Neue Schulformen oder eine bessere Pädagogik?

Trifft man bei Bildungskongressen auf Lehrer aus dem Ausland, stellen sie immer eine Frage: Sind die Deutschen in Schulformen verliebt, weil sie ständig neue gründen? Als Lehrer habe ich längst aufgegeben, die Gäste durch den Dschungel der deutschen Schulformen hindurchzuführen. Die föderale Gliederung der Republik bringt es mit sich, dass die Zahl unterschiedlicher Schulformen schier unübersehbar geworden ist. Nur noch Verwaltungsexperten können sie auseinander halten. Das Hickhack um G8 und G9 hat die Zahl der Schulformen noch weiter vergrößert, ja merkwürdige Hybridformen (G8 und G9 unter einem Dach) hervorgebracht. Bildungspolitiker lieben solche Neugründungen. Weil sie vom Kerngeschäft der Schule, dem Unterricht, zu wenig verstehen, suchen sie ihr Heil in organisatorischen Veränderungen. Dabei unterliegen sie dem fatalen Trugschluss, man müsse die Schülerschaft nur neu mischen, und schon entstehe eine wunderbare neue Lernkultur. Jeder Lehrer weiß, dass die Schüler dieselben bleiben, wenn man das Schild an der Eingangstür austauscht. Nur die Verbesserung der Unterrichtsqualität kann das Wissen der Schüler mehren und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit fördern. Die Öffentlichkeit, vor allem auch die Eltern, mokiert sich über die Anmaßung der Politik, beim Machtantritt sofort das vorgefundene Schulsystem gründlich „umzupflügen“. Zu wenig wird jedoch der weltanschauliche Hintergrund derer zur Kenntnis genommen, die sich bei der Erfindung neuer Schulformen besonders hervortun. Es sind Bildungspolitiker aus dem rot-grünen Lager. Sie vertreten den Standpunkt, dass alle Kinder gleichermaßen begabt seien und über dieselbe Intelligenz verfügten. Wenn sich das im Unterricht und in den Leistungsnachweisen nicht zeige, liege es daran, dass das gegliederte Schulsystem nicht in der Lage sei, die verschütteten Potentiale freizusetzten. Wenn man hingegen auf „Selektion“ verzichte – so die Adepten der Gemeinschaftsschule – , indem man die Schüler ungeachtet ihrer Voraussetzungen gemeinsam unterrichte, wüchsen die vermeintlich Schwachen an den hohen Zielen, während die Leistungsstarken sich als Helfer „sozial“ nützlich machen könnten. So die hehre Theorie. Nach allem, was man über Lernprozesse in heterogen zusammengesetzten Lerngruppen weiß, sinkt nach der Vermischung das Leistungsniveau deutlich ab. Die Lehrkraft, die sich primär um die Mehrzahl der Schüler, das mittlere Leistungsspektrum, kümmern muss, kann weder den Leistungsstarken noch den Leistungsschwachen unter den Schülern voll gerecht werden. Die Folge sind Frustration, Verfall der Disziplin und Demotivation der Lehrkräfte. Auch das individuelle Lernen bietet keinen sinnvollen Ausweg. Die Zersplitterung der Lernprozesse schafft Sieger und Verlierer und wird von vielen Eltern als neue Form der Stigmatisierung empfunden. Man lese nur die Klagen der Eltern in den sozialen Netzwerken in Baden-Württemberg. Die klassische Gesamtschule kann noch am besten mit der heterogen gemischten Schülerschaft umgehen, und das nur deswegen, weil sie konsequent nach Fachleistungskursen differenziert. Sie macht also nichts anderes, als das dreigliedrige Schulsystem, das man ja eigentlich überwinden wollte, im Inneren abzubilden. Etikettenschwindel mit großem Aufwand. Die Folgen dieser Schulexperimente mit ungewissem Ausgang kann man an einem Trend ablesen. Bildungsbeflissene Eltern, denen der Leistungsstandard an den Schulen ihrer Kinder nicht gleichgültig ist, gründen ohne Umschweife neue Privatschulen. Diese entziehen dem öffentlichen Schulsystem gerade die Kinder, auf die unsere Schulen dringend angewiesen wären. Ironisch könnte man   die rot-grünen Schulexperimente mit Goethes Figur des Mephisto kommentieren:  „Ich bin ein Teil von jener Kraft, der stets das Gute will und stets das Böse schafft.“

 

 

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Eingeordnet unter Schulformdebatte

Eine Antwort zu “Neue Schulformen oder eine bessere Pädagogik?

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