Für eine Pädagogik der Verantwortung

In der FAZ vom 11. 08. 2014 war zu lesen, dass eine erschreckend hohe Zahl von Schülern das Probejahr an den Realschulen und Gymnasien in Baden-Württemberg nicht bestanden hat. Dieses Phänomen kann man in allen Bundesländern besichtigen, in denen ein Sozialdemokrat oder ein Grüner den Bildungsminister stellt. Der Grund liegt auf der Hand. Die Realschulen und Gymnasien wurden per Gesetz gezwungen, alle Schüler aufzunehmen, deren Eltern dies wünschen. Die bisher gültigen Grundschulempfehlungen wurden abgeschafft, weil ihre Prognosefähigkeit angeblich zweifelhaft war. Der Hintergedanke dabei ist leicht zu durchschauen: Wenn man das ungeliebte Gymnasium schon nicht abschaffen kann, soll es wenigstens gezwungen werden, zu einer „Gesamtschule light“ zu mutieren.

In Berlin schwankt die Zahl der Schüler, die das Gymnasium nach einem Jahr wieder verlassen müssen, seit 2012 zwischen 700 und 1000 Schülern. Dies führt regelmäßig zu organisatorischen Friktionen, weil an den meisten aufnehmenden Schulen – in der Regel sind dies Integrierte Sekundar- oder Gesamtschulen – die Klassen voll sind. Die Schüler, die die Schulverwaltung mit der unschönen Vokabel „Rückläufer“ versehen hat, werden dann in einer neu einzurichtenden Klasse untergebracht. Neben den regulären Klassen gibt es dann „Rückläuferklassen“. Jedem Pädagogen, dem die Schüler als Menschen noch etwas bedeuten, sträuben sich bei dieser Vorstellung die Haare. Diese Kinder haben ein volles Jahr lang am Gymnasium erleben müssen, dass sie durch den Unterrichtsstoff überfordert waren. Sie waren umgeben von Schülern, die alle kniffligen Probleme im Nu lösten und die von Erfolg zu Erfolg eilten. Man braucht kein Psychologe zu sein, um zu ahnen, was dieses permanente Misserfolgserlebnis in den Seelen der Kinder anrichtet. Wenn sie nach der Umschulung dann noch mit Ihresgleichen in einer Sonderklasse zusammengefasst werden, ist die Stigmatisierung perfekt.

An solchen Ergebnissen kann man studieren, wohin eine Bildungspolitik führt, die ideologischen Vorgaben mehr vertraut als der Evidenz des Faktischen. Sarkastisch könnte man mit dem Dichter Reiner Kunze sagen: „Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht der Einzelne.“ Ich habe in meiner 35-jährigen Tätigkeit als Lehrer meine Hoffnung nie völlig aufgegeben, dass auch im Handeln einer Schulbehörde letztlich pädagogische und menschliche Erwägungen obsiegen. Jetzt wäre die Zeit gekommen, die Fehler zu korrigieren. Überehrgeizigen Eltern, die ihre Kinder überfordern, und linken Strategen, die das Gymnasium durch „soziale Gerechtigkeit“ überwinden wollen, sollte eine Pädagogik der Verantwortung für das Kind entgegengesetzt werden.

 

 

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