Einladung zum fachlichen Dilettantismus

Wie in den Berliner Schulen das Fach Geschichte unter die Räder kommt

Der „Rahmenlehrplan Gesellschaftswissenschaften“ für die Jahrgangstufen 5/6 und der „Rahmenlehrplan Geschichte“ für die Jahrgangsstufen 7-10 für die Berliner Schulen sind Dokumente der Kapitulation. Sie kapitulieren vor der schwierigen Aufgabe, Schülern historische Stoffe so nahezubringen, dass sie sich in „ferne, fremde Zeiten“ einfühlen und ein strukturelles Verständnis des geschichtlichen Prozesses entwickeln können. Geschichte zu unterrichten ist nicht einfach. Zu gewaltig sind die Stoffmengen vom Altertum bis zur Gegenwart und zu fremd sind die Herrschaftsstrukturen und Lebensverhältnisse der Vergangenheit für Jugendliche von heute. Doch kann die Alternative tatsächlich darin bestehen, das Fach Geschichte nahezu gänzlich zu eliminieren (wie im Plan Gesellschaftswissenschaften für die Klassen 5/6) oder sie in „Themenfeldern“ aufgehen zu lassen, die sehr stark sozialkundlich geprägt sind (wie im Plan Geschichte für die Klassen 7-10)?

In der Einleitung zum Rahmenlehrplan „Gesellschaftswissenschaften“ heißt es unter „Ziele des Unterrichts“: „Insofern führt das Fach Gesellschaftswissenschaften in die Perspektiven der drei in der Sekundarstufe weiterführenden Fächer Geschichte, Politische Bildung und Geografie ein und die Schüler erarbeiten sich fachspezifische Zugangs-, Denk- und Arbeitsweisen.“ […] „Sie untersuchen menschliches Handeln in der Zeit, ordnen es in Zeitverläufe und benennen Dauer und Wandel.“ So weit so gut. Doch was bleibt von dieser Ankündigung übrig, wenn man die konkreten Unterrichtsinhalte betrachtet?

Da heißt es z.B. unter dem Themenfeld „Stadt und städtische Vielfalt…“: „Antike Großstadt Rom (Funktion und Aufbau, Wohnen, Gesellschaft, Berufe, Kultur, Verkehrswege“ – Im Grunde ist dies keine historische Fragestellung, sondern eine stadtarchitektonische oder stadtsoziologische. Kann man die Funktion der antiken Großstadt Rom begreifen, ohne dass man die Herrschaftsform des „Imperium Romanum“ verstanden hat? Kann man aus einer komplexen historischen Epoche einen Teilaspekt einfach herauslösen und ihn isoliert vom Kontext, in dem er steht, unterrichten? Dem Historiker sträuben sich bei dieser Vorstellung die Haare.

Oder das Themenfeld „Europa – grenzenlos?“- Auch hier wird Bezug genommen auf einen Aspekt der römischen Geschichte: „…das Imperium Romanum dehnt sich aus (Herrschaft, Kultur, Handelswege und -güter, Handel mit den Germanen“) – Wie können Schüler die „Ausdehnung“ eines Imperiums verstehen, wenn sie Entstehung, Höhepunkt und Krise dieses Herrschaftsgebildes zuvor gar nicht kennen gelernt haben? Genauso könnte man die Besprechung der NS-Zeit mit dem Aspekt beginnen: „Hitlers Krieg im Osten“ – Ergäbe das wirklich Sinn?

Rein alibihaft wird der Geschichtsbezug beim Themenfeld „Tourismus und Mobilität“ hergestellt. Was sollen die Schüler an geschichtlichem Wissen zu diesem Thema lernen? „Von der Geschichte des Reisens“: „Transportwege und – mittel an ausgewählten Beispielen“- Vom Mittelalter und der Frühen Neuzeit bleiben in diesem Plan die Wege übrig: Sandpiste und Knüppeldamm, über die die Kuriere des Königs ritten und die Karren der Händler und die Postkutschen ratterten. Kann man das noch Geschichte nennen? Ist das der „fachspezifische Zugang“, den der Plan dem Fachlehrer in seiner Einleitung verspricht?

Genauso abstrus ist der Geschichtsbezug im Themenfeld „Mode und Konsum“. Da heißt es unter „Kleider machen Leute“: „Mode in verschiedenen Zeiten. Was Männer und Frauen, Arme und Reiche tragen.“ Wenn man die Herrschaftsverhältnisse einer Epoche auf die Kleidung reduziert, muss man sich nicht wundern, wenn die Schüler die Leibeigenschaft damit erklären, dass die Bauern sich in ihrer Kleidung vom Grundherrn unterscheiden mussten.

Man könnte diese Kritik an jedem der Themenfelder entfalten. Überall stellt man fest, dass von Geschichte nur noch Fragmente übrigbleiben, die den sozialkundlich dominierten Themen ein historisches Alibi verleihen sollen. Wie erklärt sich dieses offensichtliche Desinteresse an Geschichte? Eine Formulierung aus dem Plan gibt darüber Auskunft: „Die Auswahl der Lerngegenstände im Fach Gesellschaftswissenschaften berücksichtigt gegenwärtige gesellschaftliche Probleme und ist an der Lebens- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler orientiert (Gegenwarts- und Lebensweltbezug)“. Im Klartext heißt das: Der „Gegenwarts- und Lebensweltbezug“ des Lernstoffes ist wichtiger als dessen historisches Fundament. Oder: Weil sich Schüler für Kleidung interessieren, konstruieren wir ein Themenfeld „Mode und Konsum“. Und weil das Fach Geschichte nicht ganz unter den Tisch fallen darf, sprechen wir von „Mode in verschiedenen Zeiten“. Mit einem genuin geschichtlichen Zugang haben solche künstlich konstruierten Themenfelder nichts zu tun.

Der „Rahmenlehrplan Geschichte“ für die Klassen 7-10 setzt die fragwürdige Implementierung geschichtlichen Wissens in sozialkundlich geprägte Themenfelder fort. So wird unter dem Rubrum „Herrschaft und Partizipation“ / „Der Weg zur modernen Demokratie“ verlangt, „die Mitbestimmung von Bevölkerungsgruppen in Städten und Königreichen“ zu unterrichten. Die komplexen Herrschaftsverhältnisse im Mittelalter auf die Frage der „Mitbestimmung von Bevölkerungsgruppen“ zu reduzieren, ist eine Form der Reduktion, die schon an fachliche Fahrlässigkeit grenzt. Unter der Überschrift „Krieg und Frieden“ sollen der „Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Frieden“ als Beispiele für Konfliktlösung und Friedenssicherung vermittelt werden. Kann man den Dreißigjährigen Krieg wirklich verstehen, ohne zuvor die Glaubensspaltung kennen gelernt zu haben, die durch Martin Luthers Reformation ausgelöst worden ist? Die Vermittlung fragmentierten Wissens über einzelne historische Ereignisse ohne deren Einbettung in den epochalen Kontext schafft weder eine ausreichende Wissensbasis für die Beurteilung geschichtlicher Prozesse (Kernkompetenz!) noch erzeugt sie bei den Schülern ein historisches Bewusstsein.

Die Zusammenstellung der Längsschnitte in beiden Plänen zeugt von einer Beliebigkeit, die ein Wissen darum, welche Wissensbestände für das Verständnis unserer Nationalgeschichte unverzichtbar sind, völlig vermissen lässt. Ich kenne kein Land, das so nachlässig und ignorant mit der eigenen Geschichte umgeht wie das unsrige. Die beiden Pläne sind geradezu Musterbeispiele für diese geschichtsvergessene Haltung. Jedes Gemeinwesen braucht zur positiven Identifikation mit der eigenen Geschichte ein Narrativ, an das die Menschen – gerade auch Heranwachsende – affektiv anknüpfen können. Solche Anknüpfungspunkte bietet die deutsche Geschichte reichlich. Ihnen müsste im Geschichtsunterricht ein besonderes Gewicht eingeräumt werden. Hier eine kurze Darstellung solcher positiven Identifikationspunkte:

  • Es war eine große Leistung der römisch-deutschen Herrscher, das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ vom 10. Jahrhundert bis zum Jahre 1806 durch alle Brüche der Geschichte hindurch aufrecht erhalten zu haben. Das Reich war ein vor- und übernationales Gebilde, ein Lehnsreich und Personenverbandsstaat, in dem viele Völker mehr oder wenig friedlich zusammenlebten. Nationale Chauvinismen waren diesem Reich völlig fremd. Hieraus können die Schüler lernen, dass es über-nationalstaatliche Gebilde geben kann, die frei sind von nationalistischem Abgrenzungswahn. Die Europäische Union könnte sich positiv auf dieses Reich beziehen.
  • Mit Martin Luther begann die Geschichte des modernen Individuums, das sich aus den Fesseln einer alles-bestimmenden (geistlichen) Institution löste. Die „Freiheit eines Christenmenschen“, die er postulierte, schuf die Voraussetzungen für die Gewissensfreiheit des modernen Menschen. Die Botschaft für die Schüler könnte die Gewissheit sein, dass es unverfügbare Rechte des Einzelnen gibt, die sich der Verfügungsgewalt des Staates entziehen.
  • Die Versuche, auf deutschem Boden ein demokratisches Gemeinwesen zu begründen, bildeten selbst im Scheitern wichtige Bausteine für die Gründung der deutschen Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg (1918). Das „Wartburgfest“ (1817), das „Hambacher Fest“ (1832), die Revolution von 1848 mit dem Paulskirche-Parlament sollten im Gedächtnis der Deutschen genauso ihren Platz haben wie der Widerstand gegen Hitler (20. Juli 1944) und der Volksaufstand in der DDR (17. Juni 1953). Ein Glanzpunkt deutscher Geschichte ist natürlich die friedliche Revolution 1989 in der DDR mit dem Höhepunkt des Mauerfalls am 9. November. Die Schüler können daraus lernen, dass es sich immer lohnt, mit „Mut vor Fürstenthronen“ (Ernst Moritz Arndt) für die Freiheitsrechte einzustehen.
  • Dass Deutschland ein Land der Dichter und Denker war und ist, kann man ohne falschen Stolz betonen. Heinrich Heine sprach vom „Luftreich des Traums“, in dem die Herrschaft der Deutschen unbestritten sei. Gerade weil die Bildung zur Nation gemessen an anderen Nationalstaaten erst mit großer Verspätung gelang, war es den Deutschen möglich, in dem zerstückelten Land fern der großen Politik bedeutende geistige Werke in Philosophie, Kunst, Musik und Literatur hervorzubringen. Die Schüler können daraus lernen, dass ein Land auch durch Geist glänzen kann.

Von all diesen Ereignissen ist in den beiden Plänen gar nicht oder nur bruchstückhaft die Rede. Die vier Beispiele zeigen, wie sich aktuelle Überzeugungen und Einstellungen überzeugend aus der Geschichte ableiten lassen. Dies ist das genaue Gegenteil der Vorgehensweise der Rahmenlehrpläne, in denen Geschichte mit der Elle des Gegenwartsbezuges vermessen wird. Die hier genannten historischen Themen könnten zudem einen Beitrag zur Festigung demokratischer Grundhaltungen leisten, wie sie das Berliner Schulgesetz für den Unterricht in allen Fächern verlangt.

Der „Rahmenlehrplan Gesellschaftswissenschaften 5/6“ und der „Rahmenlehrplan Geschichte 7-10“ verstoßen gegen das wichtigste fachdidaktische Prinzip des Geschichtsunterrichts, wonach sich eine historische Epoche nur aus sich selbst heraus verstehen lässt, und zwar dadurch, dass man sich auf die Gegebenheiten dieser Epoche voll und ganz einlässt. Um geschichtliche Ereignisse zu verstehen, braucht man keine vordergründigen Aktualisierungen, die die Schüler häufig nur dazu verleiten, historische Bezüge zu verkürzen oder sie monokausal zu erklären. Die Geschichte ist zudem keineswegs eine reine Fortschrittsgeschichte, wie die im Plan angelegten Themenfelder suggerieren. Der Rahmenlehrplan hält deshalb auch dem avancierten Stand der Fachwissenschaft nicht stand.

Der fragwürdige historische Ansatz bei den historischen Bezügen der Themenfelder, die fehlende Einbettung in den historischen Kontext der jeweiligen Epoche und die problematischen, weil vordergründigen Aktualisierungen werden dazu führen, dass das geschichtliche Bewusstsein der Schüler immer mehr verkümmert. Ein guter Geschichtsunterricht ist aber ein wichtiger Beitrag zur Festigung unserer Demokratie. Von dem US-amerikanischen Philosophen spanischer Herkunft George Santayana (1863-1952) stammt der Satz „Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. In Zukunft werden in Berlin Schüler die Schule verlassen, denen ein fragwürdiges Unterrichtskonzept den historischen Kompass für ihr Leben vorenthält. Man kann nur hoffen, dass ihnen ähnlich schmerzliche Lernprozesse wie den Generationen zuvor erspart bleiben werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Lehrplanverfehlungen, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

Eine Antwort zu “Einladung zum fachlichen Dilettantismus

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