Freiheit für die Schulen

 

Warum es an der Zeit ist, die Schulen aus der politischen Bevormundung zu entlassen

 

Aushöhlung der  wissenschaftlichen Fundierung des Unterrichts

Seit Jahren fordern Bildungsexperten, an unseren allgemeinbildenden Schulen „Wirtschaft“ als eigenständiges Unterrichtsfach einzuführen. Es soll dem bestehenden Fach „Politische Weltkunde“ ebenbürtig zur Seite gestellt werden. Die Plausibilität dieses Vorschlags liegt auf der  Hand. In der globalisierten Welt gibt es kaum eine politische Entscheidung, die ohne Einsicht in  wirtschaftliche Implikationen verständlich wäre. In Nordrhein-Westfalen weigert sich die rot-grüne Landesregierung, einen seit 2012 bestehenden Modellversuch mit dem Fach „Wirtschaft“ in den  Regelbetrieb  zu überführen. Stattdessen soll ein Fach „Verbraucherbildung“ eingeführt werden, das sich mit den Themen Konsum, Ernährung und Gesundheit befasst. Der Beobachter kann unschwer erkennen, dass hier grüne Lieblingsthemen, mit denen die grüne Partei   bei der  Bundestagswahl  2013 gescheitert ist,  durch  die Hintertür in die schulische Ausbildung eingeschleust werden sollen.

In Baden-Württemberg sorgt ein neuer Bildungsplan landesweit für Aufregung. Darin wird festgelegt, dass die Schüler über „alle Formen familiären und partnerschaftlichen Zusammenlebens“  aufgeklärt werden sollen. Ziel sei es, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ bei den Schülern zu wecken oder zu verstärken. Die Autoren des Entwurfs bedienen sich der  kruden Diktion der  umstrittenen  Gender-„Wissenschaft“. Da ist die Rede von der „bisexuellen, transsexuellen, transgender- und intersexuellen Identität“. Als dieses Ansinnen bekannt wurde,  hagelte es heftige Proteste. Ein  von einem Lehrer initiierter  Internet-Protest  erhielt binnen kürzester Zeit über 60 000 Unterschriften. Die beiden christlichen Kirchen fordern kategorisch:  „Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt  es zu wehren.“ (FAZ, 10. 1. 2014) – Die Kirchen befürchten eine sexualpolitische Indoktrination der Schüler, die dem Geist des Schulgesetzes und der  Landesverfassung widerspreche, in der  das christliche Menschenbild verankert sei.

Es ist auffällig, dass vor allem rot-grüne Bildungspolitiker den Schulen Konzepte aufzwingen wollen, die in der Gesellschaft nicht mehrheitsfähig sind. Sie zerstören zudem den Charakter der schulischen Bildung, die seit Humboldts Zeiten  wissenschaftspropädeutischen  Zielen verpflichtet ist. Der Berliner Philosoph Norbert Bolz nennt diese vorgeblich „gesellschaftlich relevanten Bildungsinhalte“ „Schulungskurse für Political Correctness“ (Cicero, 27. 9. 2012).  Der schulischen Bildung  werden immer mehr Themen aufgeladen, die eigentlich Aufgabe der Erziehung im Elternhaus, in Volkshochschulen oder Jugendeinrichtungen  sind: Verkehrserziehung, Drogenprävention, AIDS-Prophylaxe, Ernährungsberatung.  Von der Schule erwartet man, dass sie  diese Gefahren abwehrt und  den jungen Menschen Lebenshilfe  vermittelt.  Fraglich ist, ob man Verhaltensmotivationen im Unterricht lehrhaft vermitteln kann, zumal die Inhalte sehr stark vom persönlichen Gusto der Lehrkraft, von ihrer eigenen Lebenseinstellung,  abhängen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass  in diesen  Fächern die Wissenschaftlichkeit – das oberste Gebot des gymnasialen Unterrichts – Schaden leidet. Zum anderen gehen diese „Orchideenfächer“ stets zu Lasten des klassischen Bildungskanons, da sich  eine Ausweitung der Wochenstundenzahl  wegen  jugendgesetzlicher  Restriktionen verbietet. Wäre es nicht viel zielführender, die klassischen musischen Fächer (Kunst, Musik, Theater) und Sport zu stärken?  Hier könnten die Schüler die mentale Stärke und seelische Ausgeglichenheit erlangen, die sie gegen manche Gefahren des  Lebens immunisiert.

Ideologische Setzung statt praktischer Evidenz

Am schlimmsten sind derzeit  die „Reformen“ auf dem Gebiet der Unterrichtsmethoden. In Baden-Württemberg wurde den Lehrern  unter dem freundlichen Label einer „neuen Lernkultur“ verordnet, dass das „selbstorganisierte Lernen“ und die „individuelle Förderung“ an die Stelle des herkömmlichen Unterrichts treten soll, bei dem die Lehrkraft die  Lernmethoden eigenverantwortlich  nach  fachlich-didaktischen Erfordernissen wählt. Diese Ausrichtung des Lernens ignoriert alle wissenschaftlichen Erkenntnisse (zuletzt glänzend  bestätigt durch die große Studie von John Hattie), wonach die besten Lernergebnisse dann erzielt werden, wenn die Lehrkraft den Lernprozess aktiv steuert, wenn sich Formen der Instruktion mit denen des Gesprächs und der Eigenarbeit abwechseln. Die personale Beziehung beim Lernprozess durch eine vorgebliche „kompetenzorientierte Selbststeuerung“ preiszugeben, ist an Fahrlässigkeit nicht zu überbieten.

Inzwischen sind fast alle Bundesländer auf den Zug der Individualisierung der Lernprozesse aufgesprungen. Dieses Merkmal findet sich z.B. auch  in den  Inspektionsberichten, die bei den Inspektionen  durch  eine externe Prüfungsgruppe über eine Schule erstellt werden. In Berlin wandte sich der Schulleiter eines renommierten  Gymnasiums per Internet an die Öffentlichkeit. Er berichtete, dass seine Schule beim Schul-Test  in allen Bereichen bestens abgeschnitten habe:  beim Abitur, beim Mittleren Schulabschluss und bei fachlichen Wettbewerben. Nur: „Sorry, wir erzielten diese blendenden Ergebnisse leider  mit der falschen Methode!“ –  Bei der Evaluation des Unterrichts steht  nicht dessen  Ziel im Vordergrund: der bestmögliche Lerneffekt  und die daraus resultierenden Lernergebnisse. Nein, eine politisch gewollte Methode, die des individuellen Lernens, wird absolut gesetzt und, wenn sie von der Lehrkraft nicht praktiziert wird,   selbst gegen  hervorragende Unterrichtsergebnisse aufgerechnet. Hier kann man ablesen, wie absurd es wird, wenn politische Vorgaben wichtiger sind  als praktische Evidenz des Unterrichts und  die Erfahrungen der Lehrkräfte.  Warum kommt kein Politiker auf die Idee, allen Herzchirurgen künftig  eine Methode der Operation vorzuschreiben? In der Bildung glaubt jeder Politiker, ein Experte zu sein und in die sensiblen Prozesse von Unterricht und Erziehung hineinregieren zu dürfen. Deshalb muss die  Kompetenz für reale Lernprozesse  bei denen bleiben,  die  dafür verantwortlich sind –  bei den  Lehrern.

Selbst  Schüler wissen manchmal  besser als   Politiker, welche Form des Unterrichts ihnen gut tut. Als vor dem Zeitalter der Individualisierung die Gruppenarbeit als Allheilmittel angepriesen wurde, waren es die Schüler schon nach kurzer Zeit leid, in jedem Fach das obligatorische Karree bilden zu müssen, um dann im anstrengenden Palaver zu viert ein  Thema  zu bearbeiten. Vor allem die guten Schüler sträubten sich dagegen, weil sie sehr schnell erkannten, dass sie die Hauptarbeit erledigen mussten, während sich  die „Trittbrettfahrer“  im Team  zurücklehnten. Sie bekamen ja dieselbe Note, da das Gruppenergebnis gewertet wurde.  Dazu Norbert Bolz: „Der Teamgeist ist der größte Feind des wirklichen Geistes. Sie können mit einer Gruppenorientierung ein sehr stabiles Durchschnittsniveau finden, aber Exzellenz wird niemals in Gruppen  entstehen.“ (ebd.) – Exzellenz ist ja auch nicht erwünscht. Die rot-grünen Bildungsplaner, die ihre ideologischen Ziele   in die Schulen hineintragen, begnügen sich durchaus mit einem  „stabilen Durchschnittsniveau“, weil dies ihrem gesellschaftlichen  Ideal von sozialer Gerechtigkeit am besten entspricht. Dabei weiß jeder Praktiker des Unterrichts: Die schwachen Schüler werden nicht dadurch  besser, dass man die leistungsstarken bremst.

Verteidigung der Professionalität

Lehrer und Eltern sollten alles unternehmen, um  sachfremde, politisch motivierte  Angriffe auf die Autonomie der Bildung an unseren Schulen abzuwehren. Vor allem muss an der wissenschaftlichen Orientierung der Unterrichtsfächer festgehalten werden. Die Schule muss  sich  wieder darauf konzentrieren, was seit jeher ihr Auftrag  war: die Formung junger Charaktere im   Medium der Bildung.   Ein solcher Bildungsansatz  lässt der  Lehrperson die Freiheit, den fachlichen Gegenstand so aufzubereiten,  wie er es für richtig hält, um  die Schüler   auf  dem Weg in die Welt des Wissens mitzunehmen.

Dabei kommt der  einzelne Schüler keineswegs „unter die Räder“, wie die Apologeten der Individualisierung  stets  insinuieren. Jede verantwortungsvolle Lehrkraft wird sich darum bemühen, dass sich alle  Schüler entwickeln können, wie es ihrer  natürlichen  Begabung und ihrer  häuslichen Prägung entspricht.  Die Garantie für die positive Entwicklung der Kinder sind nicht „passende“ Schulformen und  nicht verordnete Lernmethoden, sondern gute Lehrer.  Zum guten Lehrer braucht es nicht nur fachliches Wissen und didaktisches Geschick. Genauso wichtig sind „weiche“ Faktoren wie Empathie, kommunikative Kompetenz und Humor. Wenn   gute Lehrer eine gute  Schule ausmachen, gilt es vor allem sie  zu stärken. Davon ist leider bei den Verfechtern von „Strukturreformen“ selten die Rede.

Eine  vernünftige  Schulpolitik hält auch  in der Schule am Leistungsgedanken fest.  Leistung als  „Anschlag auf die Kinder“  zu stigmatisieren, ist die  Sicht von  Erwachsenen, die ihre  eigenen  Vorurteile  auf die Kinder projizieren. Es ist nämlich  keinesfalls so, dass Kinder und Jugendliche Leistung verabscheuen. Im Sport und in der Musik  orientieren sie sich  stets nur an den besten Vorbildern. Und wer einmal Kinder beobachtet hat,  wie sie   stundenlang Puzzles zusammensetzen oder Lego-Burgen bauen, wird bestätigen, dass Kinder durchaus leistungsorientiert sein können – aber nur, wenn sie die Sinnhaftigkeit ihres Tuns einsehen und dabei Freude empfinden. Dieser emotionale Aspekt der Leistung geht im schulischen Lernen leider manchmal  verloren, weil die Lernarrangements nicht immer spannend  und die Stundenabläufe  manchmal  zu routiniert und wenig inspirierend sind. Eine flächendeckende Fortbildung der Lehrkräfte könnte dies ändern.

Autonomie der Schulen

Eine vernunftgeleitete Schulpolitik würde den Streit um die richtige Schulform ein für alle Mal beenden. Es genügte  völlig, wenn die Schulbehörde eines Bundeslandes die Standards für die zentralen Abschlussprüfungen (Mittlerer Schulabschluss und Abitur) festlegte. Über den Weg dahin, über Schulform,  Schulprofil und  Unterrichtsmethoden  sollte dann jede Schule autonom entscheiden dürfen.  Liegt die Schule in einem Stadtviertel, das als sozialer Brennpunkt gilt, wird sie in erster Linie versuchen, die soziale Kompetenz,  das Selbstvertrauen und die Sekundärtugenden  der Kinder zu stärken. Sportlicher Wettkampf und Musik und Theater  sind  dafür  probate Mittel. Liegt die Schule in einem Bezirk mit hohem Akademikeranteil, wird sie  den Unterricht abstrakter anlegen und auch Programme für Hochbegabte auflegen. Jeder Lehrer weiß, dass der Einzugsbereich der Schule  Unterrichtsstil und Lernerfolg  der Schüler entscheidend prägt. Die einzelnen Lehrer sollten mit dieser Aufgabe nicht  länger  allein gelassen werden. Die ganze Schule muss ihre Lernkultur auf die  Mentalität ihrer  „Kunden“  abstellen.

Dazu muss Schule  allerdings von der bürokratischen Fesselung befreit werden. Was in einigen Bundesländern  unter dem Label „Schule in erweiterter Verantwortung“  mehr zaghaft als mutig  angestoßen worden ist, sollte flächendeckend  in die Tat umgesetzt werden.  Die volle Verantwortung für Personal, Budget, Schulform,  pädagogisches Profil, Lernmethoden  und für die Evaluation der Lernergebnisse muss endlich der Institution gegeben werden, die in der täglichen Unterrichts- und Erziehungsarbeit auch die Verantwortung trägt. Man kann getrost davon ausgehen, dass die an den Schulen versammelte Intelligenz und die an der täglichen Arbeit der Lehrer ablesbare Professionalität  den Denkhorizont von Politik und Verwaltung deutlich übersteigen. Es ist  ein vordemokratisches Relikt, dass diejenigen, die etwas  „von oben“ verordnen, für die Resultate ihres Tuns nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Die Einführung des Haftungsprinzips in der Bildung tut also genauso Not wie im zügellos agierenden Finanzwesen. Die Schulen sollten deshalb künftig nur noch einer Instanz gegenüber verantwortlich sein: ihren Schülern und deren Eltern.

 

 

 

 

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