Gymnasium in Gefahr

 Als ich Ende der 1960er Jahren mit dem Studium begann, erlebte ich ein pädagogisches Gründungsfieber ohnegleichen. In allen  SPD-regierten Ländern (die Grünen waren noch nicht erfunden) wurden Gesamtschulen gegründet. Die SPD glaubte damals, mit dieser Schulform den Stein der Weisen gefunden zu haben: eine Schule für a l l e   Kinder. Das dreigliedrige Schulsystem sollte komplett durch die Gesamtschule ersetzt werden. Unter den Eltern regte sich damals allerdings massiver Widerstand. Mit der zündenden Losung „Das Gymnasium darf nicht sterben!“ zogen sie gegen die Pläne der SPD-Kultusminister zu Felde – mit großem Erfolg. Die CDU machte sich diese Forderung zu eigen und gewann damit mehrere Landtagswahlen. Das Gymnasium errang in diesen Abwehrkampf den Status der Unantastbarkeit. Die SPD gab sich schließlich damit zufrieden, die Gesamtschule als vierte Schulform in das dreigliedrige System zu integrieren. Dieser Status quo hatte bis vor wenigen Jahren Bestand.

Heute, 50 Jahre später, gibt es in den meisten Bundesländern ein Zwei-Säulen-Schulmodell: das Gymnasium auf der einen Seite und daneben eine integrierte Schulform, die – dem föderalen System ist´s geschuldet – unterschiedliche Namen trägt (Integrierte Sekundarschule, Stadtteilschule, Mittelschule). Man sollte eigentlich meinen, dass diese Aufweichung des dreigliedrigen Schulsystems den Verfechtern der Egalität genügen würde. Dem ist nicht so! Sie richten ihre Begehrlichkeit nach wie vor auf das Gymnasium. Allerdings stellen sie diese Schulform nicht mehr gänzlich in Frage. Sie wollen sie umwandeln – und zwar in eine Variante der Gesamtschule, in die „Gesamtschule light“.

Dabei kommt ihnen zustatten, dass das Gymnasium bei den Eltern die bei weitem beliebteste Schulform darstellt. Alle soziale Schichten bevorzugen inzwischen das Gymnasium, von dem sie sich den sozialen Aufstieg ihrer Kinder und ein hohes Sozialprestige erhoffen. In den Stadtstaaten gehen schon über 50% eines Schülerjahrgangs aufs Gymnasium. Den Rekord hält Frankfurt mit 56%. In der hessischen Metropole gab es vor kurzem einen Elternaufstand, weil 500 Grundschüler keinen Platz in einem der drei beliebten Gymnasien im Stadtteil Sachsenhausen erhalten hatten. Sie sollten lange Fahrtwege in Kauf nehmen, um ein Gymnasium in einem anderen Stadtbezirk zu besuchen. Man sieht: Wenn es um einen Platz an der Sonne – das ist im Schulbereich das Gymnasium – geht, neigen selbst brave Bürger zur Renitenz.

Weil das Gymnasium so beliebt ist, haben die Schulpolitiker in fast allen Bundesländern (Ausnahme Bayern!) beschlossen, beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe auf das vormals verpflichtende Grundschulgutachten zu verzichten und nur noch den Elternwillen gelten zu lassen. Dieser gilt aber nur, solange am Gymnasium der Wahl noch Plätze frei sind – siehe Frankfurt.

Der Primat des Elternwillens zeitigt Folgen, die nicht nur Schulleiter und Lehrer beunruhigen müssen. Viele Eltern überschätzen die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder. Zudem reagieren sie bei der Schulwahl genauso, wie sie es beim Einkauf von Konsumgütern tun: Qualität muss es sein – und eine edle, anerkannte Marke. Die Folgen des Runs auf das Gymnasium sind fatal. In den Eingangsklassen (in den meisten Bundesländern die 5., in Berlin die 7. Klasse) sitzen Kinder, die dem anspruchsvollen Unterricht intellektuell nicht gewachsen sind. Nach dem Probejahr müssen sie dann das Gymnasium wieder verlassen. In Berlin waren das in den letzten Jahren zwischen 600 und 1000 Schüler. In der Sprache der Verwaltung werden diese Schüler „Rückläufer“ genannt. Die Politik mutet diesen Kindern zu, dass sie ein Jahr lang in einem Unterricht sitzen, in dem sie wenig verstehen, um dann erneut einen Schulwechsel erleben zu müssen. An den neuen Schulen – meistens eine Gesamtschule – werden sie oft als Gymnasial-Versager gemobbt. Fürsorglich kann man eine solche Schulpolitik wahrlich nicht nennen.

Die Hamburger SPD hat sich für das „Rückläufer“-Problem eine spezielle Lösung einfallen lassen. Sie hat kurzerhand per Gesetz beschlossen, dass alle Kinder, die einmal den Weg aufs Gymnasium gefunden haben, auch dort verbleiben müssen. Sitzenbleiben und die Schule wieder verlassen sind per Ukas verboten. Im Grunde mutieren die Gymnasien dadurch tatsächlich zur Gesamtschule – mit all den problematischen Begleiterscheinungen, die wir von dieser Schulform kennen: eine extreme Heterogenität der Lernvoraussetzungen, zunehmende Disziplinverstöße, eine unübersichtliche Schulorganisation. Um überhaupt erfolgreich unterrichten zu können, muss der Unterricht differenziert werden. Das führt zu einer Zerklüftung der Lerngruppen, was den Zusammenhalt der Klassen und das Schulklima beeinträchtigt.

In Baden-Württemberg kursiert ein Geheimpapier aus dem Kultusministerium mit dem Titel „Gymnasium 2020“. Darin wird ausgemalt, wie sich die Gleichheitsadepten die Entwicklung des Gymnasiums vorstellen. Sie stellen die Heterogenität, die durch die Öffnung des Gymnasiums für alle Kinder eintreten wird, schon voll in Rechnung. Verlangt wird von den Gymnasien ein „differenzierender, Heterogenität bejahender pädagogischer Ansatz“. Die Heterogenität soll dadurch aufgefangen werden, dass „selbstorganisiertes Lernen“, „niveaudifferenzierte Kompetenzraster“ und „individualisiertes Lernen“ – Stichwort: Der Lehrer als „Lernbegleiter“ – als didaktische Rezepte zur Anwendung kommen. In diesem Papier ist die höchst umstrittene schöne „Neue Lernkultur“ schon voll verwirklicht.

Die Öffnung des Gymnasiums in den Eingangsklassen zielt auf die Schwächung des gymnasialen Kerns, der homogenen Lernkultur, die diese Schulform bisher ausgezeichnet und die sie so erfolgreich gemacht hat. Die effektivste Lernform, die ich kenne – das vom Lehrer gelenkte Unterrichtsgespräch – ist in den heterogenen Eingangsklassen kaum noch möglich. Damit verliert der gymnasiale Unterricht seine intellektuelle Substanz.

Dem egalitäre Schulkonzept liegt ein Verständnis von Bildung zugrunde, das unterstellt, dass alle Kinder im Grunde gleich begabt sind, dass die kognitiven Fähigkeiten bei einigen Kindern nur verschüttet sind, vornehmlich infolge ungünstiger häuslicher Bedingungen. Diese Denkschule ignoriert hartnäckig alle Studien aus der Verhaltenspsychologie, die nachweisen, dass Intelligenz zu einem hohen Grad durch die Gene bestimmt wird, die ein Neugeborenes von den Eltern erbt. Der britische Intelligenzforscher Robert Plomin hat in einem Test mit 11.000 ein- und zweieiigen Zwillingen herausgefunden, dass ca. 60% der Intelligenz auf genetische Veranlagung zurückgehen. Unter Intelligenz versteht Plomin das abstrakte Denkvermögen, das Gedächtnis, die räumliche Vorstellungskraft und verbale Fähigkeiten. Die restlichen 40% verdanken sich Umweltfaktoren, zu denen die häusliche Situation, das Wohnumfeld und die soziale Zugehörigkeit zählen.

Plomin wollte bei seinen Tests vor allem herausfinden, warum einige Kinder in der Schule viel und auch schnell lernen, während andere langsam lernen und schließlich ganz abgehängt werden. Seine Befunde sind ernüchternd. Die Kluft zwischen einem guten und einem schlechten Schüler lassen sich nur zu 10% durch den Unterricht selbst schließen.   Für die Entwicklung kompensatorischer Unterrichtskonzepte ist es wichtig zu erfahren, ob die Fördermethoden auch einen effektiven Nutzen zeitigen. Sie tun es nur sehr begrenzt. Der Grund liegt auf der Hand: Die genetisch bevorzugten, leistungsstarken Schüler profitieren von jedem Unterricht – auch von einem schlechten – sehr viel mehr als die schwachen Schüler, denen das Lernen und Begreifen ohnehin schwer fällt. Letztere geben, wenn sie sich ständig überfordert fühlen, schließlich auf und resignieren.

In einem Interview in der ZEIT (3. 6. 2015) sagte Plomin, dass sich die Eltern beim ersten Kind immer „Allmachtsfantasien“ hingäben, weil sie glauben, ihr Kind sei das schlaueste der Welt. „Beim zweiten Kind werden sie dann plötzlich zu Anhängern der These, dass alles angeboren sei.“ Lehrer, die in der Klasse 30 Schüler vor sich sitzen haben, geben sich nie der Illusion hin, alle seien gleich gut begabt. Dazu ist der Augenschein, der das Gegenteil beweist, zu erdrückend.

In allen Bereichen des menschlichen Lebens gilt es inzwischen als selbstverständliche Tatsache, dass die Genetik ihre Hand im Spiel hat. Krankheiten werden durch Gene weitergegeben, Sportlichkeit oder Musikalität gelten als Resultate günstiger Erbanlagen. „Die Bildung ist die letzte Bastion, die den Einfluss der Gene ignoriert.“ – so Plomin. Der Grund für diese Ignoranz liegt auf der Hand. Jahrhunderte lang gehörte es zum Selbstverständnis von Pädagogen, die ihnen anvertrauten Kinder „modeln“, sie also in ihrem Sinne beeinflussen zu wollen. Diese Mission verlangt, dass man an die unbegrenzte intellektuelle Entwicklungspotenz der Kinder glaubt. Nur konservative Geister ahnten, dass der Mensch – wie Immanuel Kant es formulierte – „aus krummem Holz geschnitzt“ ist, also in vielem schwach und beschränkt – auch in seinen Geistesgaben.

Der egalitäre Trend zum „Gymnasium für alle“ kann sich nur entfalten, weil ein Großteil der pädagogischen Zunft daran glaubt, dass in allen Schülern das Potential zu Höherem schlummert. Den Gegnern dieses Begabungsoptimismus´ unterstellen sie selektive Manie und menschliche Kälte. Dabei sprechen die Fakten für sich: 48.000 Jugendliche (5,6%) verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss (Zahlen von 2013). Selbst wenn man unterstellt, dass bei diesen Biografien soziale Verwerfungen eine Rolle spielen (zerrüttete Elternhäuser, Gewalt in der Familie, emotionale Vernachlässigung), kann man nicht darüber hinweg sehen, dass es diesen Schülern offensichtlich auch schwer fiel, den geistigen Anforderungen der Schule – selbst in ihrer leichtesten Variante – Genüge zu tun. Auch viele der Schüler, die ursprünglich hoch hinaus wollten – sprich: das Gymnasium besuchten – gehören nach einiger Zeit wieder zu denen, die sich „unten“, also in einer leichteren Schulform, wiederfinden. Die Kinder, die auf dem Weg nach „oben“ scheitern und dann gnadenlos nach unten durchgereicht werden, sind den Verfechtern der Gleichheit offensichtlich   egal. Hauptsache sie haben mit der Forderung „Gymnasium für alle!“ ihrer Lebenslüge einen guten Dienst erwiesen.

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