Vier Jahre Sekundarschule in Berlin – ein Erfolgsmodell?

Bildungspolitiker pflegen eine Vorliebe, die Lehrer und Eltern wenig sympathisch finden. Sie lieben es, immer neue Schulformen in die Welt zu setzen. Dabei unterliegen sie dem Trugschluss, man müsse die Schüler nur neu mischen und das Schild am Schultor austauschen, und schon hätte man eine neue wunderbare Lernkultur. Lehrkräfte begegnen solchen Verheißungen in der Regel mit Skepsis. Sie wissen, dass ein Hauptschüler auch dann ein Hauptschüler bleibt, wenn er die Sitzbank mit einem Realschüler teilt. Die Verfechter der Gemeinschaftschule gehen davon aus, dass die minder begabten Schüler sich an den begabten „aufrichten“, dass sie sich in ihrem Lerneifer und ihrem Sozialverhalten an den guten Schülern orientieren. Stimmt diese Annahme?

In Berlin kann man die Probe aufs Exempel machen. Dort wurden vor genau vier Jahren die Integrierten Sekundarschulen (ISS) gegründet – und zwar durch die Fusion von Haupt- und Realschule. Auch traditionelle Gesamtschulen können sich in „ISS“ umbenennen. Der zweite neue Schultyp ist die Gemeinschaftschule, in der alle Schüler ungeachtet der Grundschulempfehlungen gemeinsam unterrichtet werden. Beide neuen Schulformen bieten den Mittleren Schulabschluss (MSA) an, der für die Schüler, die kein Abitur anstreben, den Weg in die Berufsausbildung ebnet. Im Jahre 2013 wurden Zahlen veröffentlicht, die zeigen, wie die beiden neuen Schulformen beim Mittleren Schulabschluss abgeschnitten haben. Zwar hat sich das Ergebnis aller Schüler im Landesdurchschnitt von 87 % im Jahre 2011 auf 90 % im Jahre 2013 verbessert, auffällig schwach schneidet jedoch genau die Schulform ab, die das Lieblingskind der sozialdemokratischen Schulpolitik in Berlin ist: die Gemeinschaftschule. Hier schafften nur 78 % der Schüler den Abschluss. Die soliden Ergebnisse an den „ISS“ gehen vor allem auf das gute Abschneiden der „alten“ Gesamtschulen zurück (88%), die über eine intakte, lange erprobte Lernkultur verfügen. Dabei muss man wissen, dass die Gesamtschule die Lernprozesse nach Leistungsniveaus differenziert, während die Gemeinschaftschule aus ideologischen Gründen am „gemeinsamen Lernen aller Kinder“ festhält. Im Grunde „bilden“ die Gesamtschulen das dreigliedrige Schulsystem in ihrem Inneren „ab“. Das erklärt vielleicht ihren relativen Erfolg.

Jeder Lehrer weiß, dass das Lernen in homogenen Lerngruppen besser gelingt als in heterogenen. Triften die Lernvoraussetzungen der Schüler, also Begabung, Arbeitshaltung, Ehrgeiz, zu weit auseinander, ist der Spagat im Unterricht kaum noch zu schaffen. Studien belegen, dass bei einer zu starken Differenzierung nur die „Mitte“ profitiert, weil sich die Lehrkraft vor allem auf sie – die größte Gruppe in der Klasse – konzentriert. Benachteiligt sind die Hochbegabten und – wen wundert´s? – die Lernschwachen. Das soziale Anliegen, das die Verfechter der Gemeinschaftsschule stets ins Feld führen, entpuppt sich in der Praxis im Klassenzimmer all zu oft als Illusion. Der Nestor der (west-)deutschen Didaktik Hermann Giesecke warnte schon vor Jahren vor der Illusion, lernschwache Kinder könnten in heterogenen Lerngruppen profitieren, wenn man nur das Lernen differenzierte: „Nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu. Gerade das sozial benachteiligte Kind bedarf, um sich aus diesem Status zu befreien, eines geradezu altmodischen, direkt angeleiteten, aber auch geduldigen und ermutigenden Unterrichts.“ (zit. nach: Michael Felten: „Bildungsgerechtigkeit – Gespenst oder Gebot?“, 2012). Und dieser „direkt angeleitete“ Unterricht, das vom Lehrer gelenkte Gespräch, ist nur in relativ homogenen Lerngruppen zu leisten.

Die Erwartungen, die sich mit der Sekundarschule (und der Gemeinschaftschule) verknüpfen, werden von der Politik in den schönsten Farben gemalt. So heißt es auf der Internetseite der Senatsschulverwaltung von Berlin:

„In der Sekundarschule wird jeder Einzelne nach besten Kräften individuell gefördert: Im Vordergrund steht der Schüler. Im Lernteam und individuell wird an Stationen, in Kleingruppen, Projekten und Lernbereichen gearbeitet. Das bedeutet mehr Chanchengerechtigkeit und mehr Motivation für jeden Schüler. Niemand bleibt auf der Strecke. Das demotivierende Sitzenbleiben gibt es nicht mehr.“

Wie sieht diese wunderbare Lernkultur in der Praxis aus? Schulleiter und Lehrer von Sekundarschulen beschreiben die Realität an ihren Schulen in der Öffentlichkeit ziemlich ungeschminkt. Der Schulleiter der Benjamin-Franklin-Sekundarschule sagte zum Beispiel, als eine hochrangige Delegation von SPD-Politikern seine Schule besuchte: „Die Hauptschüler passen sich nicht etwa dem Leistungsniveau der Realschüler an, sondern es ist genau umgekehrt.“ („Berliner Woche“ vom 11. 04. 2012). Auch über die Personalausstattung der Schule klagte er. Für einen Unterricht in leistungsdifferenzierten Lerngruppen stünden ihm keine Lehrer zur Verfügung. Dabei sei in den sehr heterogenen Klassen gerade diese Differenzierung das Gebot der Stunde. Ein Lehrer der Robert-Jungk-Sekundarschule beklagte die Schwierigkeiten, die die extreme Heterogenität in den Klassen für die Lehrkräfte mit sich bringe: „In unseren Klassen sitzen viele Kinder mit emotional-sozialen Störungen neben denen, die Abitur machen wollen.“ (DIE WELT vom 25. 02. 2013) – In den Berichten aus den Schulen wird vor allem beklagt, dass die zusätzlichen Stunden für den sonderpädagogischen Förderbedarf, der gerade wegen der problematischen Schülermischung sehr hoch ist, immer weiter zusammengestrichen würden. Vor der Fusion von Haupt- und Realschule wurden die Hauptschüler in Klassen von 15 Schülern unterrichtet. Dies verbürgte einen engen Kontakt der Lehrkräfte zu ihren Schülern. Sie wussten immer über deren Lernstand, aber auch über persönliche Probleme Bescheid. Heute gehen die Hauptschüler in den großen Lerngruppen an der „ISS“ mehr oder weniger unter. Bei 26 Schülern in einer Klasse sind sie kaum noch sinnvoll zu fördern.

Leidtragende der Einführung der Sekundarschule ist vor allem auch die Realschule. Sie gilt als eine der erfolgreichsten Schulformen der Republik. Überall, wo sie noch existiert, erfreut sie sich bei den Eltern einer regen Nachfrage. In Niedersachsen wechselten 2010 noch 34% nach der Grundschule auf die Realschule. In Nordrhein-Westfalen beträgt der Anteil der Realschüler an einem Schülerjahrgang 28,9%. Wenn diese erfolgreiche Schulform jetzt, wie in Berlin geschehen und in Baden-Württemberg beabsichtigt, auf dem Altar der „sozialen Gerechtigkeit“ geopfert wird, kann man zumindest behaupten, dass die Politik den Interessen der Elternschaft zuwider handelt.

Ich habe in meiner langen Laufbahn als Lehrer an der Gesamtschule und am Gymnasium allzu oft erleben müssen, dass gut gemeinte Reformen sich in der schulischen Praxis als untauglich erwiesen haben. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn die Reformen mit dem Anspruch des besonders „Humanen“, „Sozialen“ daherkommen. Dahinter verbirgt sich allzu häufig eine Politik, die Pädagogik mit Sozialpolitik verwechselt. Die Ergebnisse kann man dann beim Vergleich der Schulabschlüsse oder bei der schulartenspezifischen Auswertung der PISA-Ergebnisse besichtigen.

 

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schulformdebatte, Unterrichtsqualität

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s