Begabtenförderung endlich enttabuisiert

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat auf ihrer turnusgemäßen Tagung am 11./12. Juni in Berlin etwas beschlossen, um das sie in den letzten Jahrzehnten immer einen weiten Bogen gemacht hat: Sie hat den Kultusministern der Länder eine Strategie vorgelegt, wie sie die Förderung leistungsstarker Schüler (Hochbegabten-Förderung) an den Schulen voranbringen können. Seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA-Studie im Jahre 2001 ist bekannt, dass in Deutschland die Spitzengruppe der leistungsstarken Schüler im internationalen Vergleich sehr klein ausfällt. Bei den folgenden PISA-Tests hat sie sich eher noch weiter verkleinert. Das deutet darauf hin, dass an unseren Gymnasien und Gesamtschulen wenig unternommen wird, um die überragenden Schüler auf ihrem Niveau zu fördern, um sie intellektuell noch weiter voranzubringen.

Lehrkräften sind Spitzenbegabungen unter den Schülern manchmal lästig. Sie wissen nicht richtig mit ihnen umzugehen. Von Hermann Hesse ist der Satz überliefert, ein Lehrer habe in seiner Klasse lieber zehn Esel sitzen als ein Genie (Zitat aus dem Roman „Unterm Rad“). Die Geistesblitze der Schüler-Genies bringen allzu oft die fein ziselierte Unterrichtsplanung durcheinander, weil sie sich nicht an die Schritte der didaktischen Planung des Lehrers halten. Lehrer stellen solche Schüler oft mit der Bemerkung ruhig, sie sollten im Buch schon mal weiterlesen oder sich still mit etwas anderem beschäftigen. Mit einer Förderung der Geistesgaben von Schülern hat das nichts zu tun.

Warum sollte man in der Schule auch die hochbegabten Schüler fördern? Zeigen nicht die Erfahrungen, dass sie ihre schulische Laufbahn auch ohne besondere Unterstützung meistern? Die Förderung der Anlagen dieser Kinder ist ein Gebot der Menschlichkeit. Jede Begabung verdient es, dass man sie gebührend entwickelt, indem man stimulierend und herausfordernd auf das Kind einwirkt. Die Anlagen hochbegabter Schüler entwickeln sich keinesfalls von allein. Bei Musikern hat man beobachtet, dass aus einem „Wunderkind“ nur dann ein Spitzengeiger oder ein Spitzenpianist geworden ist, wenn das Kind unter professioneller Anleitung einen beharrlichen Übungsfleiß – bei Virtuosen der Geige etwa 10.000 Übungsstunden – an den Tag gelegt hat. Im Sport käme niemand auf die Idee, bei hochbegabten Talenten das Training einzustellen, weil sie sich ja ohnehin von allein entwickeln. Deshalb haben Ratschläge, die vor einer „Elitenförderung“ an unseren Schulen warnen, immer auch etwas Unmenschliches an sich.

Auch eine Kritik, die im Mantel der Fürsorge daherkommt („Warum sollte man die guten Schüler quälen?“), geht fehl. Es ist keinesfalls so, dass Kinder und Jugendliche Leistung verabscheuen – schon gar nicht die Hochbegabten. Wer einmal Kinder beobachtet hat, mit welcher Energie und Geduld sie ihren Hobbys nachgehen, fragt sich, warum es der Schule so wenig gelingt, diesen Eifer und Elan so wenig „herauszukitzeln“. Anscheinend bietet der herkömmliche Unterricht mit seinen oft sehr eintönigen Routinen hochbegabten Kindern wenige Anreize, ihre überragenden Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen.

Bildungsexperten gehen davon aus, dass es auf jeder Schulform solche außergewöhnlich begabten Schüler gibt, auch an Hauptschulen. Oft kann man sie auf Anhieb nicht als solche erkennen. In ihrem Verhalten und ihren Vorlieben sind sie ihren Mitschülern nämlich ähnlicher, als frühere Studien vermuten ließen. Die Längsschnittstudie des Marburger Hochbegabtenprojekts von Professor Detlef Rost (Beginn der Erhebung: 1987) hat ergeben, dass es unter den hochbegabten Schülern solche mit herausragenden schulischen Leistungen, aber auch solche mit schlechten Schulnoten – sog. Underachiever – gibt. Die schlechten schulischen Leistungen resultieren oft daraus, dass die Pädagogen die besondere Begabung dieser Kinder nicht erkennen, ihr Verhalten im Unterricht mitunter als „störend“ missverstehen. Wenn diese Schüler weiterführende Fragen stellen, werden sie manchmal mit dem Satz abgespeist: „Das gehört jetzt nicht hierher.“ Irgendwann geben diese Schüler dann das Fragen auf. Die Studie hat auch untersucht, welche Faktoren die positive Entwicklung Hochbegabter erleichtern. Dies sind eine auf Förderung und Ermutigung angelegte Umgebung des Kindes in den ersten Lebensjahren, eine früh beginnende gezielte fachliche Förderung, geeignete Rollenvorbilder, z.B. durch die Eltern oder Geschwister, und eine positive Bestätigung auch bei schwierigem oder schwer verständlichem Verhalten.

Nach der Ankündigung der KMK, sich mit der Hochbegabtenförderung beschäftigen zu wollen, konnte es nicht ausbleiben, dass sich kritische Stimmen zu Wort melden. Bemerkenswert – weil typisch – ist ein Beitrag in SPIEGEL-online von Bernd Kramer. Er versammelt nämlich alle Klischees und Vorurteile, die man seit Jahren zu diesem Thema vernehmen kann. Schon der Titel spricht Bände: „Vom Unsinn der Elitenförderung“. Die Kernthese des Autors lautet: „Begabtenförderung gibt denen, die schon haben – schlimmstenfalls auf Kosten derer, die am meisten Unterstützung brauchen.“ – An diesem Argument merkt man, dass der Autor kein Pädagoge ist. Ein Lehrer käme nie auf die Idee, gute gegen schlechte Schüler auszuspielen. Im Klartext ist dies ein Plädoyer dafür, die hochbegabten Schüler an ihrer weiteren geistigen Entwicklung zu hindern.

Abstrus wird Kramers Argumentation, wenn er die Bevorzugung der begabten Schüler, die er beharrlich mit „Akademikerkindern“ assoziiert, daran festmacht, wie viel Geld unser Bildungssystem für die unterschiedlichen Schulformen (!) ausgibt. Hier sei das Gymnasium, auf das ja vorwiegend „Akademikerkinder“ gehen, mit 7100 € pro Kind und Jahr an der Spitze, während die anderen Schultypen finanziell hinterher hinken. Auch aus diesem Vergleich spricht die Unkenntnis schulischer Bedingungen. Für einen Chemie-Leistungskurs eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums braucht man ein hochwertiges Equipment (Laboreinrichtung, Sicherheitstechnik). An einer Realschule, an der es keine Chemie-Leistungskurse gibt, wäre eine solche Ausrüstung reine Verschwendung.

Ein Klischee darf bei einer typischen Begabten-Schelte natürlich nicht fehlen. Weil „der Bildungserfolg schon jetzt sehr stark von der Herkunft abhängt“ (Kramer), darf man die leistungsstarken Schüler nicht fördern. Zuerst muss man dafür sorgen, dass die schlechten Schüler, die durch ihr Milieu benachteiligt sind, den Anschluss schaffen. Die traurige Wahrheit ist, dass die in den Jahren vor der Schule im Elternhaus erworbenen Defizite später nie mehr völlig ausgeglichen werden können. Als Deutschlehrer an der Gesamtschule habe ich viel Erfahrung mit kompensatorischen Lernprogrammen gesammelt. Alle sind besten Falls ein Notbehelf. Die Kluft zu den Kindern, die in einem anregungsreichen Elternhaus groß geworden sind, lässt sich kaum noch schließen. Dies ist das eigentliche – beklemmende – Geheimnis des Bildungsgefälles in unserem Land.

Ich habe den Verdacht, dass linke Bildungspolitiker und Journalisten die Eltern allzu gerne von ihrer Verantwortung für ihre Kinder freisprechen. Nur so lässt sich das klassische Feindbild „Das Bildungssystem ist schuld“ / „Unsere Schule ist selektiv“ aufrecht erhalten.

Was mich an solchen Texten wie dem von Bernd Kramer stört, ist die menschliche Kälte, die aus ihnen spricht. Sie betrachten Kinder nicht als Wesen, die die wunderbare Welt des Wissens entdecken wollen – jedes auf seine Weise und jedes nach seinen Begabungen. Bei Bernd Kramer werden die Kinder zu Kategorien („verheißungsvollere Klientel“, „Elite-Studenten“, „Akademikerkinder“, „Auserwählte“), die die ideologische Voreingenommenheit der Argumentation stützen sollen.

Lehrer, die täglich mit Schülern zu tun haben und denen ihre „Schutzbefohlenen“ am Herzen liegen, wenden sich von solchen Texten mit Grausen.

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft

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