr 2015/16 56% des aktuellen Grundschuljahrgangs an Gymnasien angemeldet. Dies ist bundesweiter Rekord. Weil die drei besonders beliebten innerstädtischen Gymnasien hoffnungslos überfüllt sind, wurde ein Teil der Schüler auf Gymnasien am Stadtrand umgelenkt. Dies führte zu wütenden Protesten der Eltern auf der Straße und zu vielen gerichtlichen Klagen. Auch bildungsbürgerlich geprägte Menschen können rabiat sein, wenn es um ihre Interessen und die ihrer Kinder geht.

In der hessischen Verfassung steht, dass der Übergang von der Grundschule zur höheren Schule „nur von der Eignung des Schülers abhängig zu machen“ sei. In Hessen (und auch in anderen Bundesländern) werden solche Verfassungspostulate offensichtlich missachtet. Die Politiker schrecken vor einer Konfrontation mit den Eltern zurück, die ihr Kind partout auf dem Gymnasium sehen wollen – unabhängig von seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit. Am weitesten kommt den Eltern das Kultusministerium in Baden-Württemberg entgegen. Dort dürfen die Gymnasien bei der Aufnahmeprozedur nicht einmal die Grundschulzeugnisse der Schüler einsehen. Die Botschaft ist deutlich: Auf dem Gymnasium sind alle willkommen! Hamburg hat per Gesetz verfügt, dass Schüler, die einmal den Weg aufs Gymnasium gefunden haben, bis zum Mittleren Schulabschluss dort verbleiben dürfen, auch wenn sie im Unterricht überfordert sind.  Auf diesem Wege mutieren die Gymnasien schleichend zu „Gesamtschulen light“. Unterwanderung ist, wie man aus anderen Politikfeldern weiß, manchmal effektiver als Konfrontation.

In der Bildung hat sich ein Begriff von Gleichheit breit gemacht, der in anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht denkbar wäre. Im Sport gilt ein rigides Leistungsprinzip. Im Profibereich gehen nur die Besten an den Start. Für Weltmeisterschaften und Olympische Spiele gibt es harte Ausscheidungswettbewerbe. Und kein Mensch käme auf die Idee, in die Fußball-Nationalmannschaft oder in Bundesliga-Mannschaften einige Kreisligaspieler aufzunehmen, um der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit Genüge zu tun.

Auch im Showbusiness goutiert man die Leistung. In der TV-Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ wurde einem Millionenpublikum vorgeführt, wie ruppig die Auslese sein kann, wenn sie ausschließlich nach Leistungskriterien erfolgt. Soziale Sentimentalitäten hatten in der beliebten Show keinen Platz. Der „Kommission für Jugendmedienschutz“ (KJM) ging der sozialdarwinistische Touch der Sendung so gegen den Strich, dass sie im Januar 2007 ein Prüfverfahren zu DSDS wegen „möglicher sozialethischer Desorientierung von Kindern und Jugendlichen“ einleitete.

Im Wirtschaftsleben gilt die Regel, dass nach Leistung entlohnt wird – sieht man vom üppigen Salär einiger Dax-Vorstände ab. Selbst die Gewerkschaften kämen nie auf die Idee, gleiche Entlohnung für alle – unabhängig von der Tätigkeit und der Qualifikation der Arbeitnehmer – zu fordern. In der DDR konnte man besichtigen, wohin radikale Egalität in der Entlohnung führt: zur Erosion der Leistungsfähigkeit einer ganzen Volkswirtschaft.

Nur in der Bildung soll alles ganz anders sein. Dort verabscheut man das Leistungsprinzip, weil es Eltern anscheinend nicht ertragen können, wenn dem eigenen Kind attestiert wird, dass es weniger intelligent ist als des Nachbarn Kind. Anscheinend ist es kränkender, weniger intelligent zu sein als weniger sportlich oder musikalisch. Lehrern ist die Erfahrung geläufig, dass Eltern verbissen um das vermeintliche Wohl ihrer Kinder kämpfen. Wenn Petra in der Mathe-Arbeit eine Fünf geschrieben hat, kann es passieren, dass der „sachkundige“ Vater dem Mathelehrer nachzuweisen versucht, dass die Aufgabe falsch gestellt war. Dass alle anderen Schüler damit gut zurande kamen, ficht ihn nicht an. Er kann nur nicht zugeben, dass seine Tochter die Rechenoperationen offensichtlich nicht verstanden hat.

Gleichheit in der Bildung wird nie herzustellen sein, weil es Gleichheit bei den intellektuellen Voraussetzungen der Kinder nie geben wird. Geistesgaben sind so ungleich verteilt wie Haarfarbe, körperliche Konstitution oder Musikalität. Dies liegt daran, dass auch das intellektuelle Vermögen eines Menschen dem genetischen Vererbungsprinzip unterliegt. Es ist schon merkwürdig, dass gerade die Menschen – vornehmlich Menschen im   linken politischen Spektrum – , die im gesellschaftlichen Leben die Vielfalt als Fetisch verehren („Vielfalt statt Einfalt“) in der Bildung das genaue Gegenteil verlangen. Hier gilt das Beharren auf Divergenz und Differenzierung als „unmenschlich“, „selektiv“ und „unsozial“.

Die Politologin Hannah Bethke nennt den radikalen Gleichheitsbegriff in der Bildung „antiaufklärerisch“ (FAZ vom 14. 07. 2015). Die Forderung nach allumfassender Gleichheit „widerspricht […] der Annahme, dass jeder Mensch einzigartig sei, und unterminiert die Vorstellung eines mündigen, urteilsfähigen Menschen.“ (ebd.) Die Erfinder der Menschenrechte im Jahrhundert der Aufklärung, die französischen Revolutionäre, wussten, weshalb sie „nur“ die Gleichheit der Menschen vor der Gesetz und hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Status als Staatsbürger forderten, nicht aber die Gleichheit der Lebensbedingungen. Sie wussten, dass dies schlechterdings in einer freien Gesellschaft nicht verwirklichbar wäre, weil sich die Menschen aufgrund unterschiedlicher persönlicher Voraussetzungen unterschiedlich entwickeln und sich dadurch ungleiche Lebensbedingungen herausbilden. Den radikalen Jakobinern und Sanscoulotten blieb es vorbehalten, auch hier die Schere der Gleichheit anzusetzen und die Gleichheit der Lebensbedingungen zu erzwingen, letztlich mit Hilfe der Guillotine. Die Forderung nach Gleichheit in der Bildung hat immer auch einen totalitären Touch, weil sie die Unterschiedlichkeit der Menschen missachtet, ja den Gedanken, dass es unüberbrückbare Differenzen zwischen den Menschen geben kann, nicht einmal mehr zulässt.

Die Gleichheit in der Bildung kann man – so die Logik der Bildungspolitiker – nur näher kommen, wenn man die Anforderungen an den höheren Schulen, vor allem am Gymnasium, absenkt. Die weniger leistungsfähigen Schüler können nur zu den leistungsstarken aufschließen, wenn man das zu erreichende Ziel tiefer hängt. Wie das am Gymnasium funktioniert, wurde hinreichend nachgewiesen. Auch ich habe an an anderer Stelle  darüber geschrieben (Blog-Beträge“: „Literarische Magerkost“ und „Die wunderbare Intelligenzvermehrung“). Wenig beachtet wurde dabei, wie sich die Absenkung des Niveaus sozial auswirkt. Kinder aus dem Bildungsbürgertum werden zunehmend außerhalb der Schule gefördert oder sie gehen gleich auf Privatschulen, die den Trend zur „Ermäßigung der Leistungen“ nicht mitmachen. Bildungsbeflissene Eltern wissen, dass ihre Kinder für die erfolgreiche Bewältigung des Studiums ein Wissen benötigen, das durch das „Zertifikat Abitur“ immer weniger abgedeckt ist. Die hohen Abbruchquoten an unseren Universitäten – im Durchschnitt aller Fächer 33% – sprechen Bände. Bildungsbewusste Eltern sorgen deshalb vor und sichern ihren Kindern eine Ausbildung jenseits des egalitären Einerleis der staatlichen Schule. Es entbehrt deshalb nicht einer bitteren Ironie, dass die radikalen Verfechter der Gleichheit in der Bildung das genaue Gegenteil forcieren: soziale Ungleichheit.

Wie ein der Gleichheit verpflichtetes Schulsystem beschaffen ist, kann man in den USA besichtigen. Dort gibt es im staatlichen Bereich nur Gesamtschulen. Beim zweiten PISA-Test (2003) erreichten die amerikanischen Schüler im Vergleich von 38 teilnehmenden OECD-Staaten nur unterdurchschnittliche Leistungen. In Mathematik belegten sie den 24. (16.), in Naturwissenschaften den 19. (15.), im Lesen den 12. (19.) und bei den Problemlösungsfähigkeiten den 26. (13.) Platz (In Klammern der Rang der deutschen Schüler). Eine Zahl ist besonders deprimierend: 8,1% aller Schüler verlassen die High School  ohne Abschluss. In Deutschland ist die Zahl der Schulabbrecher in den letzten fünf Jahren immerhin von 8% auf 5,6% zurückgegangen. Aber auch diese Zahl ist für ein „Bildungsland“ (Angela Merkel) noch viel zu hoch.

Dass die amerikanischen Wirtschaft immer wieder aufs Neue mit hervorragenden technischen Innovationen glänzt (Beispiel: Silicon Valley), liegt ausschließlich am hochwertigen Sektor der privaten Schulen, die nur von ca. 10% aller Schüler besucht werden. Auch die (teuren) Universitäten sind überwiegend Spitze. Fazit: In den USA gibt es ein (kostenloses) leistungsschwaches öffentliches und ein (kostenpflichtiges) leistungsstarkes privates Schulsystem. Magere Einheitskost für die Mehrheit, reichhaltige und gesunde Kost für die Minderheit. Aber der Gleichheit ist Genüge getan. In unserem Land sind wir gerade dabei, das kostenlose und bisher auch recht leistungsfähige öffentliche Schulsystem zu beschädigen.

Ob unseren Verfechtern der Gleichheit bewusst ist, was sie anrichten?

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern

Eine Antwort zu “Wie das Streben nach Gleichheit in der Bildung die Vielfalt beschädigt

  1. Gleichbehandlung schadet sicher nicht im Groben, jedoch im Kleinen. Vor allem wenn auf integrative Förderung und motiviertes Lernen in einer Privatschule Zürich umgesetzt wird. Durch die Gleichbehandlung werden spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten missachtet oder sogar unterdrückt. Genau dieses versucht die Privatschule Zürich Nord zu vermeiden und bietet daher eine Vielzahl an Kursen an, welche in der Ganztagesschule für Kinder Zürich und Ganztagesschule für Jugendliche Zürich auf spezielle Kenntnisse abzielt um die Schüler bestens zu fördern und keine Gleichheit zu bilden.

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