Utopie: „digitale Schule“: Der Computer wird´s nicht richten!

 Die Hoffnung der Technik-Optimisten, der Einsatz des Computers im Klassenzimmer werde den Unterricht verbessern, hat sich als Illusion erwiesen.

 Technische Neuerungen lösen oft gesellschaftliche Befreiungsphantasien aus. So auch die Erfindung von PC und Internet. Pädagogen knüpften daran die Hoffnung, die Schule von den Zwängen des mühsamen Lehrens und Lernens im Klassenzimmer erlösen zu können. Sie schrieben sich die  Überwindung der „Kreidezeit“ auf die Fahnen und versprachen das goldene Zeitalter der Didaktik.

Zuerst bekam jeder Klassenraum eine Computer-Ecke, wo man „schnell mal etwas recherchieren“    konnte, so die optimistische Erwartung der Lehrer.  Computerräume wurden eingerichtet, in denen der Unterricht am PC – Informationstechnische Grundbildung (ITG) genannt – veranstaltet  wurde. Die nächsten Neuerungen ließen nicht lange auf sich warten: Das  digitale  Whiteboard (auch Smartboard genannt) hielt Einzug in die Klassenräume. Dazu gibt es an vielen Schulen  Laptop-Klassen oder neuerdings Tablet-Klassen. Jeder Schüler hat das digitale Gerät vor sich liegen und führt die Aufgaben aus, die die Lehrkraft am eigenen Rechner in das interne Netz der Schule eingegeben hat.

Nach der ersten Begeisterung ist vor allem bei den Lehrern der Optimismus verflogen. Umfragen an Schulen ergeben immer das gleiche Bild. Das aufwendige Equipment wird immer seltener benutzt. Das liegt nicht nur an der Technik-Resistenz der „älteren Semester“   unter den Lehrern. Auch jüngere Lehrkräfte  gehen wieder entnervt zum technikfreien Unterricht über. Ein wesentlicher Grund ist die Störanfälligkeit der Technik. Wenn man nur 45 Minuten für eine Unterrichtsstunde zur Verfügung hat, kann man es sich nicht leisten, eine Viertelstunde für das In-Gang-Bringen von Rechner und Beamer zu verschwenden. Hinzu kommt, dass die Rechner so schnell veralten, dass die neueste didaktische Software darauf  nicht läuft. Und ständig neue Rechner zu kaufen, kann sich keine Schule leisten. Die technische Wartung der Geräte wird meistens von  Physik-Lehrern übernommen. Sie bekommen dafür nur  wenige Ermäßigungsstunden. Oft entspricht aber der Gerätepark eines Gymnasiums der PC-Ausstattung  eines mittelständischen  Unternehmens. Dieses  hat mindestens einen IT-Administrator fest angestellt, der die Geräte wartet und auf dem  neuesten technischen Stand  hält. Für das  unterfinanzierte Schulsystem in Deutschland ist das  reine Utopie.

Bei all dem Aufwand, der mit der digitalen Technik getrieben wird, muss die Frage erlaubt sein, ob durch die Verwendung von Computern und digitalen Tafeln der Unterricht wirklich besser wird und ob die Schüler mehr  und nachhaltiger lernen. Es gibt keine einzige seriöse Studie, die diese entscheidende Frage eindeutig  mit Ja beantworten würde. Offensichtlich kann  die  neue Technik  das Manko eines einfallslosen Unterrichts  nicht  beheben.

Die Technik der schnellen und mühelosen  Recherche hat die Methode des geistigen Arbeitens bei den Schülern grundlegend geändert, leider nicht zum Besseren. Wikipedia  wurde zum gelobten  Copy-Land der Schüler. Die Möglichkeit, Textpassagen mit wenigen Maus-Klicks in ein eigenes Manuskript zu kopieren, ist so verführerisch, dass kaum noch ein Schüler darauf verzichtet, sich auf diese bequeme Weise  zu bedienen.  Viele Schulen wehren sich gegen diesen Ideenklau. Sie sammeln  alle Hausarbeiten  nur noch „digital“ – per USB-Stick oder CD – ein, um sie mit Hilfe einer Such-Software auf Fälschungen zu untersuchen. Manche Schulen sparen sich diese kriminalistische  Mühe und verzichten ganz  auf schriftliche Hausarbeiten.  Die Lehrer  testen das Wissen, indem sie  die Schüler in  ein  Prüfungsgespräch über das  zu recherchierende Thema verwickeln. So  kann man die Spreu vom Weizen zuverlässig  scheiden.

Das Problem der Verfügbarkeit  uferlosen Wissens im digitalen Kosmos lässt die Schüler oft hilf- und ratlos zurück. Ein Schüler sollte in meinem  Geschichtsunterricht einen Vortrag zum Thema „Prager Frühling“ halten. Sein Referat ertrank in einer Flut zusammenhangloser Einzelinformationen. Die entscheidende Frage, warum  der „Kommunismus mit menschlichem  Antlitz“ (Alexander Dubcek) für die Sowjetunion so gefährlich  war, dass sie militärisch  intervenierte und den „Frühling“ mit Panzern niederwalzte, konnte der Schüler nicht beantworten. Mir fielen die Worte ein, mit denen Mephisto in Goethes „Faust“  gegenüber dem Schüler  Wagner   einen stümperhaften  Geisteswissenschaftler  karikiert: „Dann hat er die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band“. Mir wurde klar, dass nur derjenige  neues Wissen sinnvoll einordnen kann, der schon über grundlegendes Orientierungswissen verfügt. Was man nicht weiß, kann man auch nicht erkennen, geschweige denn mit anderem vernetzen . Der elementare Auftrag der Schule ist  aber, den Schülern  das „geistige Band“, den Zusammenhang der Dinge zu vermitteln. Dazu braucht ein guter Lehrer  keine technischen Hilfsmittel. Die  wichtigste Methode der  Vermittlung von Zusammenhängen ist das intellektuelle Gespräch.

Das Unterrichtsgespräch ist „nach PISA“ sehr stark in Verruf gekommen. Dieser Methode wird angelastet, die Schüler zu gängeln und an der Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu hindern, weil ausschließlich der Lehrer die Gesprächsführung „in der Hand“ hat.  Viele, vor allem junge Lehrer, wollen sich dem Verdacht  undemokratischen Unterrichtens nicht aussetzen  und wählen nur noch „moderne, schülerfreundliche“ Lernmethoden (Arbeitsgruppen, Partnerarbeit, Lernstationen). Ich halte dies für einen Irrweg. Das Gespräch ist die beste Methode, um sich intellektuell über ein fachliches Problem auszutauschen. Es ist  effektiv und zielführend, weil es die Möglichkeit bietet, die Schüler peu à peu zu neuen Erkenntnissen zu führen und ihre kritischen Einwände unmittelbar in die vom Lehrer angestrebten Lösungen zu integrieren. Die Einübung einer intellektuellen Gesprächskultur ist außerdem ein Beitrag zur Festigung unserer Demokratie.

Wenn man so unterrichtet, erkennt man schnell, dass der Computer im Unterricht oder zu Hause nur eine untergeordnete, eine dienende Funktion haben kann. Man kann ihn einsetzen, um  einen historischen Film abzurufen.  Er ist nützlich, um in Geographie die aktuellen Kennziffern  eines Landes aufzurufen. Die geistige Verarbeitung der Fakten  obliegt jedoch immer dem Lehrer. Er kann und darf sich nicht darauf verlassen, dass die durch die Suchmaschine gesammelte Information  schon die Erkenntnis sei, die das „Bildungserlebnis  Unterricht“  erst möglich macht.

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

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