Ideologie gegen Kindeswohl

Wenn ein Deutschlehrer am Gymnasium oder an einer Gesamtschule eine Eingangsklasse (in der Regel in der 5. Jahrgangsstufe) neu übernimmt, wird er schon nach einer Woche Unterricht feststellen können, welche Kinder aus bildungsbeflissenen und welche aus bildungsfernen Elternhäusern stammen. Kinder von Akademikern schaffen es in der Regel, sich gewandt und flüssig auszudrücken. In der verbalen und schriftlichen Kommunikation machen sie kaum Fehler, weil sie es in der häuslichen Sozialisation von klein an gelernt haben, mit dem Wort sicher umzugehen. Ihre Sätze sind differenziert, oft in Haupt- und Gliedsätze gegliedert. Damit gelingt es ihnen, auch komplexe Sachverhalte adäquat zu beschreiben.   Kinder aus der deutschen Unterschicht oder aus der Migrantenschicht fallen dagegen sehr stark ab. Sie sprechen oft nur in kurzen Sätzen, manchmal auch nur mit einzelnen Wörtern. Bei Kindern mit Migrationshintergrund kommen oft noch grammatische Fehler hinzu.

Bildungsforscher betonen immer wieder, wie wichtig das sprachliche Vermögen der Schüler   bei der Erschließung des Wissenskosmos sei, mit dem sie in unseren Schulen konfrontiert werden. Mit Hilfe der Sprache erschließen sie die Welt, in der wir leben. Auch bei der Bewertung der schulischen Leistungen spielt die Sprachkompetenz des Schülers eine große Rolle. Wer über komplexe Sprachstrukturen verfügt, kann sich Wissensgebiete leichter erschließen, weil er die Texte in den Lehrbüchern besser versteht. Wer sich gut ausdrücken kann, kann Sachverhalten besser beschreiben. Das schlägt sich in einer besseren Benotung von Aufsätzen und Klassenarbeiten nieder.

Die Schüler mit einer unterentwickelten Sprachkompetenz können die Defizite im Laufe ihrer Schulzeit kaum noch aufholen. Das liegt daran, dass sich im Fortgang des Unterrichts auch die sprachgewandten Schüler weiterentwickeln. Es ist wie beim Sport: Wenn sich ein schwacher Läufer durch hartnäckiges Training verbessert, verbessert sich ein gewandter Läufer gleichermaßen – oft noch schneller, weil seine Ausgangslage eine bessere war. Deutschlehrer bestätigen dies: Selbst die ausgeklügeltsten kompensatorischen Sprachprogramme für Schüler können die Kluft zwischen den sprachkompetenten und den sprachschwachen Schülern nicht mehr schließen.

Wenn dem so ist, gibt es nur einen zuverlässigen Weg, die sprachlichen Defizite von Kindern zu beheben. Man muss sie so früh wie möglich aus dem wenig anregenden Milieu des Elternhauses herausnehmen und sie von den sprachfördernden Erziehungsprogrammen einer Kindertagesstätte profitieren lassen. Dies ist Allgemeingut unter den Sprachforschern jeglicher politischer Couleur und den Pädagogen aller Bildungseinrichtungen.

Vor einem Jahr wurde von der derzeitigen Bundesregierung das Betreuungsgeld eingeführt. Es gewährt Eltern, die ihr Kind vom 15. Lebensmonat bis zum dritten Lebensjahr zur Hause erziehen, einen Zuschuss von 100 € im Monat. Ab 1. August 2014 steigt die Zuwendung auf 150 €. Diese familienpolitische Maßnahme, die vor allem von der CSU gewünscht wurde, war von Anfang an umstritten. Von den Kritikern wurde das Betreuungsgeld verächtlich als „Herdprämie“ bezeichnet. Damit verband sich vor allem die Kritik an einem veralteten Rollenbild der Frau, das die Frau dem Erwerbsleben entzieht und sie wieder – wie in vergangenen patriarchalischen Zeiten – an den Herd bindet.

Das Deutsche Jugendinstitut hat im Juli 2014 in Zusammenarbeit mit der Universität Dortmund eine Studie veröffentlicht, die untersucht, welche Bevölkerungsschichten das Betreuungsgeld verstärkt in Anspruch nehmen. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Es sind vor allem die Eltern aus sozial benachteiligten, bildungsfernen und migrantisch geprägten Schichten. Auch Erwerbslose nehmen die Zuwendung gerne in Anspruch. Damit ist genau das eingetreten, was die Kritiker von Anfang an befürchtet haben: Gerade die Kinder, die es auf Grund ihrer häuslichen Benachteiligung am nötigsten hätten, eine Kindertagesstätte zu besuchen, werden diesen Einrichtungen durch den Elternwillen entzogen. Den Eltern kann man nicht einmal einen Vorwurf daraus machen, dass sie ihre Kinder zu Hause erziehen. Sie verdienen oft so wenig, dass sie die 100 € oder 150 € gerne in Anspruch nehmen, um ihr Einkommen aufzubessern.

Von einem Beitrag zur Chancengerechtigkeit dieser Kinder durch das Betreuungsgeld kann man nach der Lektüre dieser Studie nicht mehr reden. Im Gegenteil: Diese Zuwendung wirkt sich in der Praxis wie eine Belohnung dafür aus, die eigenen Kinder der sprachlichen Förderung und kompensatorischen Erziehung in einer KITA zu entziehen. So werden Lebenschancen zunichte gemacht.

Absurder geht es nicht mehr: Der Staat hat bundesweit einen Rechtsanspruch der Eltern auf einen Platz in einer Kindertagesstätte durchgesetzt. Die Bundesländer streben an, die Betreuung in der KITA kostenfrei zu stellen. Gleichzeitig werden aber die Eltern materiell belohnt, die ihre Kinder der Sprachförderung in der vorschulischen Einrichtung entziehen. Weiß hier die eine Hand nicht mehr, was die andere tut? Der Grund ist ein anderer. Die CSU hängt an einem alten Rollenbild von Familie und Erziehung. Sie wollte ihrer konservativen Stammklientel, für die staatliche Kinderbetreuung ein Horror ist, etwas Gutes tun. Deshalb hat sie mit viel Druck und ideologischem Getöse das auch in der CDU ungeliebte Betreuungsgeld im Koalitionsvertrag durchgesetzt. Die Leidtragenden sind die Kinder aus benachteiligten Elternhäusern. Sie werden um die Chancen gebracht, die ihnen nach unserem Grundgesetz zustehen („Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“, Art. 2). Hier steht Ideologie gegen Kindeswohl.

 

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