Freier Blick ins Klassenzimmer

Mir wird immer wieder von Kollegen berichtet, dass sich große Teile des Lehrerkollegiums ihrer Schule dagegen sträuben, ihren Unterricht für andere Lehrer zugänglich zu machen. Zu verfestigt ist die Gewohnheit, im Klassenzimmer  mit den Schülern  allein zu sein – unbeobachtet und unkontrolliert. Die „geschlossene Tür“ beim Unterricht ist eines der letzten Tabus an unseren Schulen.

Wenn dann einmal eine Inspektion von außen droht, reagieren  Lehrer wie kleine Kinder, denen ein böser Erwachsener ihr Spielzeug wegnehmen will. In der FAZ vom 13. 03. 2014 war in dem Beitrag  eines pensionierten Gymnasiallehrers  etwas Deprimierendes zu lesen (Klaus Ruß: „Die Angst vor allem und vor allen“). An einer  hessischen  Gesamtschule stand die Schulinspektion ins Haus. Das Kollegium reagierte mit  Abwehr, sarkastischem Spott und hektischer Betriebsamkeit. Ein solches Verhalten  ist wenig professionell. Es  zeugt von Selbstgefälligkeit und wenig Zutrauen in die eigene pädagogische Stärke. Warum muss man als gestandene Lehrer wie aufgescheuchte Hühner reagieren, nur weil  ihr  Kerngeschäft  – der  Unterricht – einer Betrachtung von außen unterzogen wird!  Ich habe als  Gymnasiallehrer  zwei Schulinspektionen erlebt. Das   Kollegium nahm es gelassen und reagierte professionell:    Jeder Lehrer nahm  im Vorfeld  seinen eigenen Unterricht  kritisch unter die Lupe  und feilte  an dessen  Optimierung.   Das soll die Außen-Inspektion des Unterrichts    ja gerade  bewirken.

Die Qualitätsmessung durch Schulinspektionen markiert  einen Quantensprung im Umgang mit Unterricht. Bis zum Jahr 2001 – die erste PISA-Studie war gerade  veröffentlicht worden –  gehörte es zu den ungeschriebenen Gesetzen der Schule, dass die Lehrkraft in den vier Wänden  des Klassenzimmers nach  eigenem  Gutdünken schaltet und waltet, in voller Autonomie und ohne Kontrolle. Die meisten Schulgesetze garantieren diesen Schonraum durch Festlegungen wie: „Der Lehrer gestaltet Erziehung und  Unterricht frei  in eigener pädagogischer Verantwortung.“ (Schulgesetz von Rheinland-Pfalz). Die Lehrkraft musste sich  für ihr Tun allenfalls  rechtfertigen, wenn die  Klasse disziplinarisch  „aus dem Ruder lief“ oder wenn die Klassenarbeiten zu viele Leistungsausfälle aufwiesen. Die Qualität des Unterrichts selbst wurde von niemandem kontrolliert. Hohe Qualitätsstandards  wurden  stillschweigend unterstellt, weil man  die umfassende akademische Ausbildung unserer  Lehrer umstandslos mit der Qualität ihres Unterrichts  gleichsetzte. Ein fataler Trugschluss – wie man heute weiß. Die Schulinspektoren berichten von   erstaunlichen Erlebnissen: Manche Lehrer redeten die ganze Stunde über, ohne dass ein Schüler zu Wort gekommen wäre. Andere Lehrer ließen die Schüler an Gruppentischen vor sich hinarbeiten,  ohne die Ergebnisse anschließend im Unterrichtsgespräch zusammenzufassen. Wieder andere Lehrer hatten so ungünstige Sitzordnungen gewählt, dass es ihnen schwer fiel, den Überblick über die Klasse zu behalten. Randgrüppchen beschäftigten sich mit privaten Dingen.  Solche Anfängerfehler waren bei  „gestandenen“ Lehrern zu beobachten.  Dass sie dem  Lernerfolg der Schüler im  Wege stehen, ist  mit Händen zu greifen.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat vor einiger Zeit eine interessante Studie durchgeführt:  500 Lehrer  erklärten sich  bereit, ihren Unterricht mit Hilfe einer Videokamera aufzeichnen zu lassen. Die Aufnahmen erstreckten sich über mehrere Wochen. Erfasst wurden alle Schultypen und alle Unterrichtsfächer. Die Unterrichtsstunden wurden wissenschaftlich ausgewertet.  Das Ergebnis war verblüffend: Die Forscher stellten fest,  dass  rund  50 % alle Konflikte im Unterricht  von den Lehrern verursacht worden waren. Häufigste Ursache war die Überreaktion der Lehrkraft bei Unterrichtstörungen; statt Gelassenheit und Humor: Verbissenheit und Strafen, statt verbaler  Abrüstung Eskalation und Härte. Viele Lehrer ließen eine wichtige Lernstimulans völlig außer Acht: die Ermutigung der Schüler. Stattdessen sarkastische Kommentare („deine Mathe-Arbeit ist unterirdisch schlecht.“) oder persönliche Herabsetzungen („Von dir habe ich nichts anderes erwartet.“). Seit John Hatties großer Studie wissen wir, dass Ermutigung eine wichtige Produktivkraft im Lernprozess der Schüler ist. Entmutigung hingegen  kann zu Schulversagen und dauerhafter Schulangst führen. Kann man angesichts  solcher Befunde aus dem „real existierenden Unterricht“  allen Ernstes noch der Meinung sein, eine Evaluation des Unterrichts – sie sie intern oder extern – sei überflüssig?

In Deutschland wird so gut wie alles getestet. Vom elektrischen Eierkocher bis zur Seniorenresidenz wird jedes Produkt und jede Dienstleistung unter die Lupe genommen und mit Qualitäts-Siegeln versehen. Warum sollten Schulen eine Ausnahme machen? Die Eltern haben ein Recht  zu erfahren, wie die Unterrichtsqualität an der Schule beschaffen ist, auf die sie ihre Kinder geschickt haben. Als Klassenlehrer am Gymnasium erlebte ich, dass mir die Eltern meiner Klasse am Schuljahresende einen Wunschzettel der besonderen Art in die Hand drückten. Darauf waren die Namen all der Lehrer notiert, die sie  im nächsten Schuljahr für ihre Kinder gerne hätten.  Die  Eltern waren  bestens über die vermeintlichen Qualitäten und Schwächen der Lehrer  informiert. Die Flüsternetzwerke innerhalb der Elternschaft funktionieren  auf höchstem kommunikativem Niveau. Ihre Wünsche  sind nicht gerade  von Bescheidenheit geprägt:  Der Mathe-Lehrer mit dem besten Erklär-Talent muss es sein; oder die Deutschlehrerin, die das kreative Schreiben so blendend beherrscht. Auch die Englisch-Lehrerin, die die Schüler so sehr begeistern kann, wäre wünschenswert.  Der Haken an der Sache ist, dass nur eine Klasse  das  Menü mit der idealen Lehrermischung bekommen kann. Die anderen müssten sich  mit fachlich-pädagogischer  Hausmannskost begnügen. Zu einer solchen Lehrerwahl durch die Eltern kann es schon aus  einem schlichten Grunde nicht kommen: Kein Schulleiter lässt sich die Lehrerverteilung für den Unterricht aus den Hand nehmen, schon gar nicht von Schulfremden. Der Lehrereinsatz  gehört zu seinen vornehmsten und wichtigsten Aufgaben.  Er  gehorcht zudem Kriterien, die  für Außenstehende  nicht einsichtig  sein können. Wäre es da nicht besser, dass eine Schule alles unternähme, dass sich der Unterricht aller Lehrkräfte verbesserte?

Nach meiner Erfahrung gibt es ein hervorragendes Mittel, um eine Qualitätssteigerung des Unterrichts zu erreichen:   die kollegiale Hospitation – Lehrer besuchen einander im Unterricht. Solche Unterrichtsbesuche dienen nicht der Bewertung des Unterrichts, sondern dem kollegialen fachlich-didaktischen Austausch mit dem Ziel, den Unterricht zu verbessern. Die  Eindrücke von den Besuchen  werden weder der Schulöffentlichkeit noch der Schulleitung mitgeteilt. Mit den „dienstlichen Beurteilungen“ der Schulaufsichtsbehörde  haben sie nichts zu tun. Die Lehrer  sollten begreifen, dass der „fremde Blick“ von außen dabei  helfen kann, falsche Routinen aufzubrechen und neue Ideen für die Unterrichtsgestaltung aufzunehmen. Insofern sind  solche Besuche  für die  besuchten Lehrkräfte eine Hilfe, auch wenn sie anfänglich mit Misstrauen oder gar Abwehr  reagieren.

Am meisten profitieren von den Unterrichtsbesuchen unsere „Kunden“ – die  Schüler. Sie merken sehr schnell, dass sich die Lehrer mehr anstrengen, wenn sie „Besuch“ erwarten. Manche lieblose Unterrichtsgestaltung wird  plötzlich spannend und anregend. Arbeitsbögen sind besser gestaltet, der Umgangston im Unterricht wird  freundlicher. Gleichzeitig haben die Schüler das Gefühl, ihr Unterricht sei etwas wert, wenn schon Erwachsene kommen, um ihn zu erleben. Was will ein Lehrer mehr als eine solche Wertschätzung?

Deshalb:  keine Angst vor dem freien Blick ins Klassenzimmer!

 

 

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Eingeordnet unter gegenseitige Besuche im Unterricht, Innere Schulreform, Unterrichtsqualität

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