Einwandererkinder ohne Chancen?

Jedes Jahr stellt der/die „Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration“ den „Bericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland“ vor. Seit der letzten Bundestagswahl im September 2013 wird die Position der „Beauftragten“ von der SPD-Politikerin Aydan Özoguz wahrgenommen. In der Öffentlichkeit wurde nach der Vorstellung des Berichts vor allem über den Aspekt der Bildung diskutiert, weil immer davon die Rede ist, dass Integration am besten durch Bildung gelinge. Der Bericht registriert zwar Verbesserungen bei den Schulabschlüssen von Kindern mit ausländischen Wurzeln gegenüber den Vorjahren. Im Vergleich zu den deutschen Kindern seien sie aber immer noch „benachteiligt“. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Ausländische Kinder sind an den Hauptschulen mit 27,5 % (im Vergleich dazu deutsche Kinder: 10,6 %) und an den Gymnasien mit ca. 26 % (deutsche Kinder: ca. 52 %) vertreten. Keinen Schulabschluss schaffen 11,6 % der ausländischen Kinder, während bei den deutschen nur 5 % zu den absoluten Schulversagern zählen. Als Fazit formuliert der Bericht, dass die Chancengleichheit und -gerechtigkeit „trotz Verbesserungen in den letzten Jahren in unserem Bildungssystem nicht gewährleistet sind.“

Der Bericht differenziert die Bildungsstatistiken teilweise nach einzelnen ethnischen Einwanderer-Gruppen. So wird festgehalten, dass der Anteil türkischstämmiger Kinder an höheren Schulen unterdurchschnittlich ausgeprägt sei, während russischstämmige Kinder sich hinsichtlich des Besuches höherer Schulen nicht von deutschen Kindern unterschieden. Bei der Frage nach den Ursachen für diese signifikanten Unterschiede greift der Bericht leider auf eine unbewiesene Behauptung der Autoren der PISA-Tests zurück, die schon seinerzeit bei der Veröffentlichung auf Unverständnis stieß. Den Lehrkräften wird unterstellt, sie hätten bestimmten ethnischen Gruppen gegenüber eine „mangelnde Wertschätzung und Akzeptanz“. Überhaupt werden in dem Bericht Versäumnisse immer nur bei den staatlichen Institutionen, Schulbehörden, Bildungseinrichtungen, Lehrkräften, festgemacht. Nur vage klingt an, dass Bildung auch von den jungen Menschen und ihren Eltern gewollt werden muss, um als Medium der Lebensbereicherung und der Chancengerechtigkeit wirken zu können.

Leider wird die bei weitem erfolgreichste Einwanderer-Gruppe in dem Bericht gar nicht erwähnt. Es sind die Kinder aus asiatischen Ländern (Vietnam, Thailand, Kambodscha, u.a.). Die Kinder dieser ethnischen Gruppen schneiden beim Schulerfolg  mit Abstand am besten ab. In vielen Klassen und auch im Abitur gehören sie zu den Besten. Wenn die Unterschiede zwischen asiatischen Einwanderer-Kindern und Kindern aus Ländern des arabisch-türkischen Kulturraums so groß sind, stellt sich doch zwangsläufig die Frage, ob nicht die unterschiedlichen Milieuprägungen und kulturell codierten   Einstellungen letztlich über Erfolg und Misserfolg in Schule und Universität entscheiden. Amerikanische Studien haben ergeben, dass Kinder aus asiatischen Ländern an amerikanischen und kanadischen Universitäten mit Abstand die beste fremd-ethnische Gruppe bilden. Bildungsforscher führen dies darauf zurück, dass die ganze Familie, oft sogar der ganze Familienclan, nur ein einziges Ziel verfolgt: dem Kind in der neuen Heimat eine gute Zukunft, also ein Leben in Wohlstand, zu ermöglichen. Und die Einwanderer aus Asien haben begriffen, dass dieses Ziel in einer Leistungsgesellschaft nur mit hohen Bildungsabschlüssen verwirklicht werden kann. Die Familienverbände legen deshalb zusammen, um ihren Kindern den Besuch der teuren Privatschulen und Universitäten zu ermöglichen. Es versteht sich dann von selbst, dass die Kinder alles tun werden, um ihre Familien nicht zu enttäuschen. So erzeugt die Bildungshoffnung der Eltern den Bildungserfolg ihrer Kinder.

Eine vergleichbare positive Einstellung zur Bildung kann man leider bei Eltern aus muslimischen Familien nicht durchgängig feststellen (Eine positive Ausnahme bilden Eltern aus dem Iran). Oft herrscht noch die archaische Haltung vor, Mädchen bräuchten keine höhere Bildung, weil sie ohnehin früh heiraten. Und Jungen müssten vor allem lernen, sich in der Gesellschaft durchzusetzen. Gesellschaftlichen „Respekt“ – ein Schlüsselbegriff dieses Kulturraums – könne man auch ohne höhere Bildung erwerben. Ein Job an der Dönerbude des Onkels tue es auch, wenn man nur gelernt habe, sich durchzusetzen.

Bei der Untersuchung der Ursachen für den schulischen Erfolg deutscher Kinder hat man schon sehr früh festgestellt, dass es vor allem auf den Bildungshintergrund der Eltern ankommt. Akademische Eltern prägen ihre Kinder in ganz anderer Weise als Eltern, die selbst nur über einen Hauptschulabschluss verfügen. Intelligenz bildet sich über Sprache. Muttersprachliche Verbalisierungsstrategien schon im frühesten Kindheitsalter   sind deshalb die besten Garanten für schulischen Erfolg. Dies gilt in noch höherem Maße für Kinder aus Migranten-Familien. Wenn dort nur eingeschränkt oder gar nicht Deutsch gesprochen wird, wenn selbst das Fernsehen in der Heimatsprache konsumiert wird, geraten diese Kinder schon im frühen Alter gegenüber ihren deutschen Altersgenossen unweigerlich ins Hintertreffen. Sprachforscher haben festgestellt, dass diese Verbalisierungsrückstände nie mehr ganz aufgeholt werden können. Dies ist auch die Ursache für den deprimierenden Befund des Berichts, dass selbst Ausländerkinder mit Abitur als Erwachsene einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt sind als deutsche Schüler mit Abitur. Sie tragen die „Benachteiligung“ quasi als Gepäck durch ihr ganzen Leben.

In den letzten Monaten hat die Bildungsdiskussion noch eine ganze andere, eine ziemlich beunruhigende Dimension angenommen. Der Verfassungsschutz hat festgestellt, dass es sich bei den jungen Männern, die aus Deutschland in den Dschihad nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, um dort die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ zu unterstützen, überwiegend um Schulabbrecher handelt. Jedes Kind und jeder Jugendlicher sehnt sich danach, Anerkennung für eine erbrachte Leistung zu bekommen. In unserer Gesellschaft vermittelt sich Anerkennung in erster Linie über den formalen Schulabschluss und die sich daraus ergebenden Lebenschancen. Wem diese Perspektive verbaut ist, weil er in der Schule versagt hat, sucht sich andere Möglichkeiten der Aufwertung der eigenen Existenz und der individuellen Sinnstiftung. Bei Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund geschieht dies dann häufig durch die Adaption eines archaisch verstandenen Islam. Unserer Gesellschaft muss also schon aus Gründen der Inneren Sicherheit daran gelegen sein, dass es keine Schulversager mehr gibt.

Wie kann man dieses Ziel erreichen? Man müsste nach der Losung „Wir lassen keine/keinen zurück!“ jeden Schüler so lange beschulen, bis er den Mittleren Schulabschluss geschafft hat, der den Weg in einen Lehrberuf ebnet. Dazu müsste die bisher gesetzlich limitierte Dauer der Schulpflicht im Einzelfall verlängert werden können. Wenn dieses Vorhaben in den herkömmlichen Schulen nicht gelingt, weil sich dort die Lehrkräfte wegen der zu großen Klassen nicht ausreichend um problematische Schüler kümmern können, müssten dafür spezielle Einrichtungen geschaffen werden. Man muss sie ja nicht gerade mit dem stigmatisierenden Begriff „Förderschule“ versehen. Nur enges Coaching durch einen Lehrer, der wegen seiner Persönlichkeit von den oft schwierigen Schülern akzeptiert wird, könnte die Schüler zum Schulabschluss führen.

Für die Schüler aus Ausländerfamilien, deren Begabung und Motivation ausreicht, um die Regelschule zu besuchen, müsste man von der Grundschule bis zum Abitur eine sprachliche Zusatzförderung organisieren, die den regulären Fachunterricht ergänzt. Das Ziel dieser Förderung müsste sein, dass sich Schülern dasselbe elaborierte Sprachverständnis aneignen, das Kinder aus deutschen Familien in ihrer frühkindlichen Sozialisation naturwüchsig erwerben. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man sich auf dem Niveau einer Zweitsprache artikulieren kann, wo oft schon 5.000 Wörter für die Alltagskommunikation ausreichen, oder ob man in der Lage ist, literarische Texte oder anspruchsvolle journalistische Texte zu verstehen, für die man einen Wortschatz von 20.000 Wörtern benötigt.

Beide Förderprogramme würden, wenn man sie in Angriff nehmen wollte, eine Menge Geld kosten.   Es wäre eben doch besser gewesen, die jetzige Bundesregierung hätte die Milliarden, die sie in die Rentner investiert, für die Ausbildung unserer Kinder zur Verfügung gestellt.

 

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