Warum Privatschulen so erfolgreich sind

 Eltern sind wählerisch, wenn es um die Suche nach der richtigen Schule für ihre Kinder geht. Sorgfältig prüfen sie die „Bonität“ der in Frage kommenden Schulen – also ihre pädagogische Qualität. Sie lesen die Berichte der staatlichen Schulinspektion und sprechen mit Schulangehörigen: mit Eltern, Schülern und Lehrern. Auch Schulen in privater Trägerschaft kommen bei der Schulwahl in Betracht, vor allem dann, wenn sich die staatliche Schule als nicht besonders leistungsstark erweist. Wenn keine passende Schule im „Angebot“ ist, gründen Eltern auch gerne selbst eine Privatschule. In den letzten Jahren war ein richtiger Gründungsboom zu verzeichnen. Gründungshauptstadt ist Berlin, wo vor allem in den Bezirken mit bildungsbeflissenen Eltern viele Privatschulen ihre Arbeit aufgenommen haben. Zwei Privatschulen im Arbeiterbezirk Wedding versuchen seit kurzem das Novum, ihre Einrichtung ohne Schulgeld, nur durch Spenden zu betreiben. Sie wollen unterprivilegierten Kindern den Schulbesuch ermöglichen.

Die weltanschaulichen und pädagogischen Grundlagen der neu entstandenen Schulen sind so vielfältig wie das Leben selbst: Es gibt christlich gebundene, anthroposophisch geprägte Schulen (Waldorf-Pädagogik nach Rudolf Steiner), Montessori-Schulen und Landerziehungsheime, die der Reformpädagogik („Lernen mit Herz, Kopf und Hand“) verpflichtet sind. Neben diesen eher traditionell geprägten Privatschulen gibt es auch moderne, die auf die aktuelle Situation unserer Gesellschaft antworten. Es sind Schulen mit naturwissenschaftlichem Profil mit einem Schwerpunkt auf den MINT-Fächern   oder Schulen mit Bilingualität.

All diesen Schulen in freier Trägerschaft ist ein Merkmal gemeinsam, das sie zugleich von den staatlichen Schulen unterscheidet. Sie vertreten eine spezielle Pädagogik, die das Lernen der Schüler, aber auch das Klima der ganzen Schule prägt. Dabei ist auffällig, dass das erzieherische Moment gleichberechtigt neben das (aus)bildende Element tritt. Man könnte also durchaus von einer ganzheitlichen Lern- und Erziehungskultur sprechen.

Das deutsche Wort „erziehen“ leitet sich von zwei lateinischen Verben ab. Das erste heißt   „educare“ (= erziehen), das zweite „educere“ (= herausführen). Das zweite Verb veranschaulicht sehr gut, worum es dem Erzieher geht. Er will das Kind aus dem menschlichen Rohzustand herausführen, indem er ihm die Welt des Wissens erschließt und es gleichzeitig mit unseren zivilisierten Verhaltensnormen vertraut macht. Auch das griechische Wort „paideia“, von dem sich der Begriff Pädagogik ableitet, meint die Herstellung seelisch-geistiger Harmonie durch das Einwirken Erwachsener auf das Kind. Auch hier dominiert ein ganzheitliches Verständnis von der Vervollkommnung des Menschen im Erziehungsprozess. Der humanistische Bildungsbegriff von Wilhelm von Humboldt, den er zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte, hielt noch an der Vorstellung zweckfreien Lernens und Studierens jenseits der Zwänge gesellschaftlicher Erfordernisse fest.  Er folgte  der Losung des romantischen Dichters Ludwig Tieck: „Das wahrhaft Hohe kann und darf nicht nützen.“  Erst nach der sog. Bildungsrevolution in den 1960er und 1970er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland geriet dieser ganzheitliche Bildungsbegriff immer mehr ins Hintertreffen, ja, er musste einer rationellen, funktionablen Vorstellung von Bildung weichen. „Bildungsökonomie“ wurde das neue Zauberwort. Bildung wurde zur Ausbildung für den Arbeitsmarkt. Das alte Pädagogenwort „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ erhielt dadurch eine fragwürdige Akzentuierung. Die Komplexität   der heutigen staatlichen Schule, ihr überbordendes Regelwerk und die allumfassende Verrechtlichung des Pädagogischen erinnern eher an Lernfabriken denn an die pädagogische Anstalt, die die großen Bildungsreformer von Comenius („Alles fließe aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern den Dingen“) über   Pestalozzi („Hilf mir, es selbst zu tun!“) bis zu Ellen Key („Das Jahrhundert des Kindes“) vor Augen hatten. Was ist von einer Schule zu halten, in der nur noch ein einziger Experte – der pädagogische Koordinator – das Regelwerk der Gymnasialen Oberstufe und des Abiturs versteht?

Privatschulen sind, wenn sie gut geführt werden, das schlichte Gegenteil der überregulierten Staatsschule. Sie beharren auf dem Vorrang des Pädagogischen und ordnen den erzieherischen Leitzielen alle Abläufe und Regularien  unter. So geht es in den christlichen Schulen um die Formung der Persönlichkeit als Geschöpf Gottes, das dazu bestimmt ist, seine Anlagen optimal zu entfalten. In den reformpädagogischen Schulen wird darum gerungen, geistige, seelische und manuelle Fähigkeiten der Kinder gleichermaßen zu entwickeln. Der Umgang mit den Schülern, die Organisation der Lernprozesse und die Gestaltung des Schulalltags leiten sich aus diesen Prämissen ab.

Dass den Privatschulen die Bildung der Persönlichkeit der Schüler ein wichtiges Anliegen ist, kann man an den vielen Projekten ablesen, mit denen sie das Lernen bereichern. Oft sind es soziale Projekte, wie die Kooperation mit Suppenküchen, Seniorenheimen oder Asylbewerber-Unterkünften, bei denen die Schüler lernen, sich ihrer sozialen Verantwortung in der Gesellschaft bewusst zu werden. Die wertehaltige Erziehung und Bildung kann man auch daran ablesen, dass viele Schulen Kooperationen mit Naturschutzprojekten eingehen, ja, dass sie selbst solche Projekte eigenverantwortlich durchführen. All diese Unterrichtsprojekte ermöglichen es den Schülern, primäre Erfahrungen im praktischen Leben zu sammeln. Als Gegenpol zu den sekundären Erfahrungswelten, die die modernen Medien in Permanenz vermitteln, ist dies nicht zu unterschätzen. Bildungsbewusste Eltern schätzen es, wenn die Schule den medialen Verlockungen eine lebendige Erlebnis-Pädagogik entgegensetzt.

Es ist die Gelassenheit im täglichen Umgang miteinander, die Außenstehende immer wieder von Neuem beindruckt, wenn sie eine privat geführte Schule von innen erleben. Ein Grundsatz des Reformpädagogen Hartmut von Hentig scheint in diesen Schulen lebendig zu sein: „Wenn die Ziele groß sind, können die Schritte klein sein.“ Wer sich diesem Wort verpflichtet fühlt, kann das pädagogische Handwerk offensichtlich mit Selbstverständlichkeit und Gelassenheit betreiben. Diesen Handwerkerstolz des ambitionierten Pädagogen findet man an staatlichen Schulen nur noch selten.

Von dem geistreichen romantischen Ironiker Jean Paul stammt die schöne Charakteristik der Schule als einer Institution, die ein erfülltes Leben ermöglicht: „Alles Lernen war mir Leben“. Das Miteinander der lernwilligen Knaben in der Schule war für ihn die „Seligkeit des Miteinanderhausens“. Wenn es die Schulen in privater Trägerschaft schaffen, ihren Schülern ein wenig von dieser „Seligkeit“ zu vermitteln, haben sie einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung unseres „stressgeplagten“ Schulwesens geleistet.

 

 

 

 

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