Wunderbare Intelligenzvermehrung

Wie die Verbesserung der Abiturnoten zu Lasten der Leistung geht

In Deutschland wird inzwischen alles getestet: Vom elektrischen Eierkocher bis zum Seniorenheim wird alles einer akribischen Prüfung unterzogen und die Ergebnisse in Test-Zeitschriften veröffentlicht. Wenn „Stiftung Warentest“ über eine Marke den Daumen senkt, kann dies für sie das Aus bedeuten. Lange haben sich Bildungspolitiker dagegen gesträubt, die Qualität der Schulen, für die sie zuständig sind, messen zu lassen. Allzu durchsichtig waren dabei ihre Motive. Sie wollten sich die eventuell schlechten Ergebnisse nicht zurechnen lassen. Und sie wollten vor allem nicht den Zorn der Eltern auf sich ziehen. Schulpolitische Eruptionen können nämlich Wahlen entscheiden.

Seit die OECD die PISA-Studie ins Werk gesetzt hat (die erste Test-Runde war im Jahre 2000), können sich unsere Bildungspolitiker dem Test-Trend nicht mehr entziehen. Seither sind auch innerdeutsche Testverfahren für Unterrichtsfächer und Schulstufen nicht mehr zu vermeiden. Zum Glück!

Hier zwei beliebig ausgewählte Ergebnisse von Tests aus dem ersten Halbjahr 2015:

Im Februar 2015 wurden die Ergebnisse des Grundschultests „Vera 3“ in Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht. Getestet wurden die Rechtschreibleistungen der Drittklässler. Das Ergebnis ist schockierend: Mehr als ein Drittel der Schüler (37,4 %) erreichen nicht einmal den Mindeststandard, den die Kultusministerkonferenz festgelegt hat. Weitere 25,9 % erreichen dieses Minimum nur knapp. Man kann also davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Grundschüler der 3. Klasse in diesem Bundesland die deutsche Rechtschreibung nicht oder nur unzureichend beherrscht

In Hamburg fielen die Vergleichsarbeiten in Klasse 10 im Schuljahr 2014/2015 katastrophal aus. Die Durchschnittsnote aller 68 staatlichen und privaten Hamburger Gymnasien im Fach Deutsch beträgt 3,7, in Mathematik 3,6. In Englisch ist sie mit 3,1 etwas besser. Einige der getesteten Schulen landeten sogar im Bereich „ausreichend“ und „mangelhaft“. Deprimierend war vor allem das Ergebnis in Rechtschreibung: Viele Schüler waren nicht in der Lage, in einem literarischen Text zwölf von den Prüfern eingebaute Fehler zu erkennen.

Zugegeben: Diese Ergebnisse aus zwei Bundesländern zeigen nur einen kleinen Ausschnitt aus der Schullandschaft, den man nicht ohne Weiteres hochrechnen kann. Auffällig ist jedoch, dass sich in letzter Zeit solche schlechten Ergebnisse häufen und dass sie in einem merkwürdigen Verhältnis zu einem anderen Trend stehen: Seit Jahren steigt die Zahl der Abiturienten kontinuierlich an und   gleichzeitig werden die Durchschnittsnoten beim Abitur immer besser.

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) war des Lobes voll über die Rekordmarke von 9286 Abiturienten in diesem Jahr. Er lobte die Schüler, weil sie das Zentralabitur „gut bewältigt“ hätten. Über die schlechten Ergebnisse der 10-Klässler wollte er hingegen keine selbstkritischen Worte verlieren. Dabei drängt sich die Frage auf: Wie passt das zusammen: schlechte Ergebnisse in Deutsch, Englisch und Mathematik in Klasse 10 und zwei Jahre später eine Rekordzahl an Abiturienten mit guten Resultaten?

Der Trend zu besseren Abiturnoten ist eindeutig belegt. So ist zwischen 2006 und 2012 der Anteil der Schüler, die mit der Idealnote 1,0 abschlossen, bundesweit um 40% gestiegen – auf 4600 Schüler. Auch die Durchschnittsnote aller Abiturienten hat sich in fast allen Bundesländern verbessert, am deutlichsten in Berlin. Hier stieg die Note zwischen 2006 und 2012 von 2,68 auf 2,4. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Abiturienten an einem Jugendjahrgang innerhalb der letzten 20 Jahre von 27% auf 40% gesteigert. Es gibt also immer mehr Abiturienten und diese werden im Durchschnitt immer besser. Gibt es in unserem Volk eine wundersame Intelligenzvermehrung?

Der hier offenbar werdende Widerspruch ist nur dann aufzulösen, wenn man davon ausgeht, dass die Leistungen im Abitur „ermäßigt“ wurden. Der Bildungsexperte Axel Plünnecke ist dem Phänomen nachgegangen. Er hat den Bildungsstand von Studenten in PISA-Punkte „umgerechnet“ und festgestellt, dass der Wert zwischen 2003 und 2009 um 17 Punkte gesunken ist. Diese Differenz entspricht ungefähr dem Lernfortschritt eines halben Schuljahres. In Klartext heißt das, dass die guten Abiturnoten mit schlechteren Leistungen erkauft werden.

Lehrern konnte nicht verborgen bleiben, wie die Noteninflation zustande kommt. Die schleichende Entwertung der Abiturergebnisse verdankt sich mehreren Stellschrauben, an denen die Bildungspolitiker jeglicher Couleur in den letzten Jahren ganz gezielt gedreht haben. So hat das inzwischen überall eingeführte Zentralabitur zu eindeutig besseren Resultaten geführt als die früher dezentral, also vom unterrichteten Lehrer, gestellten Abituraufgaben. Wenn die Politik will, dass mehr Schüler das Abitur bestehen, hat sie mit dem Zentralabitur ein einfaches Instrument an der Hand, die Aufgaben beliebig zu erleichtern. Auch das in den meisten Bundesländern   neu eingeführte 5. Prüfungsfach, eine „besondere Lernleistung“, trägt zur Verbesserung der Abiturnoten bei. Wenn ein Schüler über einen Zeitraum von einem Jahr eine Hausaufgabe anfertigen oder einen Vortrag vorbereiten kann („Präsentationsprüfung“), muss das Ergebnis besser ausfallen, weil er ja jede häusliche Hilfestellung – unüberprüfbar – in Anspruch nehmen kann. Auch an bisher unantastbaren Regularien hat die Schulbürokratie inzwischen gedreht: an der Notenskala. Inzwischen wird bei Klassenarbeiten, Klausuren und Abituraufgaben die Note „ausreichend“ auch bei weniger als 50% der erbrachten Leistung erteilt, die Note 1 + bekommt man, nicht wie der gesunde Menschenverstand vermutet, bei 100%, sondern schon bei 95% der erbrachten Leistung. Wenn man die Notenskala einfach um 5 Punkte nach unten verschiebt, muss sich rein mathematisch gesehen das Ergebnis verbessern.

Warum will die Politik die Abiturientenzahlen partout nach oben treiben? Sie folgt der irrigen Annahme, die Volkswirtschaft brauche immer mehr Akademiker, weil sie sich zur Wissensgesellschaft entwickelt. Vorbild sind dabei die anderen hoch entwickelten OECD-Staaten, in denen 60% (in Frankreich sogar 80%) der Schüler das Abitur ablegen. Wenn man sich die Zahl arbeitsloser Jugendlicher in Spanien, Portugal, Italien und Frankreich anschaut, kann man erkennen, dass es sich beim Akademikerwahn um einen verhängnisvollen Irrweg handelt. Nur: Wer hat den Mut, sich die falsche Strategie einzugestehen und sie zu korrigieren?

Die Folge der inflationär guten Abiturnoten kann man an einer deprimierenden Statistik ablesen: an den Abbruchquoten an unseren Universitäten. Laut Bundesbildungsministerin Johanna Wanka geben rund 28 Prozent aller Studierenden ihr Studium auf. Das sind 60.000 bis 75.000 Studenten pro Jahr. Während in Jura und Wirtschaftswissenschaft die Abbruchquote mit 30% am niedrigsten ist, ist sie in Mathematik und Naturwissenschaften mit 39% am höchsten. Alle anderen Fachrichtungen liegen dazwischen. Der Grund für diese hohe Abbruchquote liegt auf der Hand. Ungefähr ein Drittel der Studenten fühlt sich den Anforderungen der gewählten wissenschaftlichen Disziplin nicht gewachsen. Die wichtigste Aufgabe des Gymnasiums, alle Schüler durch wissenschaftspropädeutisches Arbeiten auf das Studium vorzubereiten, wird anscheinend nicht hinreichend erfüllt. Man könnte es auch anders formulieren. Augenscheinlich handelt es sich bei den Studienabbrechern zahlenmäßig um die Schüler, die durch die Ermäßigung des Abiturzeugnisses zur Hochschulreife gelangt sind.

Man kann es drehen oder wenden, wie man will. Intelligenz lässt sich in der Bevölkerung nicht beliebig vermehren. Dass die Politik dies immer wieder versucht, indem sie illusionäre Bildungskonzepte ins Werk setzt, ist nicht nur unredlich, sondern auch eine Demütigung für viele Jugendliche, denen ein leichter Aufstieg in akademische Höhen vorgegaukelt wird und die dann unsanft „abstürzen“. Verantwortliche Politik sieht anders aus.

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Eingeordnet unter Leistungsbereitschaft, Unterrichtsqualität

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