Wie das Elternhaus den Schulerfolg unserer Kinder beeinflusst

Es gehört zu den unerschütterlichen Gewissheiten linker Bildungspolitik, die Schule als unsoziale Einrichtung zu brandmarken, weil sie es nicht schaffe, die soziale Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern auszugleichen. Eingängig, man könnte auch sagen platt, wird behauptet, der Geldbeutel der Eltern entscheide über den Schulerfolg der Kinder. „Wissenschaftlich“ unterstützt wähnen sich die Kritiker durch die Bildungsberichte der OECD, die Deutschland regelmäßig ein „sozial selektives“ Bildungssystem attestieren. Es ist schwer, gegen diese geballte Schulschelte im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ anzukommen. Umso dankbarer ist man, wenn man aus berufenem Munde Entlastendes lesen kann.

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 24. 07. 2014 erzählte   die Abiturientin Bianca Kämmerer mit erstaunlicher Offenheit, warum sie im ersten Anlauf die Abiturprüfung nicht geschafft hat. Schon weit vor dem Abitur hatte sie festgestellt, dass andere Schüler ihr im Verständnis historischer und politischer Gegenstände überlegen waren (Ihr Leistungsfach war Sozialwissenschaften.). Ihre Einsicht: „Ich habe nie zu denen gehört, die gute Schüler als Streber abgestempelt haben, ich fand es eher beneidenswert, wie schlau sie sind. Vielleicht reden sie zu Hause mehr über Politik, lesen mehr. Vielleicht müsste ich auch mehr lesen, mehr Nachrichten gucken.“

Hier formuliert eine Schülerin, was um Ehrlichkeit bemühte Bildungsforscher immer schon gesagt haben: Die Prägungen durch das elterliche Milieu sind sehr hartnäckig. Sie setzen sich in die Schule hinein fort, ja, sie können letztlich über Erfolg oder Misserfolg in der Schule entscheiden. Bianca konnte die Defizite, die sie in der häuslichen Sozialisation erworben hatte, auf dem langen Weg zum Abitur nicht mehr ganz ausgleichen. Immerhin hat sie noch eine zweite Chance, das Abitur zu bestehen.

Die Benachteiligungen von Kindern beginnen, wie man heute weiß, sehr früh. Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern elaboriert reden und diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im hintersten Waggon des Geleitzuges.

Grundschullehrer werden als erste schulische Pädagogen mit den Defiziten von Kindern konfrontiert. Sie berichten von Schülern, die noch nie eine Schere in der Hand hatten, die nicht in ganzen Sätzen reden und sich nicht länger als zehn Minuten lang konzentrieren können. An ihrer Seite sitzen aber Schüler, die schon lesen und schreiben können, weil sie es schon zu Hause gelernt haben. Die Grundschulpädagogik hat inzwischen gelernt, mit solchen gravierenden Unterschieden umzugehen. Trotzdem gelingt es den Lehrern nicht, alle auf dasselbe Niveau zu bringen, bis der Übergang auf die Oberschule ansteht. Zu „nachhaltig“ sind die Defizite, die die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern in die Schule mitbringen.

Hat die Schule überhaupt eine Chance, diese Defizite noch ausgleichen? Nach allem, was man über kompensatorische Bildung weiß, kann sie es nur sehr begrenzt. Sie kann es vor allem nicht dadurch, dass man die schwachen Schüler mit den Kindern gemeinsam unterrichtet, die überragende Fähigkeiten besitzen. Letztlich wird der Lehrer in einem Unterricht in so stark heterogenen Lerngruppen keiner der beiden Schülergruppen gerecht. Jeder, der einmal in einer normalen Schulklasse im Gymnasium unterrichtet hat, weiß, wie schwierig es ist, den Lernstoff so aufzubereiten, dass er bei seinem Vorgehen in der Stunde allen Lernniveaus gerecht wird. Binnendifferenzierung gehört nämlich zu den schwierigsten Handwerkstechniken eines Lehrers. Wie soll dies erst gelingen, wenn alle Kinder eines Jahrganges – unabhängig von ihren intellektuellen Fähigkeiten – in einer Klasse sitzen?

Die seit einigen Jahren als Ausweg aus dem Dilemma angepriesene Methode des „Individualisierten Lernens“ kann nach allem, was man inzwischen weiß, die Bildungsdefizite benachteiligter Kinder nicht beseitigen. Auch bei dieser Methode lernen sie am langsamsten, schließen sie die Lernsequenzen als letzte mit einem Test ab und fühlen sich deshalb als Versager. Die Klagen von Eltern, deren Kinder an Gemeinschaftsschulen unterrichtet werden, sollten uns zu denken geben. Sie sprechen von einer neuen Form der Stigmatisierung, von einer „subtilen Selektion“, die die offene des dreigliedrigen Schulsystems abgelöst habe.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die besten Lernerfolge erzielen Schüler aller Begabungen immer noch in weitgehend homogenen Lerngruppen. Da das dreigliedrige System inzwischen weitgehend durch das Zwei-Säulen-Modell – Gymnasium und Sekundarschule – abgelöst worden ist, sollten die Bildungspolitiker deshalb dafür sorgen, dass in beiden Schulformen weitgehend homogen zusammengesetzte Lerngruppen existieren. Im Gymnasium ist das leicht zu bewerkstelligen. Die einzelne Schule muss nur das Recht erhalten, in einem Auswahlverfahren die für das eigene Schulprofil geeigneten Schüler zu rekrutieren. An der Sekundarschule (der „neuen“ Gesamtschule) kann Homogenität nur dann gelingen, wenn in den einzelnen Unterrichtsfächern – vor allem in den Kernfächern – nach Leistungskriterien differenziert wird, also Fachleistungskurse eingerichtet werden. In manchen Fächern – den musischen und im Sport – kann auch heterogen – also gemeinsam – unterrichtet werden. Dies hilft, den Klassenzusammenhalt zu stärken, der unter der Differenzierung des Unterrichts leidet.

Jede Schule in unserem Land   sollte sich programmatisch dazu verpflichten, Stütz- und Förderkurse für schwache Schüler einzurichten. Es hat sich bewährt, solche „Nachhilfe“-Kurse auch von guten Schülern leiten zu lassen. Eine solche anspruchsvolle Aufgabe fordert sie intellektuell und schärft ihre soziale Kompetenz.

Für die Biancas unserer Schulen sollte es auf jeder Klassenstufe die passende Lernhilfe geben.

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Sozialer Aufstieg durch Bildung

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