Das Ende der Inkompetenz

Aus der  Geschichte  der Technik ist uns geläufig, dass Altgewohntes plötzlich  durch den Geistesblitz eines Einzelnen über den Haufen geworfen wird.  In den Geisteswissenschaften  sind solche „Umstürze“ selten. Auch in der Pädagogik hat es seit der Erfindung der Reformpädagogik zwischen 1890 und 1920  keine „kopernikanische Wende“  mehr gegeben. Jetzt könnte  sie erneut  geschehen: durch einen  neuen Pädagogik-Guru, den neuseeländischen Bildungsforscher  John Hattie. Die Times nennt ihn den „wohl einflussreichsten Bildungswissenschaftler der Welt“.  Hat dieser Forscher den Stein der Weisen in  der Unterrichtsforschung  gefunden?  Seine Forschungsergebnisse scheinen dazu angetan, die pädagogische Zunft aufzuschrecken und  ihre Gewissheiten durcheinanderzuwirbeln. Wenn Hatties Forschungsergebnisse in Deutschland ernst genommen würden, wären 50 Jahre schulpolitischer Kämpfe um die richtige Schulform schnöde Makulatur.

In zehnjähriger Fleißarbeit hat John Hattie 800  Meta-Studien ausgewertet, in denen über 50 000 Einzelstudien zusammengefasst waren.  Die Lernergebnisse von 250 Millionen Schülern aus angelsächsischen Schulen sind in die Analysen eingeflossen. Die Datenbasis ist also gewaltig. Einziges Erkenntnisziel Hatties war die Frage: Welche Faktoren hemmen den Lernprozess, welche fördern ihn? Insgesamt 136 Einflussgrößen stellte er in einem Ranking zusammen. Dabei leitete ihn der kühle Blick des Empirikers. „Meinungen gibt es genug“, so lautet sein erfrischendes Diktum.

Die Sozialingenieure der Schule, die – souffliert von OECD und Bertelsmann-Stiftung – von „Lernlandschaften“ schwärmen, in denen die Kinder im „offenen Unterricht“ nur noch „selbstbestimmt  individuell“  lernen, werden sich verdutzt die Augen reiben, wenn sie die Bewertung von Hattie lesen. Er hält offenen Unterricht schlicht für unwirksam. Gewerkschaftsvertreter werden aufstöhnen, wenn sie erfahren, dass  kleine  Klassen  und die finanzielle Ausstattung der Schule so gut wie keine Wirkung auf den Lernerfolg der Schüler haben.

Die Politiker bekommen ins Stammbuch geschrieben, dass ihr Handeln wirkungslos bleibt, wenn es nur auf die Schulorganisation abzielt, nicht aber in die Tiefenstruktur der Schule, den Unterrichtsprozess, eingreift. Bessere Lernergebnisse – so Hattie – lassen sich nur erzielen, wenn man den konkreten Unterricht verbessert, nicht aber immer neue Schulformen erfindet. Die Daten Hatties belegen, dass  die größten Unterschiede im Lernzuwachs nicht zwischen Schulen oder Schulformen erzielt werden, sondern zwischen einzelnen Klassen. Jeder  Schulleiter weiß, dass im Englisch- oder Mathe-Unterricht der Lernvorsprung  zwischen einem gut  und einem nachlässig geführten Unterricht bis zu einem Schuljahr betragen kann.

Damit sind wir bei der zentralen Botschaft der Hattie-Studie: Ob  Schüler erfolgreich  lernen, bestimmt allein  der Lehrer. Er hat es in der Hand, den Unterricht so zu gestalten, dass der Lerneffekt groß ist. Er kann aber auch das Gegenteil bewirken. Während in letzter Zeit  Kultusminister den Lehrer zum „Lernbegleiter“ degradieren (Baden-Württemberg), der lediglich die Selbstorganisation der Schüler unterstützt, fordert Hattie vom  Lehrer, dass er   den Unterricht von A bis Z steuert.

Hattie begreift den Beruf des Lehrers als Handwerk, das  professionell ausgeübt werden  muss. Dem pädagogischen „Handwerker“ stehen  dabei  viele  Stellschrauben zur Verfügung, an denen er drehen kann, um den Output seiner Tätigkeit zu erhöhen. Jede  Kleinigkeit ist dabei wichtig, weil auch sie zum Lernerfolg beitragen kann. Wenn es eine Lehrkraft  nicht schafft, eine ruhige Arbeitsatmosphäre herzustellen, rauscht der Lernstoff an den unkonzentrierten Schülern vorbei. Werden die Hausaufgaben in den geräuschvollen Aufbruch der Schüler am Stundenende hinein erteilt, werden die meisten Schüler sie vergessen.  Selbst bei Abiturprüfungen hat man schon erlebt, dass die Aufgaben so ungenau gestellt waren, dass die  Schüler nur eine vage Vermutung hatten, wie sie  die Aufgabe zu lösen hatten. Nimmt man  Hattie ernst, müsste die Lehrerausbildung vor allem  das Handwerkszeug des Unterrichtens  vermitteln.

Viele Lehrer haben durchaus ein zugewandtes, freundschaftliches Verhältnis zu ihren Schülern. Daraus leiten sie –  oft zu Unrecht – ab, dass die Schüler bei ihnen auch viel lernen.  Ein gutes Lernklima, Wertschätzung für die Kinder  sind notwendige Bedingungen erfolgreichen Unterrichtens. Sie garantieren jedoch für sich alleine noch nicht den optimalen Lernerfolg. Der Lehrerberuf kommt  der  Neigung des  Menschen  entgegen,  sich in Routinen bequem einzurichten. Gerade in der Lehrtätigkeit sind aber  falsche Routinen schädlich. Aufbrechen kann man sie nur, indem man die Selbstreflexion des Lehrers – in Hatties  Ranking  ganz oben – verstärkt.  Hattie fordert ein Feedback, bei dem die Schüler ihre Lehrer bewerten. Ich habe selbst an einer Schule unterrichtet, an der dies üblich ist. Mit  altersgerechten Bewertungsbögen erteilen die Schüler von  Klasse 7 bis 12 ihren  Lehrern  verbale Beurteilungen und Zensuren.  Sie tun dies sehr verantwortungsvoll.  Hier einige Fragen aus einem Bewertungsbogen: Hat die Lehrkraft ihren Unterricht interessant  gestaltet? Ist die Lehrkraft in der Lage, die Schüler für den Lernstoff zu motivieren? Wie hat  die Lehrkraft euch auf Klassenarbeiten und Klausuren vorbereitet? Ist die Lehrkraft offen für Kritik?

Die Bögen werden von Vertrauensschülern ausgewertet.   Wird   eine bestimmte Punktzahl unterschritten, muss der Lehrer  die Hilfe und den fachlichen Rat  eines  Kollegen annehmen und  an einer Fortbildung teilnehmen.  An dieser Schule hat sich schon nach zwei Jahren  die Qualität des Unterrichts nachweislich verbessert –  und zwar  bei allen Lehrkräften. Die  von der Schulverwaltung des Senats von Berlin durchgeführte Schulinspektion bescheinigte dieser Schule hervorragende Ergebnisse.

Die Studie von Hattie wird Furore machen. Sie wird hoffentlich auch die Lehrer aufrütteln, werden sie doch  durch Hattie  in  ihrer Bedeutung für den Lernprozess entscheidend gestärkt. Sie sollten sich künftig bei der Ausübung ihres Handwerks nicht länger von sachfremden, politisch motivierten Zumutungen  beirren lassen.  Ein wenig  mehr Handwerker-Stolz  könnte  nicht schaden. Wenn die Politik nicht völlig beratungsresistent ist, wird sie sich  von  ihrem Lieblingsprojekt, der Gründung immer neuer Schulformen, ein für alle Mal  verabschieden und sich der wirklichen Problemlösung zuwenden: der Verbesserung des Unterrichts. Die Eltern dieser Republik sollten dies von der Politik einfordern.

 

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Rolle des Lehrers, Unterrichtsqualität

Eine Antwort zu “Das Ende der Inkompetenz

  1. IshiraInagi

    In der Tat. Eigentlich sollte man meinen, das Ergebnis der Hattie-Studie sei eine Binsenweisheit, aber wie sich zeigt, bedarf es erst einer solchen empirischen Studie, um die verantwortlichen Stellen aufzurütteln und auf den Kern des Dilemmas hinzuweisen. Dabei konnte ich schon während meiner eigenen Schulzeit in den 80ern erleben, welch großen Anteil die Lehrkraft daran hat, die Schüler für ein Fach zu motivieren oder es ihnen zu vergällen.

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