Wie Sozialpolitik als Bildungspolitik ausgegeben wird

Journalisten schreiben gerne über Bildung. Bei diesem Thema können sie sich der Aufmerksamkeit des lesenden Publikums sicher sein. Viele Menschen finden sich im Dschungel der oftmals konfusen   Bildungspolitik nicht zurecht. Ständig werden neue Schulformen gegründet, modische didaktische Konzepte kreiert und neue Rahmenlehrpläne verfasst. Kein Laie kann ergründen, ob all diese pädagogischen Wundermittel auch helfen. Auch die häufigen Bildungsstudien verwirren mehr, als sie aufklären. Denn jeder Bildungspolitiker liest aus ihnen das heraus, was seiner Politik schmeichelt. Das Negative wird zumeist schamhaft verschwiegen. Angesichts dieser Verunsicherung fühlen sich Journalisten dazu berufen, aufzuklären und den Menschen Orientierung zu geben. Die Frage ist nur, ob sie dazu fähig sind, über Bildungsfragen kompetent Auskunft zu geben. Seit ihrer Schulzeit kennen sie die Schule nur noch von außen. Das Innenleben des komplizierten schulischen Kosmos muss ihnen deshalb fremd sein. Manche Autoren flüchten sich deshalb in weltanschauliche Debatten (welche Schulform ist die richtige?). Andere pflegen ihr spezielles Steckenpferd (z.B. die Schule sei unterfinanziert). Viel Erhellendes kann man aus solchen Artikeln nicht erfahren.

Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Titelgeschichten, die den Anschein erwecken, seine Autoren hätten den Stein der Weisen in der Bildung gefunden. So geschah es zuletzt in Heft Nr. 20 / 2015 mit dem reißerischen Titel „…und rauf / raus bist du!“ / „Die Lüge von der Chancengleichheit – warum schon die Geburt über Bildung und Aufstieg entscheidet.“ Die Geschichte gibt vor, von   Bildung zu handeln. Liest man aber den Text, stellt man enttäuscht fest, dass die Autoren einen Artikel über Sozialpolitik geschrieben haben. Der Text handelt eine „Mängelliste“ von Dingen ab, an denen es den Familien aus der Unterschicht mangelt. Es geht um Winterkleidung, gesundes Essen, ordentliche Möbel, ein eigenes Auto, die qm-Größe der Wohnung usw. Von zehn aufgezählten Mängeln beschäftigt sich nur einer mit einem geistigen Notstand: Arme Kinder besuchen seltener Kino, Theater und Konzert. Wie alle linken „Experten“ überschätzen die Autoren die Macht des Materiellen und unterschätzen die Kraft des Geistigen. Die SPIEGEL-Autoren scheinen allen Ernstes zu glauben, Kinder aus armen Familien könnten ihre Bildungschancen voll ausschöpfen, wenn man es schaffen könnte, die von Ihnen benannten materiellen Mängel abzustellen. Der übertriebene Glaube an die Wirkungskraft des Geldes lenkt von den wirklichen Ursachen für die Bildungsdefizite bei den Kindern aus armen Familien ab.

In ganzen SPIEGEL-Artikel gibt es nur einen Satz, der in den Kern dessen zielt, was man als größtes Handikap von Kindern aus armen Familien bezeichnen kann. Der Leiter der Kita „Kinderland“ in Potsdam Kevin Kühne sagt: „Sie haben den altersgemäßen Sprachstand nicht, sie werden es dort sehr schwer haben.“ Er prophezeit richtig, dass etwa die Hälfte „seiner“ Kinder nicht in der Lage sein wird, dem Unterricht zu folgen.

Ich habe lange an einer Gesamtschule in einem Berliner Brennpunkt-Wohngebiet das Fach Deutsch unterrichtet und weiß, woran es den Kindern aus der Unterschicht gebricht. Schon in den ersten Unterrichtsstunden und an den ersten Aufsätzen konnte ich erkennen, wie die Elternhäuser beschaffen waren, aus denen die Kinder stammten. Wenn ein Kind elaboriert sprechen und schreiben kann, wenn es über einen differenzierten Wortschatz verfügt, konnte man mit Sicherheit annehmen, dass ihm von klein auf von den Eltern vorgelesen und dass mit ihm in ganzen Sätzen geredet wurde. Wenn ein Kind nur in abgerissenen Satzfragmenten sprach oder nur einzelne Wörter äußerte, konnte man vermuten, dass mit ihm zu Hause nie richtig gesprochen wurde. Auch den Umfang und die Art ihres Fernsehkonsums konnte man aus dem, was die Kinder im Unterricht und in ihren Aufsätzen erzählten, schlussfolgern. Grundschullehrer erzählen erschütternde Dinge, wenn man sie fragt, über welche verbalen und instrumentellen Fähigkeiten Kinder verfügen, die aus Familien der Unterschicht stammen. Wenn Kinder nicht wissen, wie man eine Schere benutzt, weiß man, dass die Eltern mit ihnen nie gebastelt haben.

Aus der Gehirnforschung weiß man, dass Intelligenz dadurch entsteht, dass die Gehirnzellen durch sinnliche und verbale Impulse miteinander vernetzt werden. Wenn ein Kind zu Hause also vielfältige Anregungen empfängt, wird es seine Intelligenz eher ausbilden können, als wenn dies nicht geschieht. Was hat dieser Sachverhalt mit der Mängelliste des SPIEGEL (Möbel, Auto, Urlaub, Kleidung usw.) zu tun?

Zu den Mängeln im Kognitiven und Verbalen kommen noch Defizite hinzu, die etwas mit der mentalen Einstellung der Kinder zu tun haben. Wenn ein Kind von Geburt an darin bestätigt wird, neugierig auf die Umwelt zu sein und kreativ mit Dingen umzugehen, wird es diese entdeckungsfreudige Haltung auch in der Schule zeigen. Lerneinstellungen wie Wissbegier, Neugierde, Konzentration, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz werden durch elterliches Vorbild erworben. Wenn solche Vorbilder fehlen, können sich diese Dispositionen nicht oder nur mangelhaft entwickeln.

Das Traurige ist, dass die in den Jahren vor der Schule im Elternhaus erworbenen Defizite nie mehr völlig ausgeglichen werden können. Als Deutschlehrer habe ich viel Erfahrung mit kompensatorischen Lernprogrammen gesammelt. Alle sind besten Falls ein Notbehelf. Die Kluft zu den Kindern, die in einem anregungsreichen Elternhaus groß geworden sind, lässt sich kaum noch schließen. Dies ist das eigentliche – traurige – Geheimnis des Bildungsgefälles in unserem Land.

Ich habe den Verdacht, dass linke Bildungspolitiker und Journalisten die Eltern allzu gerne von ihrer Verantwortung für ihre Kinder freisprechen. Nur so lässt sich das klassische Feindbild „Der Staat ist schuld“ aufrecht erhalten. Dazu passt auch die Polemik gegen das Betreuungsgeld. Sie ignoriert eine wichtige Studie zu dieser familienpolitischen Leistung. Danach kommen die Frauen, die das Betreuungsgeld beziehen, überwiegend aus gut situierten bildungsbürgerlichen Elternhäusern. Diese Mütter wissen genau, dass sie ihrem Kind eine bessere Betreuung angedeihen lassen können als die staatliche Kita mit ihrem Betreuungsschlüssel von eins zu zwölf (oder schlechter). Was ist schlecht daran, wenn Mütter mit ihren Kindern zu Hause basteln, lesen, Klavier üben, reden und spielen?

 

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Leistungsbereitschaft, Sozialer Aufstieg durch Bildung

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