G 8 muss bleiben

Im November 2014  gab die grüne Schulministerin von Nordrhein-Westfalen Sylvia Löhrmann bekannt, dass sich der Runde Tisch nach langer intensiver Beratung für die Beibehaltung des G8-Gymnasiums ausgesprochen habe. Gleichzeitig teilte sie mit, dass ihr Ministerium daran arbeite, das um ein Schuljahr verkürzte Gymnasium schülerfreundlicher zu gestalten. So sollten weniger Hausaufgaben erteilt werden, weniger Nachmittagsunterricht stattfinden – und als wichtigste Maßnahme sollten die Lehrpläne überarbeitet werden. Diese Entscheidung ist zu begrüßen. Sie markiert eine wichtige Gegenbewegung zu den „Rückzugsgefechten“, die etwa Länder wie Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Hessen im G8/G9-Streit auf den Druck von Lobby-Gruppen in der Elternschaft  unternommen haben. Im Juni 2014 hatten bereits Wissenschaftler, Schulleiter und Arbeitgeberverbände an die KMK appelliert, das verkürzte Gymnasium beizubehalten. Vielleicht trägt dieser Appell jetzt späte politische Früchte.

Es gibt immer noch Bildungspolitiker und Wissenschaftler, die mit der Botschaft hausieren gehen, die Schüler litten unter der Verkürzung der Schulzeit, ja, sie schnitten im Abitur schlechter ab als ihre Mitschüler, die das Gymnasium ein Jahr länger besuchen. Was ist von diesen Stimmen zu halten? Es gibt einen Langzeitversuch, dessen Ergebnisse unumstößlich sind: Die neuen Bundesländer haben nach der Wiedervereinigung 1990 das Abitur nach 12 Schuljahren (G8) aus DDR-Zeiten beibehalten. Die Schüler aus diesen Ländern schneiden im Studium nicht schlechter ab als ihre westdeutschen G 9 – Kameraden. Von seelischen Verwerfungen wegen des Leistungsdrucks oder von abgebrochenen Hobbys (Geige, Klavier, Ballett) wird auch nicht berichtet. Ich durfte selbst eine kleine „praktische Studie“ durchführen. An einem Berliner Gymnasium habe ich 2012 die Schüler des Doppeljahrgangs 12/13, die wegen der Umstellung nach G 8 im selben Jahr das Abitur ablegten, in der Abiturstufe in Deutsch und Geschichte unterrichtet und auch das Abitur abgenommen. Ich habe keinerlei Leistungsunterschiede zwischen den Schülern beider Jahrgänge feststellen können. Selbst die Statistik aller Unterrichtsfächer ergab an dieser Schule keine signifikanten Unterschiede. Dieses Resultat ist für Lehrer, die regelmäßig   in der Gymnasialen Oberstufe unterrichten, keine Überraschung. Allzu oft haben sie erleben müssen, dass sich gerade die guten Schüler langweilen, weil sich die Lehrkraft in den oft sehr heterogen zusammengesetzten Kursen zu sehr um die Schüler „im Mittelfeld“ kümmert. Diesen leistungsstarken Schülern, von denen es in der Oberstufe eine ganze Menge gibt, kommt die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit wirklich zugute. Und die Leistungsschwächeren werden mitgezogen, ohne dass es zu unmenschlichem Leistungsdruck käme.  Denn jeder Lehrer weiß: Überforderung ist immer besser als Unterforderung.

Ich glaube, dass viele Schulpolitiker der Propaganda von Elterninitiativen aufgesessen sind, die ein Zerrbild vom G 8 – Gymnasium als unmenschlicher Paukanstalt gezeichnet haben. Pädagogischen Forderungen von Eltern liegen, wie Lehrer wissen, nicht immer hehre Motive zugrunde. Oft sind sie schlicht von Eigennutz geprägt. Vielleicht ahnen die Eltern, dass ihre Kinder den Leistungsanforderungen des verkürzten Gymnasiums nicht gewachsen sind. Sie wollen für ihr Kind zwar das gymnasiale Renommee, bei den Leistungsanforderungen hätten sie´s dann aber gerne so gemächlich wie in der Gesamtschule.

Natürlich muss sich ein Gymnasium, an dem man das Abitur nach acht Schuljahren ablegt, fachlich und didaktisch den neuen Gegebenheiten anpassen. Ein Gymnasium, das heute noch   von seinen Schülern Stoffberge abarbeiten ließe, hätte den Trend der Zeit ohnehin verschlafen und bräuchte dringend ein methodisches Update. Gute Gymnasien haben ein altes didaktisches Prinzip neu entdeckt:   Exemplarisches Lernen ermöglicht es, an wenigen Beispielen viel zu lernen. Und ein systematisches Methodentraining in den unteren Klassen spart kostbare Zeit, weil die Schüler das methodische Rüstzeug zur Erschließung von Stoffinhalten verinnerlicht haben.

Ich kann auch nichts Falsches darin finden, dass die Kultusminister das Alleinstellungsmerkmal des Abiturs nach 13 Schuljahren für die Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen reservieren wollen. Dort finden sich ja die Schüler, denen ein langsameres Lerntempo gut tut. Das sollte man ihnen dann auch gönnen. „Jedem nach seinen Fähigkeiten“ ist in der Pädagogik vielleicht doch ein sinnvolles Prinzip.

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Eingeordnet unter Schulformdebatte, Unterrichtsmethoden

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